Die Jugendorganisationen deutscher Parteien sind männerdominiert

Viele versuchen, das zu ändern. Mit unterschiedlichen Ansätzen – und unterschiedlicher Aussicht auf Erfolg.
Von Niko Kappel

Foto: Carsten Koall / dpa / Bearbeitung: jetzt

Wenn man sich die Websites der Jugendorganisationen deutscher Parteien ansieht, lernt man einiges darüber, wie es in den Organisationen um die Gleichberechtigung steht. Zum Beispiel auf der Website der Jungen Liberalen (Julis). Unter dem Reiter „Presse“ kommt man zu „Pressesprecher“. Und hier stand bis vor Kurzem: „Unser Pressesprecher steht Ihnen für Ihre Anfragen zur Verfügung.“ Aber der Pressesprecher der FDP ist kein Mann, wie man bei dieser männlichen Ansprache annehmen könnte. Es ist eine Frau, eine Pressesprecherin. 

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Mal abgesehen von der gegenderten Sprache auf Websites – wie steht es sonst so um die Geschlechterverteilung in den Jugendorganisationen deutscher Parteien? Wie viele Mitglieder sind Frauen? Wie viele Vorstände sind weiblich? Was tun die Organisationen, um Frauen zu fördern? Um das herauszufinden, hat jetzt die Jugendorganisationen aller im Bundestag vertretenen Parteien angefragt.

Ein Ergebnis: Bei den jungen Liberalen sind nur 20 Prozent der Mitglieder weiblich. Spoiler: Damit hat die Organisation den kleinsten Frauenanteil unter den Jugendgruppen, deren Mutterparteien im Bundestag vertreten sind. Warum ist das so? Vorsitzende Ria Schröder sagt: „Junge Frauen sind genauso politisch wie junge Männer. Aber viele Strukturen in Parlamenten und Parteien haben sich in den letzten 100 Jahren kaum verändert und schrecken besonders Frauen ab.“ Eine Frauenquote wäre ein Mittel, um jungen Frauen den Einstieg in die Politik zu erleichtern. Trotzdem ist Schröder gegen eine Quote bei den Jungen Liberalen. „Unser Bundesvorstand ist aktuell ohne Quote nahezu gleich von Männern und Frauen besetzt.“ Bei den Jungen Liberalen wurden fünf Frauen und sechs Männer in den Vorstand gewählt. Für Schröder belegt das, dass die Jungen Liberalen eine Quote nicht nötig haben.

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Ähnlich sieht man es bei der Jungen Union. Deren Sprecher Patrick Rohmann sagt: „Die Junge Union setzt bei der Personalauswahl für Spitzenämter auf Eignung, Leistung und Befähigung. Das Geschlecht, die Herkunft oder die sexuelle Orientierung spielen für uns dabei hingegen keine Rolle.“ Auch bei der JU gibt es deutlich weniger weibliche Mitglieder, insgesamt ungefähr ein Drittel. Im 23-köpfigen Vorstand sitzen nur sechs Frauen. Die Junge Union wolle Frauen deshalb fördern, sagt Rohmann. Er erzählt am Telefon von einem Arbeitskreis, der #mehrmädels heißt. Der Arbeitskreis beschäftige sich mit Themen wie junger Familienpolitik und der Digitalisierung von Behördengängen, zum Beispiel bei einem Antrag für Kindergeld. Konzepte für mehr Frauen in Führungspositionen? Fehlanzeige. Stattdessen klischeebeladene Sichtweisen, wie zum Beispiel, dass Frauen sich nur für Familienpolitik interessieren. Damit bekommt man wohl kaum mehr Frauen in die Junge Union.

