Lockdown des Kulturbetriebs

So sehr belastet Künstler*innen die virusbedingte Absagewelle.
Gastbeitrag von Svenja Gräfen

Foto: Constantin Timm; Bearbeitung: jetzt

Ich geb’s gleich vorweg zu: Als vor zwei Wochen die Leipziger Buchmesse abgesagt wurde, reagierte ich noch verständnislos, fand es übertrieben, ärgerlich, superschade. Gleichzeitig war mir bewusst, dass eine solche Entscheidung ja nich­­­­t mal eben so zum Spaß getroffen wird, aber wo war denn die Bedrohung, die Gefahr? Ich konnte – oder wollte – sie nicht sehen. Ich bin allerdings auch weder Medizinerin noch Virologin. Ich arbeite als freie Autorin.

Ich schreibe Bücher und Bühnentexte, verdiene mein Geld mit Auftritten, Lesungen, Moderationen. Anfang des Jahres habe ich mir den Luxus einer fast zweimonatigen Schreibzeit erlaubt – unter anderem, weil ein Blick in meinen Kalender mir verriet, dass ich im März gut gebucht sein würde. Oh, if only I knew ... Natürlich gibt es da für freischaffende Künstler*innen nie eine hundertprozentige Sicherheit. Da braucht es keine Pandemie, da reicht’s schon, wenn ich mir einfach selbst einen zähen grippalen Infekt einfange. Ich musste schon häufiger Auftritte absagen, weil ich krank war – dieses Risiko rechnet man zähneknirschend mit ein. Eine Pandemie jedoch, die zum kompletten Shutdown führt, nun ja – eher nicht.

Seit der Buchmessen-Absage verschlimmert sich die Lage kontinuierlich. Vergangene Woche kommen täglich Veranstaltungsabsagen bei mir an: der Auftritt hier, das Literaturfestival da, der Poetry Slam dort. Die Venue zu groß, die Auflagen zu hoch, Lockdown. Auch meine Notifications in den Sozialen Medien bestehen fast nur noch aus Event-Absagen. Und überhaupt keine Frage, ich habe vollstes Verständnis dafür. In der Zwischenzeit habe ich – wie viele andere auch – die entsprechenden Artikel über exponentielles Wachstum und #flattenthecurve sowie Berichte aus Italien gelesen und den vielfach empfohlenen NDR-Podcast mit Christian Drosten, dem Chef-Virologen der Berliner Charité, angehört. Mir ist inzwischen klar, dass es sich bei all den Absagen und momentan gezogenen Konsequenzen nicht um „unnötige Panikmache“ handelt, sondern um die einzig vernünftige Maßnahme, um die Kurve tatsächlich abzuflachen. Um Menschen, die zu Risikogruppen gehören, zu schützen, um die Verbreitung zu verlangsamen.

Weniger Aufmerksamkeit, weniger Streams, weniger Plattenverkäufe

 

Ich spreche mit Freund*innen, mit Kolleg*innen, mit meinem Partner; ich checke Twitter, wo ich vielen Autor*innen, Journalist*innen, Musiker*innen folge – und es trifft wirklich ausnahmslos alle. Auch Veranstaltungen, von denen es gerade noch hieß, dass sie „auf alle Fälle trotzdem“ stattfinden, werden abgesagt. Ich telefoniere mit Yasmo, 29, Rapperin und Slam Poetin aus Wien, die die Situation ziemlich treffend zusammenfasst: „Im Prinzip sind wir alle von heute auf morgen arbeitslos.“ Sie erklärt, was die Absagen von Konzerten für Musiker*innen und Bands nach sich ziehen – weniger Aufmerksamkeit, weniger Streams, weniger Plattenverkäufe, voraussichtlich künftig weniger Buchungen. Das trifft Künstler*innen besonders deshalb hart, weil sie oft in Vorkasse gehen müssen, um beispielsweise neue Alben produzieren zu können. In Österreich gibt es derzeit kein Signal in Richtung staatlicher Unterstützung für Kunst und Kultur – Yasmo erzählt mir aber auch, dass die freiberuflichen Künstler*innen verschiedener Sparten untereinander gut vernetzt sind und momentan gemeinsam überlegen, was getan werden kann.

