"Europa ist out, der Nationalstaat wieder in"

Ein Gespräch über die Rache derer, die nicht von der europäischen Idee profitieren.
Interview: Eva Hoffmann
Foto: Jasper Juinen/Bloomberg

Senka Neuman-Stanivukovic lehrt im Masterprogramm Euroculture in Groningen. In ihrem  Studiengang kommen junge Leute aus über zwanzig Nationen zusammen. Warum ihre Studenten immer noch an Europa glauben , was sie einem drohenden Brexit entgegenhalten wollen und was eigentlich hinter der anti-euopäischen Strömung steckt, erklärt sie im Interview. 

jetzt: Im Studiengang Eurocultures kommen Menschen aus über zwanzig Nationen zusammen. Glauben die Studenten denn selbst noch an die Idee von Europa?

Senka Neuman-Stanivukovic: Bestimmt nicht alle. In den Kursen sitzen Menschen mit verschiedensten kulturellen und wissenschaftlichen Backgrounds. Ein Student aus China hat eine andere Sicht auf Europa als eine Studentin aus Frankreich, das kann sehr produktiv sein. Eigentlich ist das die Grundidee Europas: Wir proben die Transnationalität. Das bedeutet, dass wir gerade wegen dieser unterschiedlichsten Hintergründe alle Perspektiven gleichermaßen ernst nehmen und versuchen, gemeinsam und über nationale Grenzen hinweg Lösungen für die Probleme Europas zu finden. Es ist nicht unsere Aufgabe, Werbung für die EU Institutionen zu machen. Wer sich heutzutage für dieses Studium entscheidet, muss diese Probleme verstehen wollen. Das ist ja gerade das Spannende, zu fragen: Wie kommt es zu einer Idee wie dem Brexit? 

Ja, wie eigentlich? 

Ich glaube, die ganze Brexit-Kampagne ist das Symptom einer sehr viel größeren europäischen Krise. Das Problem ist, dass die Europa-Politik seit dem Zweiten Weltkrieg immer nur die integrativen Seiten der EU betont: Ich fühle mich zum Beispiel in mehreren Ländern zu Hause, spreche verschiedene Sprachen, fahre am Wochenende nach Italien oder Wien. Aber das können eben nicht alle EU-Bürger. Es braucht ein gewisses ökonomisches und kulturelles Kapital, sich die Vorteile Europas leisten zu können.  

Woher kommen diese Tendenzen zur Abspaltung?

Man muss sich das historisch anschauen: Europa ist für uns Normalität geworden. Vor der Wende hat Brüssel sein eigenes Ding gemacht. Die Menschen haben Europa nicht aktiv befürwortet, aber es hat sich auch niemand beschwert und die Bedrohung durch die Sowjetunion sicherte den Zusammenhalt Westeuropas. Nach der Wende wurde die EU sichtbarer, finanziell und politisch. Europa wurde außerdem größer und Dinge wie Reisefreiheit und Frieden für noch mehr Menschen selbstverständlich. Gerade da liegt das Problem: Wir haben uns so sehr an Europa gewöhnt, dass wir glauben, es ist unkaputtbar. Donald Tusk oder Jean-Claude Juncker warnen deshalb immer mehr vor diesen Austrittstendenzen. 

 

„Europa ist out“

 

Warum sind diese Stimmen gegen Europa gerade so viel lauter als die der Befürworter?

Viele Menschen profitieren von der EU, ohne es bewusst zu merken. Trotzdem gibt es kaum pro-europäische Bewegungen, die von der Basis ausgehen. Abgesehen von Großprotesten wie die Anti-TTIP Bewegung oder damals die Demonstrationen gegen den Irak-Krieg, gibt es keine laute und einheitliche Pro-Europa Stimme. Davon bräuchten wir mehr. Dagegen sind diejenigen, die gegen die EU mobilisieren, präsenter. Sie haben es auch leichter, weil sie ihre Kampagnen auf nationaler Ebene ansetzen. 

 

Warum scheint ein Austritt so attraktiv?

