„Ein billiger Versuch, Stimmen von Rechtsaußen abzufangen“

Yunus Güllü von der Initiative „Juma - Jung, Muslimisch, Aktiv“ spricht über Seehofers Aussagen über den Islam.
Interview von Alissa Hacker
Foto: Privat

Horst Seehofer (CSU) machte heute mit seiner Aussage Schlagzeilen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, die im Land lebenden Muslime aber schon. Wir haben mit Yunus Güllü (20), einem Vorstand der Initiative „Juma - Jung, Muslimisch, Aktiv“ darüber gesprochen.

jetzt: Yunus, was hältst du von Seehofers Aussage, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört?

Die Aussage stimmt mich nicht positiv – auch in Bezug auf seine Amtszeit, die vier Jahre dauern wird. Es ist schade, dass der neue Innenminister, der zudem auch noch Heimatminister ist, als erste Amtshandlung versucht, einen Keil in die Gesellschaft zu treiben. Es ist ein billiger Versuch, Stimmen von Rechtsaußen abzufangen. Seine Aussage bringt die Menschen nicht zusammen, sondern sät Hass – in Zeiten, in denen die Aufgabe eines Innenministers sein sollte, die Gesellschaft zusammenzuhalten.

Welches Zeichen setzt das, wenn der Innenminister als erste Amtshandlung solche Aussagen macht?

Es ist sehr ein negatives Zeichen. Nicht nur gegenüber Muslimen, die er explizit angesprochen hat, sondern gegenüber allen Minderheiten in unserer Gesellschaft. Es gibt etwa vier Millionen Muslime in diesem Land, das ist eine nicht zu unterschätzende Gruppe. Dass er diese Aussagen als eine seiner ersten Amtshandlungen macht, zeigt, dass er nicht gewillt ist, dass Formate wie die Islamkonferenz an Bedeutung gewinnen.

Islamkonferenzen will Seehofer weiterhin einberufen.

Ja, klar, das ist auch richtig so. Es wäre schwierig, die jetzt abrupt abzuschaffen. Die Islamkonferenz ist weiterhin ein wichtiges Forum für den Austausch zwischen der Bundespolitik und den großen Islamverbänden. Trotzdem stellt die große Schlagzeile, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, alles, was er danach noch gesagt hat, in den Schatten.

Im Anschluss hat er seine Aussage dann eingeschränkt und gesagt, in Deutschland lebende Muslime gehören schon zu Deutschland. Wie findest du das?

Für mich ist die Aussage widersprüchlich, weil das nicht zwei verschiedene Konzepte sind, die man voneinander trennen kann. Der Islam ist ein Teil der Persönlichkeit von Muslimen – bei manchen mehr, bei manchen weniger. Inhaltlich macht die Kombination der beiden Aussagen keinen Sinn – es ist einfach eine schöne Schlagzeile.

Seehofers Botschaft in dem Interview lautet auch: Muslime müssen mit uns leben, nicht neben oder gegen uns. Wie gut funktioniert das Zusammenleben zwischen Muslimen und Menschen mit anderer Religion in Deutschland?

Muslime sind nicht nur ein Teil der Gesellschaft, sie sind mittendrin. Man hat Muslime in unterschiedlichsten Positionen – in der Politik, der Wirtschaft, oder auch in Medienorganisationen. Das Zusammenleben funktioniert ziemlich gut, weil Muslime seit Jahrzehnten in diesem Land leben und es eine Generation gibt, die hier geboren und aufgewachsen ist. Die Generation wurde hier sozialisiert, bekennt sich zu Deutschland und wächst mit Deutsch als Muttersprache auf. Es entwickelt sich eine dezidiert deutsch-muslimische Identität. Man kann das nicht voneinander trennen, wie es Seehofer vielleicht versucht, wenn er sagt, dass der Islam keinen Hintergrund in Deutschland habe. Das sehe ich ganz anders, weil viele deutsche Muslime hier aufwachsen und mit der deutschen Sprache den Zugang zu ihrer Religion erlangen. Deswegen finde ich, dass das Zusammenleben sehr gut funktioniert und der Austausch auch da ist.

Das sehen wahrscheinlich nicht alle Deutschen so – vor allem Anhänger von rechten Parteien. Wie kann man islamfeindlichen Personen die Angst nehmen und das Zusammenleben verbessern?

Das ist die Herkules-Aufgabe. Dafür habe ich kein Patentrezept. Es geht meiner Meinung nach nur über die lokale, kommunale Ebene. Die Angst ist ein Stück weit abstrakt. Es leben zwar vier Millionen Muslime, aber trotzdem machen sie nur rund fünf Prozent der deutschen Bevölkerung aus. Es ist nicht so, dass Deutschland von Muslimen überrannt wird. Es handelt sich um eine Gruppe, die medial größer gemacht wird, als sie ist. Studien zeigen, dass viele Leute die Prozentzahl an Muslimen in Deutschland überschätzen. Das liegt daran, dass das eine Minderheit ist, die im medialen Diskurs eine sehr große Rolle spielt.

Wir versuchen als Verein, den Menschen auf kommunaler Ebene die Angst zu nehmen. Es bringt nichts, die AfD oder ähnliche Verbände von Veranstaltungen auszuweisen oder gar nicht erst einzuladen. Der Gesprächskanal muss, unabhängig davon, was man von dieser Partei hält, aufrecht erhalten werden. Ich glaube, die Mehrheit der Zivilgesellschaft vertritt nicht das, was die AfD oder Horst Seehofer von sich geben, sondern versucht, ein klares Zeichen gegen rechts zu setzen. Die Mehrheit muss zusammenhalten und zeigen, dass sie nicht damit einverstanden ist, einen Keil zwischen die Gruppen zu treiben.

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