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"This is such a crazy world"

Unsere Autorin trieb sich gestern Nacht in Berlin auf Brexit-Streamings rum. Und dokumentierte die Stimmung, als das passierte, woran keiner wirklich glaubte.
Von Charlotte Haunhorst
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Foto: Charlotte Haunhorst

22.15 Uhr

Ich steige aufs Rad und fahre zum "Roten Salon", der Kneipe in der Berliner Volksbühne. Heute Abend ist hier die Party #WithorwithoutUK, eine Art Public Viewing. Als ich ankomme, läuft gerade ein Pubquiz. Der Moderator zeigt einen Ausschnitt aus der "Heute-Show", bei dem der Moderator Brexit-Anhänger veräppelt, indem er behauptet, die Briten dürften dann nicht mehr bei der EM mitspielen. Alle lachen, jemand fordert, die Queen im Falle des Brexit zurück nach Deutschland zu schicken. Die Gruppe neben mir tuschelt: "Dürfen wir eigentlich noch beim Eurovision Song Contest mitmachen, wenn wir die EU verlassen?" Die Stimmung ist fröhlich, an den Brexit glaubt hier niemand. 

22.45 Uhr

Ich frage das Mädchen neben mir, mit was für einem Ausgang heute Nacht sie rechne. Sie selbst ist allerdings Kanadierin, es ist ihr eigentlich ziemlich wurscht. "I'm here for the thrill", sagt sie. Und, dass ja eigentlich jedes Ergebnis blöd wäre, weil das Land danach auf jeden Fall gespalten sein wird.

22.55 Uhr

Das Pubquiz ist um, gewonnen hat die Gruppe, die besser eine Rede der UKIP, also der "Raus aus der EU"-Bewegung imitieren konnte. Im Raum sind eher "Stay"-Wähler, ist ja irgendwie auch logisch – welcher EU-Feind lebt schon in Berlin und geht dann zu so einer Veranstaltung? Jetzt wird der Livestream zur BBC angeschmissen. Big Ben auf der Leinwand schlägt zehn, es wird still. Das bedeutet, dass die Wahllokale jetzt schließen und ausgezählt wird. 

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Foto: Charlotte Haunhorst

23.00 Uhr

In der BBC sagen sie, dass es natürlich noch keine offiziellen Ergebnisse gäbe. Aber Twitter dreht bereits durch. Umfragen sehen die "Stay"-Fraktion leicht vorne, von 52 bis 54 Prozent ist die Rede. Im Raum wirken alle erleichtert und ruhig – für die meisten hier läuft wohl alles nach Plan.

23.20 Uhr

Nigel Farage, Anführer der "Leave" Kampagne sagt gegenüber Sky, dass er glaubt, die "Remain"-Anhänger hätten gewonnen. Später sagt er aber, das hätte er doch nicht so gesagt und dann irgendwie doch. BBC fasst zusammen: "Er ist sich semi-sicher, dass Remain gewonnen hat."

00.30 Uhr

Umzug in den Grünen Salon, weil sie den roten zumachen müssen. In Berlin geht's ja oft spät los, aber so spät ist wohl auch hier neu. Andreas Bock, einer der Veranstalter des Abends, sagt, dass das Brexit-Thema in den vergangenen Wochen spürbar wichtiger geworden wäre. Die meisten Zuschauer hier seien Expats und dementsprechend, wie gedacht, EU-freundlich eingestellt. Aber die Sorgen über die Zukunft seien in den vergangenen Wochen in der Community deutlich spürbar gewesen. Ein britischer Journalist erzählt mir, dass er die Ergebnisse schon hätte und 52 Prozent für "Stay" stimmen würden. Ziemlich selbstbewusst, der Gute.

00.35 Uhr

Im Fernsehen werden die ersten Ergebnisse aus Gibraltar verkündet. 19.322 Menschen haben für "Remain" gestimmt, 823 für "Leave". Dass die Stimmung dort eher pro EU ist, war zu erwarten. Trotzdem applaudieren die Leute bei den Ergebnissen. Irgendwie nett als Einstieg, dieses Ergebnis.

01.20 Uhr

Das erste Leave-Ergebnis kommt, aus Sunderland. Mit 61 Prozent. Die Leute sind geknickt, manche rufen "Buh" und Twitter explodiert – war das vielleicht alles doch gar nicht so sicher mit dem "Bremain"? Der BBC-Moderator sagt, man solle jetzt auf jeden Fall wach bleiben. Im ersten Moment denke ich, das ist jetzt quasi Klickbaiting im Fernsehen. Wie früher bei "DSDS", wo sie ja auch immer über Stunden gesagt haben "Es bleibt spannend" – und nix passierte.

