Wir schmeißen fast ein Drittel unserer Nahrungsmittel weg - muss das sein?

Unsere Autorin hat in Münchens Mülltonnen nach Antworten gesucht.
Von Anonym*

Illustration: Julia Schubert

Ich stecke bis zum Bauchnabel im Müll. Mit bloßen Händen wühle ich mich im kalten Licht der Handylampe durch Dreck, Plastik, Gemüse. Falls es stinkt, rieche ich es nicht mehr – anfangs musste ich den Kopf noch abwenden. Jetzt ist das auch egal. „Schau mal“, flüstere ich und fische eine zerdellte Plastikschachtel aus dem Container – Bio Pflücksalat. Jonas* wirft einen kurzen Blick darauf, leuchtet wieder in den Müllsack und entdeckt noch einen. „Richtig gut!“, raunt er zurück. „Den anderen nehm’ ich.“ Ich tauche wieder ab.

Dass ich um elf Uhr abends Münchner Müllcontainer durchwühle, ist Jonas’ Schuld. Er hat mich schon vor einer Weile gefragt, ob ich nicht mit ihm containern will. Seine WG lebt von dem, was andere wegwerfen. Alle paar Tage machen sie einen Beutezug durch die Mülltonnen der Stadt. Drei umweltbewusste Studenten aus Besserverdiener-Familien, die nicht für etwas zahlen wollen, was es auch so im Überfluss gibt. Aber ich? Mich durch vergammelnde Essensreste wühlen, um noch ein, zwei verwertbare Überbleibsel zu finden? Ich doch nicht.

Protest gegen elf Millionen Tonnen weggeschmissene Lebensmittel pro Jahr

Wäre da nicht das verdammte schlechte Gewissen. Vor ein paar Tagen habe ich mal wieder den Kühlschrank aussortiert. Schimmeliger Käse, alte Eier, vergammelte Mango. Und würde ich im Supermarkt die Tomate mit der kleinen Druckstelle nehmen? Als ob. Die Tomate bleibt übrig, kommt vielleicht zur Tafel, sonst landet sie im Müll. Zusammen mit elf Millionen Tonnen anderen Lebensmitteln jedes Jahr. Das schätzt das Ernährungsministerium. Absurd. Andere machen da schon längst nicht mehr mit. Bei Youtube wuchten sich vollbärtige Hipster bei Nacht über Metallzäune. Jutebeutel um Jutebeutel schleppen sie ihre Schätze aus Deutschlands Hinterhöfen, unterlegt mit dramatischer Musik. Hinterher halten sie, die Stirn in anklagende Falten gelegt, ihre geretteten Bananen in die Kamera. Sie retten schließlich nicht nur Bananen, sie retten die Welt. Und die soll das auch mitkriegen. Irgendwie nicht mein Stil.

Außerdem illegal. Ich habe eher keine Lust auf Sozialstunden wegen eines „besonders schweren Fall des Diebstahls“, wie die zwei Münchner Studentinnen, die beim Containern erwischt wurden. Denn noch ist Containern genau das: Diebstahl. Essen ist Eigentum, selbst wenn es längst auf dem Boden einer privaten Mülltonne verschimmelt. Und sich wie die Youtuber über Mauern bis zu den Tonnen durchzuschlagen, zählt eindeutig als Hausfriedensbruch. Andererseits zeigen solche Aktionen eben auch, wie viele gute Lebensmittel hinter diesen Mauern im Müll enden und was das für eine unnötige Verschwendung ist. Ich wäge ab – und sage Jonas zu.

Zwei Meter Beton, die mir den Weg zum Essen versperren. Da muss ich rüber

Wir verabreden uns für Dienstagabend, halb elf, in einem eher noblen Viertel in München. Unser Ziel: ein Supermarkt-Hinterhof. Während ich im Neonlicht der U-Bahn-Station auf Jonas warte, trete ich unsicher auf der Stelle. Meine Kapuze habe ich tief ins Gesicht gezogen, die Hände mit den dünnen schwarzen Handschuhen versenke ich in den Taschen meiner dunklen Jacke. Bloß keine Aufmerksamkeit erregen. Da passiere schon nichts, versucht Jonas mich zu beruhigen. Wir machen uns auf den Weg. Ich schaue mich um, immer wieder. Wir sind fast allein auf der Straße, kein Grund zur Panik. Nur noch eine Ecke, dann stehen wir vor einer Mauer – und mich verlässt der Mut. Zwei Meter Beton, die mir den Weg zum Essen versperren, vollgeschmiert mit Graffiti. Da muss ich rüber. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

