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Fotos: Privat / Collage: jetzt.de

Am 18. März wählt Russland einen neuen Präsidenten. Es ist gleichzeitig der vierte Jahrestag der russischen Krim-Annexion. Sieben Kandidaten 

treten gegen Wladimir Putin an. Gewinnt er, wird er Russland für sechs weitere Jahre regieren. Es wäre Putins vierte Amtszeit. Seine Wiederwahl gilt als sicher.

Dabei sind in der Hauptstadt Moskau kaum Wahlplakate zu sehen. Wenn es um die Wahl geht, werden Bürger eher allgemein zur Teilnahme aufgerufen. Die meisten Putin-Kritiker haben große Angst, ihre Meinung öffentlich zu äußern. Sie sind eingeschüchtert und wollen nicht mit der Presse reden. 

Unter Putin ist der Lebensstandard gestiegen“

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Foto: Privat / Collage: jetzt.de

Anastasia, 20 Jahre alt, Werbekauffrau und Floristin aus Novorossiysk am Schwarzen Meer

„Am 18. März werde ich Wladimir Putin wählen. Er ist meiner Meinung nach der beste Kandidat für das Amt des Präsidenten in unserem Land. Unter Putin ist der Lebensstandard der meisten Russen gestiegen. Er ist nun deutlich höher als noch in den Neunzigerjahren. Auch die politische Situation in Russland ist dank Putin stabil. Es gibt finanzielle Unterstützung für arbeitslose Menschen. Außerdem ist die medizinische Grundversorgung für die russische Bevölkerung kostenlos. Es gibt allerdings auch Personen, die sich ständig beschweren. Sie sind mit der wirtschaftlichen Lage im Land unzufrieden. Wir haben in Russland folgendes Sprichwort: ‚Wer danach sucht, wird es auch finden‘. Ich denke, dass das auch auf die ökonomische Situation zutrifft. Wenn man sich anstrengt und für das arbeitet, was man will, kann man gut hier leben. Auch Mieten und Lebensmittel sind nicht teuer. Die Zukunft Russlands liegt in unseren Händen. Und letztlich natürlich auch in denen des Präsidenten. Mit Putin wird alles seinen gewohnten Gang gehen.

Wie viele andere unterstütze ich ihn auch, weil er gegen die gleichgeschlechtliche Ehe ist. Ich bin mit Putin aufgewachsen, kenne nichts Anderes und könnte mir momentan auch keinen anderen Präsidenten vorstellen. Doch nicht alle befürworten ihn. In meinem Umfeld gibt es viele ältere Menschen, die die Kommunistische Partei wählen.“

„Es gibt Beweise für die Fälschungen der Wahlen“

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Foto: Privat / Collage: jetzt.de

Michael, 24 Jahre alt, Senior Expert in einem Thinktank aus Moskau

„Mich stören vor allem die wirtschaftliche Stagnation und das Fehlen eines politischen Wettbewerbs in Russland. Ich gehe am Wochenende nicht zur Wahl. Ich glaube nicht, dass meine Stimme etwas bewirken kann. Es gibt statistische Beweise für die Fälschungen der Wahlen. Zudem befürworte ich keinen der Präsidentschaftskandidaten. Am ehesten könnte ich mich noch mit Grigori Jawlinski oder Xenia Sobtschak identifizieren. Ein Mix aus den Wahlprogrammen beider Politiker wäre perfekt. Doch alleine sind beide Kandidaten keine Option für mich. Am liebsten würde ich Alexej Nawalny wählen. Er wurde allerdings nicht als Präsidentschaftskandidat zugelassen. Ich schätze besonders Nawalnys Mut. Er enthüllt Korruptionsfälle und hat keine Angst vor den Konsequenzen, wie Festnahmen oder gar Haftstrafen. Außerdem ist sein Programm wirtschaftsliberal.

In den vergangenen beiden Jahren habe ich nicht mehr an Protesten teilgenommen. Zuvor beteiligte ich mich an Demonstrationen anlässlich der Ermordung von Boris Jefimowitsch Nemzow. Doch mit Protesten kann man hierzulande meiner Meinung nach keine langfristigen Veränderungen bewirken. Das gilt ebenfalls für die Wahlen am 18. März. Niemand kann an diesem Tag direkt etwas an der politischen Situation in unserem Land ändern. Ich denke aber, dass wir etwas an unserem Umfeld ändern können. Wir können versuchen die Menschen um uns herum aufzuklären und sie auf Missstände hinweisen.

Es ist schwierig, sich öffentlich gegen Putin auszusprechen. Man kann aber kritisches Denken bei jungen Menschen fördern. Das ist meiner Ansicht nach der Schlüssel für die Entwicklung eines demokratischen Russlands. Deshalb setzte sich mich in zwei unabhängigen NGOs ein: ‚InLiberty‘ und der ‚Gaidar Foundation‘. Wir führen Seminare zur politischen Bildung durch und wollen Schüler und Studenten dazu animieren, die Zustände im Land kritisch zu hinterfragen. Es braucht aber noch viel mehr Zeit, um dieses Bewusstsein in der russischen Gesellschaft zu verankern. Aber ich bin voller Hoffnung, dass wir in ungefähr 20 Jahren eine Veränderung bewirken können. Das gilt natürlich auch für die ökonomische Stagnation und den fehlenden politischen Wettbewerb. Und genau diese Hoffnung treibt mich auch in meinem Job in einer liberalen Thinktank an.“