 

01.35 Uhr

Man merkt ein bisschen die Werktätigen-Grenze. Wenn's auf 2 Uhr zugeht, haben alle das Gefühl, sie seien jetzt wirklich lange wach gewesen. „Ich lass' mich einfach morgen zum Frühstück überraschen“, ist der wohl am häufigsten fallende Satz.

 

03.30 Uhr

Ortswechsel. Ich fahre mit dem Rad nach Neukölln. Verrückt, dass es um diese Zeit bereits hell wird. Vor einer Dönerbude sitzen zwei sichtlich angetrunkene Briten und schreien einander an. Ob da bereits der Riss durchs Land spürbar ist, von dem die Kanadierin sprach?

 

03.45 Uhr

Ich komme in der schottischen Kneipe "Das Gift" an. Erst jetzt wird mir klar, wie gesetzt die vorherige Veranstaltung war. In der kleinen Kneipe sind mindestens 30 Grad, alle schwitzen. Dazu Lärm, Kippen und Bier. Eine Frau sieht so aus, als würde sie gerade unter einen Tisch kotzen, ein Mann beugt sich besorgt zu ihr runter. Aber dann ist doch nur ihre Kosmetiktasche runtergefallen.

 

04.00 Uhr

Der Zeitpunkt ist da, von dem die Moderatorin vorhin gesprochen hat: Immer mehr Ergebnisse trudeln ein. Knapp 100 sind ausgezählt und es ist tatsächlich so, dass "Leave" mit einigen Hundertausend Stimmen führt. Die Leute rauchen wie verrückt, jedes Mal, wenn Nigel Farrage vor die Kamera tritt, brüllen sie "Buh" und die Kellnerin muss wiederholt darum bitten, nicht so laut zu sein – die Nachbarn und so. Viele sind allerdings zu betrunken, um das noch zu verstehen. Aber noch sind ja 280 Wahlkreise offen. 

 

04.40 Uhr

Edinburgh votet "Remain" und ein Typ schmeißt vor Euphorie sein Bier an die Wand. Ich würde allmählich gerne mittrinken, das macht doch alles ein bisschen Angst. Auf Twitter schreiben sie, dass das Pfund dramatisch abstürzt.

 

04.50 Uhr

Mark aus den Niederlanden setzt sich neben mich. Er sagt, er würde sein Geld jetzt schnell noch auf den Brexit setzen. Tatsächlich liegt der gelbe Balken mit "Stay" nur bei 48 Prozent, der mit "Leave" mit 52 Prozent vorne. Mark sagt, in China sei gelb die Farbe für "Horny". Ich frage nach der Bedeutung von Blau. Habe keine Bedeutung, sagt er, und lacht. Und dann noch, dass für viele Briten hier im Raum der Berlin-Aufenthalt gerade um einiges teurer wird. Tatsächlich steht das Pfund mittlerweile auf dem schlechtesten Stand seit 30 Jahren.

 

05.00 Uhr

Sagt man ja auch nicht oft um fünf Uhr morgens, aber: Die Kneipe wird wieder voller. Viele haben anscheinend bis jetzt geschlafen. Eine junge Frau in abgeschnittenen Jeans kommt rein. Als sie den blauen Balken, immer noch bei 52 Prozent, sieht, brüllt sie "What the fuck is happening", und wirft sich auf den Boden. Ich stehe inzwischen selbst ein bisschen unter Schock. Das Gefühl, was das bedeuten könnte, und noch viel schlimmer, das Wissen, dass man eigentlich keine Ahnung hat, was das tatsächlich bedeuten wird, breitet sich in mir aus. In der Zeit gab es neulich einen Artikel darüber, wie der Brexit ablaufen könnte. Cameron wird zurücktreten, alles läuft langsamer als gedacht und am Ende zahlt man doch fleißig weiter in die EU-Kassen ein, um mitspielen zu können. Aber das war damals halt noch wilde Spekulation. Jetzt wird es sehr ernst. Dieses Gefühl, dass alles bröckelt, macht mir einen ganz trockenen Mund. Ist aber vielleicht auch der Zigarettenrauch hier.

