Warum Markus Söder auf einmal so beliebt ist

Christian von Sikorski, Professor für Politische Psychologie, erklärt unsere Sehnsucht nach Führung in Krisenzeiten.
Interview von Raphael Weiss

Foto: Raffael Heiss

Seit das Coronavirus in Deutschland angekommen ist, ist Markus Söder in den sozialen Netzwerken plötzlich ein Star. Schon lange konnte kein CSU-Politiker mehr derartige Umfragewerte erreichen, wie Söder. Aber auch Angela Merkel oder Jens Spahn bekommen neuerdings für ihr Vorgehen viel Lob. Christian von Sikorski, Professor für politische Psychologie an der Universität Koblenz-Landau, erklärt woher die Unterstützung kommt und was Angela Merkel besser macht als Donald Trump.

jetzt: In den sozialen Medien häufen sich gerade die Lobgesänge auf einzelne Politiker*innen. Gerade Markus Söder avanciert zum Liebling der Deutschen – beobachten Sie derzeit auch diesen Trend?

Christian von Sikorski: Subjektiv nehme ich das auch absolut so wahr. Genaue wissenschaftliche Zahlen gibt es dazu noch nicht, aber ich denke, dass die das später auf jeden Fall bestätigen werden.

Woher kommen diese Lobgesänge auf Politiker*innen?

Wenn man anschaut, welche Politiker gelobt werden, dann sind das vor allen Dingen Angela Merkel, Jens Spahn, Markus Söder und zu Teilen auch Armin Laschet. Das sind genau die Politiker, die aufgrund ihres Aufgabengebiets gerade extrem im Fokus stehen, den Ton angeben und sich teilweise auch selbst inszenieren, indem sie jeden einzelnen Tag in den Medien auftreten.

Sehnen sich die Menschen also nach Autoritäten?

Zumindest in Krisen sehnen sich viele Menschen nach Führung. Sobald wir uns in einer Bedrohungssituation befinden, gibt es bei einem gewissen Anteil der Bevölkerung eine Aktivierung von autoritären Einstellungen. Diese Einstellungen sind bei ihnen von vornherein da, aber in dem Moment werden sie aktiv. Aber auch Menschen, die diese Einstellungen normalerweise nicht haben, sehnen sich ein Stück weit nach klaren Hierarchien. 

Woran liegt das?

In der jüngeren Geschichte hatten wir gerade in Deutschland nur Krisen, die ausschließlich einen bestimmten Teil der Bevölkerung gefährdet haben. Zugespitzt gesagt: Klar können wir eine neue Rentenreform machen, aber wir könnten es genauso gut lassen. Das politische Interesse am Coronavirus ist aber bei fast allen Menschen sehr hoch. Denn die Bedrohung betrifft alle. Jeder kann erkranken, jeder hat geliebte Menschen, die durch das Virus sterben könnten. So entsteht der Wunsch nach einer starken Führung, die es schafft, diese Bedrohung aufzuheben.   

Heißt das, im Grunde wollen wir eigentlich alle einen autoritären Führer oder eine autoritäre Führerin?

Nein, ganz und gar nicht. Wenn die Bundesregierung, wie in China, von einem Tag auf den anderen eine komplette Ausgangssperre beschließen würde, würde die Akzeptanz schnellstens sinken. Auch wenn es aus Sicht der Virologen vielleicht sinnvoll wäre. Merkel hat jetzt erstmal nur eine Kontaktsperre verhängt, nachdem sie bei ihrer Ansprache vergangene Woche versucht hatte, die Menschen mit Freundlichkeit und einem, für ihre Verhältnisse, sehr hohem Maß an Empathie, zu überzeugen. Erklären, auf Forscher hören, an die Selbstbestimmung der Bevölkerung appellieren und wenn das nicht klappt: Härtere Maßnahmen in Aussicht stellen.

„In so einer Situation ist es schwierig, als Oppositionspartei die Maßnahmen oder einzelne Politiker lautstark zu kritisieren“

Auch die Parteien scheinen sich derzeit sehr solidarisch zu verhalten. Warum nutzt gerade kaum jemand diese Phase, um Wahlkampf zu machen?  

Wenn wir uns die Zeit vor der Corona-Krise anschauen, gab es andauernd kleinere Scharmützel, Machtspiele, Personaldiskussionen. Die sind jetzt komplett weg. Alles dreht sich um das Krisenthema. Innerhalb der Parteien versucht man, mit einer Stimme zu sprechen. Die anderen Parteien gehen nicht auf Konfrontation. In so einer Situation ist es schwierig, als Oppositionspartei die Maßnahmen oder einzelne Politiker lautstark zu kritisieren, weil das sehr schnell zu einem Bumerang wird, wenn der Eindruck entsteht, man wolle sich nur selbst profilieren.

Wie wird es sich auf die Außendarstellung der Kanzlerin auswirken, dass sie nun in Quarantäne ist? 