Wir haben es mit einer neuen Dynamik zu tun: Europa ist out, der Nationalstaat wieder in. Mir kommt es so vor, als hätten manche ein „Europa-Burnout“ von den ganzen Veränderungen und Erweiterungen. Da wünscht man sich die alte Einfachheit zurück. Die „Nation“ ist so eine einfache Erzählung. Wir wissen, was wir an unserem eigenen Land haben, wir einigen uns auf eine Muttersprache und fühlen uns zugehörig. Die Geschichte hat uns eigentlich gelehrt, dass diese wenig komplexe Sichtweise sehr problematisch ist. Das Problem ist, dass sich viele Menschen sehr schnell für solche vereinfachenden Ideen mobilisieren lassen. Der Brexit ist Ausdruck davon und eine Kurzschluss-Lösung. Leider eine, die begeistert.

 

 

Liegt das daran, dass die EU als Konstrukt zu abstrakt bleibt?

Immer wenn es Kritik an Europa gibt, ist die Erklärung; Die Leute verstehen einfach nicht, was die EU ist. Es ist aber auch ein Mythos, der so nicht stimmt. Selbst meine Oma weiß mittlerweile, was der Schengen-Raum ist oder wer im Europäischen Parlament sitzt. Allein mit Unwissen lässt sich das nicht erklären.

 

Was fühlen Menschen, die nicht mehr zur EU gehören wollen?

Ich mag die Frage, weil es genau darum geht: Ein Gefühl. Für etwas sein ist immer eine leidenschaftliche Sache. Wer macht schon vor der Wahl eine Pro-Contra-Liste? Wer für einen Brexit stimmt, fühlt vielleicht sowas wie Verbundenheit mit seinem Land. Gleichzeitig spielt da sicher auch eine große Angst vor dem Fremden, vor anderen Ländern und Migranten mit rein. Sie wollen, dass sich was verändert und das ist erst mal ein grundmenschliches Bedürfnis. Die Brexit Kampagne bündelt diese Ängste geschickt und bietet eine vermeintliche Lösung an: Der Ausstieg, der alles verändern wird. Was danach käme? Das würde sich erst zeigen, wenn die Begeisterung abgeklungen ist.

 

Was passiert, wenn Groß Britannien am 23. Juni aus der EU austritt?  

Wenn ich eins als Professorin gelernt hab, dann, dass man nie versuchen sollte, die Zukunft vorauszusagen. Die Wissenschaft liegt ständig falsch. Es ist sehr gefährlich, schnelle Lösungen vorzuschlagen, bevor das Problem überhaupt klar ist. Trotzdem glaube ich, dass die Sozial- und Geisteswissenschaften besonders in Krisenzeiten dazu beitragen müssen, diesen Problemen auf den Grund zu gehen und langfristige Lösungen anzubieten.

 

Also müssten mehr junge Leute Europawissenschaften studieren?

Nicht unbedingt Euroculture, aber allgemein kritische Geistes- und Sozialwissenschaften. Es ist ein internationales Phänomen: Politiker wie Trump in den  USA oder Babis in Tschechien reden von der Nation als wäre es ein Unternehmen, das einfach nur gut geführt werden muss. Wer also nicht will, dass sein Wohnzimmer zum Büro und der Chef zum Präsidenten wird, sollte kritisch hinterfragen, was eigentlich gemeint ist, wenn von Dingen wie „Nation“ die Rede ist. Es liegt an Disziplinen wie Euroculture, diese Konstrukte zu hinterfragen und die Bedeutung von Kultur sichtbar zu machen.

 

Wie könnten Alternativen zu den „Exits“ aussehen?

Ein Exit ist definitiv keine Lösung. Wir brauchen Alternativen, die uns zusammenbringen, statt uns auseinanderreißen. Ideen von Transnationalismus müssen wieder präsenter werden. Zum Beispiel wurde in einem meiner  Kurse in Euroculture ein Konzept für staatenübergreifendes Lernen über Europa entwickelt, das im Internet frei zugänglich ist. Es würde auch helfen, europäische Geschichte oder Literatur schon in den Schulunterricht einzubinden zusammen mit einem guten Sprachangebot. Ein länderübergreifender Lehrplan könnte da hilfreich sein. Momentan werden zum Beispiel Geschichtsbücher für deutsche und polnische Schulen entwickelt, die versuchen, gemeinsame Geschichte von beiden Perspektiven zu vermitteln. Es sind kleine Ansätze, aber sie könnten die Grundidee eines integrativen Europas wieder attraktiver machen. 

 

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