 

05.30 Uhr

Neben mir sitzt ein Paar aus Schottland. Sie sind gerade erst nach Berlin gezogen, arbeiten beide hier. Und sind traurig. Schottland ist auf der Karte an der Leinwand komplett gelb, alle Kreise haben hier bisher für "Stay" gevotet. Nordirland ist wohl ebenfalls fürs Bleiben, Wales knapp dagegen. Der Schotte sagt, dass er nach einem Brexit mit einem neuen Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands rechnet. Aber dass das halt auch dauern würde. Wie es bis dahin mit seinem Job in Berlin aussieht, weiß er nicht. Seine Freundin lehnt sich in seinen Arm und gemeinsam starren sie wieder stumm auf die Leinwand. Die schottische Ministerpräsidentin bestätigt kurz darauf, dass man sich "auch zukünftig als Teil der EU" sähe.

05.50 Uhr

Die BBC legt sich fest und sagt, dass UK die EU wohl verlassen wird. Auf dem Handy prasseln die Push-Meldungen ein, dass es das wohl war. Nigel Farage wird erneut gezeigt, ein junger Brite steht auf und hält eine pathetische Rede. Er brüllt, dass wir jetzt alle zusammenhalten müssen, dass wir UK retten müssen für die nachfolgenden Generationen. Dann reckt er die Faust in Che-Guevara-Pose hoch und beschimpft Farage und die UKIP als Betrüger. Alle applaudieren. Nur ein Typ, der sich eine Europa-Flagge als Cape umgebunden hat, sitzt ganz still in der Ecke. Wie ein gescheiterter Superman. Die Kollegen bei SZ.de schreiben, es würde mit dem EU-Austritt von UK mindestens bis 2020 dauern.

 

06.10 Uhr

Die Stimmung ist jetzt komplett fatalistisch. Manche machen Selfies. Das werden dann später wohl zeithistorische Dokumente. Drei Männer an der Bar fangen an, Schnaps zu bestellen, einer sagt immer wieder "This is such a crazy world". Ein Paar gegenüber diskutiert, ob es sinnvoll wäre, jetzt zu heiraten – er als Brite und sie als Deutsche. Macht's vielleicht mit der Aufenthaltsgenehmigung einfacher. Ein Australier diskutiert wiederum mit einem Briten, ob Trump jetzt vielleicht auch Präsident wird – scheint jetzt ja alles möglich. In den Umfragen hat die Leave-Fraktion fast genau eine Million Stimmen Vorsprung. 52 zu 48 Prozent sagen die Vorhersagen.

 

06.15 Uhr

Auf Twitter schreibt jemand, sie fühle sich, als hätte gerade jemand mit ihr Schluss gemacht. Ich kann's nachfühlen. An dieser Stelle übrigens Grüße an den klugen Menschen, der heute noch meinte, es sei gefährlich, sich einer Sache zu sicher sein. Du hattest recht. Und an den englischen "Ich hab schon die Ergebnisse"-Journalisten: Fuck you!

 

06.35 Uhr

In Deutschland waren übrigens 79 Prozent der Menschen für einen Verbleib von UK in der EU. Man fragt sich ja schon, warum die Menschen dort so viel unzufriedener mit der EU sind als wir. In UK führt Leave jetzt mit 1,1 Million Stimmen Vorsprung, noch 20 Kreise werden ausgezählt. 72 Prozent Wahlbeteiligung. Das war's wohl. Eine junge Frau fängt an zu weinen, der Mann mit dem EU-Cape tröstet sie. Der Che-Guevara-Poser hält nochmal eine Ansprache: "Are we disappointed? Do we want another result?" "Yes", rufen alle. Ratlosigkeit, was man jetzt tun soll. "Don't panic", ruft ein Australier. Allmählich verwandelt sich die Kneipenrunde in eine Selbsthilfegruppe.

 

06.55 Uhr

Die Leute packen ihre Sachen und gehen nach Hause. Das tue ich jetzt auch. Der Tag wird schlimm genug. Chaos überall, bei den Menschen, an den Börsen. Die AfD wird sicher etwas ganz Schlimmes sagen. Sowas wie, dass das ein Vorbild für Deutschland sein kann. Und die verbleibenden EU-Mitglieder werden ihre Muskeln spielen lassen, um zu zeigen, dass sie auch ohne UK können. Ich hoffe trotzdem, dass der Pathos-Mann aus der Kneipe recht hat. Dass wir jetzt trotzdem zusammenhalten. Don't panic. Ich hol mir jetzt ein English Breakfast. Bisschen Nostalgie darf auch sein.