Ob Österreich, Deutschland oder anderswo, an abgesagten Events jeder Art hängen natürlich auch noch viele weitere Jobs: die der Messebauer*innen, der Betreiber*innen von Kultur- und Spielstätten, die der Bühnen- und Tontechniker*innen, des Thekenpersonals, der Fotograf*innen, der Agent*innen, die Monate im Voraus Veranstaltungen und Tourneen geplant haben. Mein Berliner Freund Max Stern, 28, der als Tontechniker arbeitet, hätte eigentlich bis Mitte Mai Aufträge für eine Firma auf dem Plan gehabt – die ist jetzt auf Kurzarbeit, seine Jobs als freier Mitarbeiter sind gecancelt. Auch eine anstehende Konzerttour ist in der Schwebe, wird vielleicht auf Herbst verschoben.

Das ist ohnehin so eine Sache – die Ungewissheit. Was findet wohl vielleicht noch statt, was nicht? Was wird verschoben und auf wann? Wie sind die Regelungen in den verschiedenen Bundesländern? Diese Unmöglichkeit des Planens. Es mangelt an klaren Aussagen, was einerseits verständlich ist, weil niemand vorhersagen kann, wie sich die Lage entwickelt, wie es im Sommer, im Herbst aussehen wird.

Es herrscht zunächst Unverständnis über mein Nachfragen, man wirft mir Aufregung vor

Andererseits wird es in der Tat schwierig, „wenn Veranstaltungen so hohe Auflagen gemacht werden, dass sie abgesagt werden müssen, anstatt ein echtes Veranstaltungsverbot durchzuführen, das den Kulturschaffenden die Möglichkeit gäbe, Ausfallzahlungen zu bekommen“. Das sagt Björn Högsdal, 45, der als Veranstalter von Poetry Slams und Workshops in Norddeutschland arbeitet. Er möchte natürlich nicht, dass seine Shows zu Multiplikatoren für das Virus werden, allerdings weiß er auch, dass langjährige Veranstalter*innen Verluste womöglich erst einmal abfedern können – einzelne Künstler*innen, denen gerade Auftritt nach Auftritt nach Auftritt abgesagt wird, jedoch oftmals nicht. Und auch Björn selbst werden Auftritte abgesagt, außerdem ein lang geplantes Kindergarten-Poesieprojekt, das er und seine Kollegin Mona Harry eigentlich diesen Monat in Dänemark hätten starten sollen – bevor dort der komplette Shutdown angekündigt wurde.

Um etwas gegen meine eigene Ungewissheit zu unternehmen, entscheide ich am Donnerstag, eine geplante Lesung und einen Workshop in Süddeutschland selbst abzusagen. Am Freitagmorgen kontaktiere ich den Veranstalter einer Show kommende Woche in Nordrhein-Westfalen – hier herrscht zunächst Unverständnis über mein Nachfragen, man wirft mir Aufregung vor.

Diese Erfahrung macht die Berliner Autor*in SchwarzRund, 30, bereits seit längerer Zeit. Sie gehört aufgrund von Vorerkrankungen selbst zur Risikogruppe und sah sich im ganzen vergangenen Monat – auch in Absprache mit ihren Ärzt*innen – gezwungen, geplante Lesungen und Vorträge abzusagen. Sie erzählt mir, dass sie sich oft rechtfertigen musste, ihr wurden Überreaktion und Panik vorgeworfen, die reale Gefahr wurde heruntergespielt. „So zu tun, als wär das nur eine Grippe, ist letztlich auch eine Angstreaktion – eben eine gesellschaftlich akzeptiertere. Aber generell kannst du von Menschen nicht verlangen, dass sie bestimmte Gefühle nicht fühlen“, sagt sie. Zudem sind Vorsicht und Rücksichtnahme auf die eigene Gesundheit – und auch auf die anderer Personen – doch schlicht vernünftig, solche Absagen zudem kein leichtfertiger Schritt, sondern vielmehr ein finanzielles Desaster. SchwarzRunds Einkommen liegt jetzt, erzählt sie mir, bei 0 Euro. Und ihre Rücklagen musste sie wegen einer längeren Erkrankung bereits im vergangenen Jahr aufbrauchen.