Jonas will als Erster springen. Drei Schritte Anlauf, Aufstützen, Fuß auf die Kante, eine flüssige Bewegung. Ich mache es ihm nach – und klatsche mit Schwung gegen den kalten Stein. Zweiter Versuch, gleiches Ergebnis. Wer beschützt seine Mülltonnen mit Zwei-Meter-Mauern? Jonas ruft nach mir, leise, aber oben im Haus ist trotzdem schon ein Licht angegangen. Scheiße. Er kommt wieder zu mir zurück und macht für mich eine Räuberleiter; ich drücke mich hoch, rolle gekonnt über die Kante und falle auf der anderen Seite herunter. Da sind sie: ein gutes Dutzend Müllcontainer.

„Mein Lieblingsspot“, sagt Jonas. Er schlägt den ersten Deckel auf, den zweiten, den dritten. Ich leuchte mit meinem 700-Euro-Handy hoffnungsvoll in einen Müllsack. Ein ramponierter Salatkopf, beige-gräulicher Kloßteig, Undefinierbares. Ich bin enttäuscht. Hier im Supermarkt-Hinterhof liegt überhaupt kein Essen, nur ein Haufen Vergammeltes. Jonas scheint das anders zu sehen. Ein beherzter Griff, zusammengekniffene Augen, dann ein Lächeln. „Basilikum!“

Ich soll es auch ausprobieren. Am ersten Salatkopf zupfe ich noch unschlüssig herum, schiebe ihn ein wenig durch die Tonne, bis Buttermilch darunter hervorleuchtet. Ich berge sie vorsichtig aus dem Haufen, ein bisschen dreckig ist sie von außen. Aber das Verfallsdatum sagt mir: noch zwei Tage. Warum sie auf dem Müll liegt? Keine Ahnung. Aber wir haben sie gerettet. Stolz packt mich. In der Tonne will noch mehr Essen gerettet werden.

Wie im Rausch ziehen wir Stück für Stück aus der Tonne. Rausholen, danach denken

Je tiefer ich mich vorarbeite, desto mehr Reste von Fremden kommen zum Vorschein. Ich streichle über einen Salatkopf, der niemandem etwas getan hat und trotzdem entsorgt wurde; unter ihm liegen verlassene Mini-Paprika, doppelt eingepackt in Plastik. Der traurige Baby-Spinat, begraben unter all dem anderen, zerreißt mir fast das Herz. Wie im Rausch ziehen wir Stück für Stück aus der Tonne. Rausholen, danach denken. Was wir nicht brauchen, können wir ja zuhause wieder wegwerfen. Am Ende sind es fast zehn Kilo. Pflücksalat, Johannisbeerjoghurt, Rosenkohl, Salami, Kräuterquark, Bio-Camembert, Basilikum, Baby-Spinat, Knödelbrot, eine Möhre und zehn Becher Buttermilch. Ein schlechter Tag, sagt Jonas, sonst sei es mehr. Die ganze Aktion hat vielleicht eine halbe Stunde gedauert, mehr können wir sowieso nicht essen. Eigentlich ist auch die Menge schon zu viel.

Als ich nach Hause komme, packt mich die Neugier. Ich schnappe mir die Buttermilch und reiße am Deckel, unsicher, was ich davon halten soll. Habe ich ja gerade noch aus der Tonne gefischt. Ich schnuppere, beäuge, nippe. Dann ein ganzer Schluck. Buttermilch halt.

*Mehrere Gerichte in Deutschland verhandeln derzeit über die Strafbarkeit von Containern, die Justizministerkonferenz lehnte gerade einen Antrag aus Hamburg ab, das Containern zu legalisieren. Wir haben die Autorin und ihren Begleiter deshalb zu deren eigenem Schutz anonymisiert. Beide Namen sind der Redaktion aber bekannt.

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