Zu wenig Frauen – das ist nicht nur ein Problem der Jungen Union und der Jungen Liberalen. In allen Jugendorganisationen der im Bundestag sitzenden Parteien gibt es weniger Frauen als Männer. Die Linksjugend kommt auf 32 Prozent weibliche Mitglieder. In ihren Gremien müssen laut Satzung 50 Prozent Frauen sitzen. Der Bundesvorstand der Linksjugend besteht aus vier Frauen und vier Männern. Auch die Rednerlisten bei Veranstaltungen seien mit Quoten geführt, sagt Bundesgeschäftsführer Janis Walter. „Neben einer Stärkung von FLTI*-Personen (Anm. d. Red.: steht für Frauen, Lesben, Trans*, Inter*) in Gremien, haben wir Strukturen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt, sogenannte ‚Awareness Teams‘ und ein jährlich zusammentretendes Plenum aller FLTI*-Personen.“ 

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Auch die Jusos setzen auf Awareness, sagt Sprecherin Nicole Kiendl. Konkret sieht das so aus: „Um junge Frauen zu fördern, haben wir Empowerment-Programme, in denen ihnen Raum zur Vernetzung, zur theoretischen Weiterbildung und zum Üben von beispielsweise Rhetorik gegeben wird.“ Die Jusos würden außerdem bei Veranstaltungen Rückzugsräume für Frauen und nicht-binäre Menschen anbieten. „Bei unseren Landes- und Bezirkskonferenzen ist ein Awareness-Team vor Ort, an das sich alle Personen wenden können, die sich in irgendeiner Weise diskriminiert fühlen“, sagt Kiendl. 40 Prozent der Jusos-Mitglieder sind weiblich. Die Organisation hat eine Frauenquote von mindestens 40 Prozent in allen Vorständen, der Bundesvorstand ist zu 45 Prozent weiblich besetzt. Kann man Geschlechtergleichheit also nur mit einer Quote erreichen? 

Zumindest sehen die Zahlen der Jugendorganisationen danach aus. Die Grüne Jugend arbeitet ebenfalls mit einer Frauenquote. „Es ist ja nicht so, dass es zu wenig Frauen gibt, die Ahnung von Politik haben und sich einbringen wollen“, sagt die Bundessprecherin Anna Peter. „Viel eher ist es so, dass es immer noch in vielen Strukturen Männernetzwerke gibt, die Frauen daran hindern, politisch genauso erfolgreich zu sein wie Männer.“ Die Grüne Jugend hat unter ihren Mitgliedern ein nahezu ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. 47,4 Prozent sind Frauen. Der Vorstand ist zu 70 Prozent weiblich.

Junge Alternative fällt aus dem Raster

Anders sieht es bei der Jungen Alternative aus. Laut Website sitzen im elfköpfigen Vorstand der Organisation gerade mal zwei Frauen. Trotz mehrfacher Anfragen von jetzt hat sich die Junge Alternative nicht zurückgemeldet. In einem Text der Zeit von 2019 heißt es, dass die Organisation rund 30 Prozent weibliche Mitglieder habe. In den vergangenen Jahren wuchs die Kritik der Mutterpartei AfD am eigenen Nachwuchs, die Junge Alternative wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz als „Verdachtsfall“ im Bereich des Rechtsextremismus eingestuft. Die Sprache auf der Website und in den Mitteilungen der Jungen Alternative ist jedenfalls nicht gegendert. Auch die Junge Union gendert auf ihrer Website nicht. Die Grüne Jugend, die Jusos und die Linksjugend dagegen schon. 

Zurück zu den Jungen Liberalen. Der Organisation sei Sensibilität beim Sprachgebrauch wichtig, sagt die Sprecherin Laura Schieritz. Sie persönlich versuche Ansprachen immer geschlechtsneutral zu halten. Und was ist mit der Website, auf der „Pressesprecher“ statt „Pressesprecherin“ steht? Ihr Vorgänger sei männlich gewesen, sagt Schieritz am Telefon. Man habe einfach vergessen, das zu ändern. „Das ist keine Absicht“, sagt sie. „Wir passen die Ansprache immer der Amtsinhaberin oder dem Amtsinhaber an. Das müssen wir hier noch nachholen.“ Eine Nachlässigkeit, die passieren kann. Aber eine Nachlässigkeit, die ganz gut zeigt, wie es um die Repräsentation von Frauen in den Jugendorganisationen deutscher Parteien steht. Mittlerweile steht auf der Webseite der Jungen Liberalen nicht mehr „Pressesprecher“ sondern „Pressesprecherin“. Aus Fehlern kann man lernen.

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