Es wird viel über Geld gesprochen – so viel mehr als sonst

Rücklagen, finanzielle Polster, tja – Wohl denjenigen, die über so etwas verfügen. Die Pandemie trifft nun besonders die, die sowieso schon in einer prekären Lage stecken, die es sich nicht leisten können, sonderlich viel Geld für schlechte Zeiten zurückzulegen. Es trifft unabhängige Verlage genauso wie Kleinkünstler*innen. Wie Autor*innen, die nicht gerade dauerhaft in Bestseller-Listen vertreten sind oder deren Bücher gerade erst erscheinen – und für die es allein schon aufgrund der abgesagten Buchmesse an Sichtbarkeit mangelt.

Viele Künstler*innen und Agenturen hoffen auf Hilfe von außen, da Kulturstaatsministerin Monika Grütters genau das in Aussicht gestellt hat. In welcher Form es diese Hilfe tatsächlich geben wird, wie und wann sie dann letztlich auch bei Einzelpersonen ankommt, ist noch nicht klar. Ich gehe allerdings davon aus, dass es nicht reichen wird, etwa per Mail getroffene Honorarvereinbarungen zu screenshotten und ans Kulturstaatsministerium zu schicken. Und Miete, Versicherungen und Einkommenssteuervorauszahlungen müssen eben auch jetzt gezahlt werden und nicht erst in drei Monaten. In jedem Fall wird viel gerechnet dieser Tage. Es wird viel über Geld gesprochen – so viel mehr als sonst.

Es gibt allerdings auch eine Welle der Solidarität, sowohl unter Künstler*innen als auch von Seiten des Publikums. Es gibt konkrete Vorschläge, wie Ausfälle leichter zu tragen sein könnten – indem etwa Menschen, denen das finanziell möglich ist, bereits gekaufte Tickets nicht zurückgeben. Indem Bücher gekauft werden, auch und vor allem von unabhängigen Verlagen, wann möglich direkt bei den Autor*innen. Indem Platten und Merch gekauft werden. Es gibt inzwischen eine Petition, die „Hilfen für Freiberufler und Künstler während des ‚Corona-Shutdowns‘“ fordert und die unterzeichnet und verbreitet werden kann, eine andere fordert das Bedingungslose Grundeinkommen. Viele Kleinkünstler*innen richten sich derzeit Patreon-Accounts ein. Es gibt die Möglichkeit, Konzerte, Lesungen, Poetry Slams, Vorträge oder Workshops online stattfinden zu lassen beziehungsweise zu streamen. Der Autor Johannes Floehr hat bereits solche Online-Lesungen über Twitch veranstaltet und berichtet, dass einige Zuschauer*innen daraufhin sowohl Bücher gekauft als auch Geld über Paypal gespendet haben. „Und über den Chat gibt es tatsächlich ein wohliges Zusammenheitsgefühl, das ich so nicht erwartet hätte. War sehr heimelig“, sagt er.

Nach aktuellem Stand habe ich meine nächsten analogen Veranstaltungen nun Ende April. Weiterhin Zeit zum Schreiben also – aber halt garniert mit der Ungewissheit, wie lang meine eigenen Rücklagen wohl reichen werden, und der Frage danach, wann wieder einigermaßen Normalität herrschen wird. Bloß dass die momentan eben niemand beantworten kann.

Dieser Text ist ein Gastbeitrag der Autorin Svenja Gräfen.

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