„Es geht mir ums Prinzip“

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Kirill, 22 Jahre alt, Marketing Director bei einem Carsharing Unternehmen in Moskau

„Es spielt keine Rolle, wen wir am 18. März wählen, denn eines ist sicher: Putin bleibt an der Macht. Trotzdem ist es für mich wichtig, meine Stimme abzugeben. Es geht mir ums Prinzip, um mein Gewissen. Ich möchte Xenia Sobtschak wählen. Ich glaube, dass sie etwas verändern könnte. Mit ihr würde es wieder einen politischen Pluralismus geben, wie es in den Neunzigerjahren der Fall war. In der Vergangenheit habe ich an Protesten gegen die Regierung Putins teilgenommen. Es wäre aber naiv zu glauben, damit direkt etwas verändern zu können. Aber ich tue das für mich selbst. Auch wenn es riskant ist, meine Meinung in Russland frei auszusprechen. Als ich noch an einer staatlichen Finanzuniversität in Moskau studiert habe, war meine Teilnahme an Protesten besonders gefährlich. Die Uni hätte mich zum Beispiel nicht zu Prüfungen zulassen können. Manche Demonstranten wurden auch verhaftet. Außerdem hört man immer wieder, dass Personen wegen kritischer Facebook-Posts rechtlich verfolgt werden.

Ich habe Angst, was meine beruflichen Perspektiven betrifft. Ich würde in der Zukunft gerne ein Start-up gründen. Doch das ist schwierig. Die Privatwirtschaft hat sehr zu kämpfen. Die meisten großen Unternehmen werden irgendwann verstaatlicht. Daher kann ich mir vorstellen, für ein paar Jahre ins Ausland zu gehen. Ich habe einen Bachelor in Finanzmanagement und möchte meinen Master in Deutschland oder Österreich machen. Danach könnte ich mir auch vorstellen, ein paar Jahre im Ausland zu arbeiten. Doch irgendwann möchte ich wieder nach Russland zurückkehren. Ich hoffe, dass sich die Zusammensetzung der russischen Wähler im Laufe der Jahre verändern wird. Die ältere Bevölkerung wird hauptsächlich durch das russische Fernsehen beeinflusst und manipuliert. Doch es folgt eine neue Generation von Wählern. Die hat durch das Internet viel mehr Informationsmöglichkeiten.

Die heutige russische Gesellschaft ist voll von Sexisten und Menschen mit Phobien. Das macht mich traurig. Hier spielen die Erziehung und Bildung eine entscheidende Rolle. Auch die Propaganda im Fernsehen. Viele meiner Freunde haben komplizierte Beziehungen innerhalb der Familie, zum Beispiel zwischen Vater und Mutter oder in Familien, wo es nur Vater oder Mutter gibt. Daher finde ich es besser, eine LGBT-Familie zu haben, als eine Unvollständige. Nicht das Geschlecht der Familienmitglieder ist wichtig, sondern die Liebe in der Familie. Es sollte mehr Offenheit und Chancengleichheit für LGBT-Personen geben. Doch vielleicht braucht unsere Gesellschaft in Sachen Toleranz noch mehr Zeit.“

„Ich kann mir keinen anderen Präsidenten vorstellen“

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Anastasia, 24 Jahre alt, Bloggerin aus St. Petersburg

„In den letzten 4 Jahren hat ein großer Teil der Russen begonnen, sich aktiv für Demokratie und Redefreiheit einzusetzen. Auch meine Freunde interessieren sich zusehends für das politische Leben Russlands. Diese Entwicklung ist unabhängig von Beruf, Alter oder Lebenseinstellung.

Die Wahl am Sonntag ist ein absolut wichtiges Ereignis für unser Land. Ich denke, dass jeder Russe seine politische Position zeigen muss. Russland ist ein mächtiges Land und braucht einen starken Präsidenten. Meiner Meinung nach ist Wladimir Putin die beste Wahl für Russland. Ich kann mir keinen anderen Präsidenten vorstellen.

Ich bin mit Freunden nach Moskau gefahren, um Putin bei einer Kundgebung im Olympiastadion zu unterstützen. Putin ist dabei auch persönlich aufgetreten. Zum ersten Mal habe ich ihn live gesehen. Ich war überglücklich! Ich liebe unseren Präsidenten und hoffe ihn in Zukunft noch öfter sehen zu können.

Alexej Nawalny hat meiner Ansicht nach keine Chancen, einmal Präsident zu werden. Er wurde wegen Korruption verurteilt. Wie kann ich einen Kandidaten unterstützen, der verurteilt ist und keine Erfahrung in der Politik hat? Wenn man die Regierung kritisiert und Veränderungen verspricht, sollte man auch einen korrekten Plan dafür vorstellen. Doch Nawalny kritisiert nur die Regierung. Und das ist auch schon alles.

Ich weiß nicht, wie es im Zeitalter der Digitaltechnik zu einem Wahlbetrug kommen sollte. Alle Wahllokale sind mit Kameras und zivilen Beobachtern ausgestattet. So sollen die Wahlen ehrlich und legal überwacht werden.“

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