Dies hängt nun von der weiteren Kommunikation ab. Einerseits ist sie ja ein typisches „Opfer“, sie hat sich möglicherweise bei einer Impfung bei einem Arzt infiziert. Jetzt kann sie ganz bürgernah und quasi als Vorbild mit dieser Situation umgehen und in Quarantäne soziale Kontakte unterlassen. Eine Situation, mit welcher sich momentan viele andere deutsche Bürger*innen konfrontiert sehen. Viele werden sich jedoch auch die Frage stellen, ob und wie die Kanzlerin jetzt noch effektiv und glaubwürdig als oberste Krisenmanagerin agieren kann. Hier müsste die Öffentlichkeit proaktiv und transparent informiert werden. Ansonsten könnten ihre Gegner ein entstehendes Informationsvakuum nutzen und ihr beispielsweise ihre Führungskompetenzen absprechen. Hier muss das Kanzleramt nun kommunikativ sehr geschickt vorgehen.  

Warum profitiert Markus Söder eigentlich so besonders von dieser Krise?

Bei einer solchen Bedrohungslage können Politiker sehr gut profitieren. Zum einen ist es wichtig, in gewisser Weise sympathisch aber besonders kompetent und tatkräftig zu erscheinen. Das macht Herr Söder im Moment sehr geschickt und gut.

Wie?

Indem er eindeutig und auf den Punkt argumentiert, Maßnahmen erklärt, transparent arbeitet und durchgehend in den Medien präsent ist. Aber nicht nur er profitiert von der Krise. Die gesamte Union verbessert derzeit ihre Umfragewerte, auch weil sie die relevanten Posten derzeit besetzen.

„Boris Johnson, Donald Trump und vor allen Dingen Jair Bolsonaro haben diese Krise in den Anfängen geleugnet“

Andererseits sieht man in Großbritannien, den USA und vor allen Dingen in Brasilien, wie die Bevölkerung sich in der Krise gegen die Entscheidungsträger wendet. 

Was die Bundesregierung gut hinbekommt, ist, angemessen zu handeln. Augenmaß anzuwenden, schrittweise vorzugehen und vor allen Dingen die herannahende Krise nicht zu leugnen. Boris Johnson, Donald Trump und vor allen Dingen Jair Bolsonaro haben diese Krise in den Anfängen geleugnet und verhalten sich auch weiterhin nicht vorbildlich, schütteln teilweise weiter Hände, halten Abstandsregeln nicht ein. Die Bevölkerung merkt, dass sich das nicht mir ihrer Lebensrealität deckt, in der Menschen aus ihrem Umfeld erkranken oder sogar sterben. Sie sehen: Andere Länder handeln, nur unser Präsident macht irgendetwas anderes. Und dann beginnt die Bevölkerung zu zweifeln. In Brasilien gibt es beispielsweise die Vorwürfe, dass Bolsonaro eigene wirtschaftliche Interessen daran hat, die Krise zu leugnen. 

Was genau wird ihm vorgeworfen?

Wirtschaftliche Kennzahlen und die Entwicklungen am Arbeitsmarkt sind für diese populistischen Führer besonders wichtig. Beispielsweise auch für Donald Trump, der ja demnächst wiedergewählt werden will und immer wieder auf gute wirtschaftliche Entwicklungen der USA verweist, um von zahlreichen Fehlentwicklungen in seinem Land abzulenken. Bolsonaro hat ähnliche Probleme. Seine populistischen Ankündigungen konnte er bis jetzt nicht halten und Maßnahmen, die der Wirtschaft jetzt zusätzlich schaden (z. B. Ausgangssperren und Schließungen von Unternehmen) versucht er durch Leugnen bzw. Herunterspielen der Pandemie entgegenzuwirken. Auch die Suche nach einem externen Schuldigen ist ihm und seinem Sohn dabei recht: die Chinesen sind schuld. So versucht er von eigenen Problemen und Fehlern abzulenken, auf Kosten der eigenen Bevölkerung.

Wie schnell kann denn die Stimmung in Deutschland umschlagen?

Die Gefahr ist immer da. Wenn die Regierung nicht weiterhin aufpasst, aufklärt, überlegt und Maßnahmen trifft, ist das Vertrauen extrem schnell weg. Wir wissen nicht, was passiert, wenn die Krise anhält. Was passiert in vier Wochen? Was passiert, wenn die Wirtschaft sehr stark leidet und die Maßnahmen nicht bei den Personen ankommen und Existenzen in Gefahr geraten? Außerdem sind Fake-News ein sehr großes Problem. Je unzufriedener die Menschen werden, desto empfänglicher sind bestimmte Teile der Bevölkerung für solche Falschmeldungen.

Glauben Sie, die politische Landschaft wird sich weltweit durch das Coronavirus nachhaltig verändern? 

Einerseits würde ich sagen, dass die Krise auch eine ganz große Chance ist, die Bedeutung der Wissenschaft wieder hervorzuheben. Gerade Populisten versuchen immer wieder, die Forschung in den Misskredit zu bringen. Trump hat zum Beispiel massiv der Forschung und Wissenschaft Gelder und Befugnisse entzogen. Gerade sehen wir, wie gefährlich das sein kann. Vielleicht wirkt sich die Situation positiv auf den Umgang mit dem Klimawandel aus, dass man sich wieder vermehrt an die Wissenschaft und Experten wendet. Andererseits sehen wir gerade eine Rückbesinnung auf die Nationalstaaten. Grenzen schließen, nationale Lösungen suchen – aber eine globale Krise kann nie ein Land alleine lösen.

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