„Zwischen Politik und jungen Leuten besteht noch Vermittlungspotenzial“

Die Plattform Plurapolit will das Informationsangebot für junge Wähler*innen verbessern.
Interview von Katharina Steinhäuser

Foto: Ana Alipass Fernandez; Bearbeitung: jetzt

Sollte der deutsche Staat stärker gegen Rechtsextremismus vorgehen? Brauchen wir eine Vermögenssteuer? Diese und andere Fragen beantworten Politiker*innen und Expert*innen in kurzen Audio-Statements auf Plurapolit. Die gemeinnützige Plattform will es jungen Wähler*innen einfacher machen, sich über Politik zu informieren. Wir haben mit Mitbegründer Lucas Lamby gesprochen.

Jetzt: Warum braucht es eine Plattform wie Plurapolit?

Lucas Lamby: Wir waren unzufrieden mit dem Angebot an politischen Informationen im Netz. Es gibt kaum Seiten, die uns junge Menschen da abholen, wo wir sind. Bei politischen Diskussionen auf Facebook oder Twitter gibt es keinen Rahmen, in dem inhaltlich diskutiert wird. Die Tonlage ist oft alles andere als sachlich, so dass viele sich lieber ausklinken. Hinzu kommt, dass Podcasts in den letzten Jahren vor allem bei jungen Menschen extrem an Beliebtheit gewonnen haben. Viele unserer Freund*innen, haben erst dadurch ihren Zugang zu Politik gefunden. Auch die Diskussion um das Video von Rezo und die Reaktionen aus der Politik darauf haben deutlich gemacht, dass zwischen Politik und jungen Leuten noch Vermittlungspotenzial besteht.

„Jeder kann durch eigene Sprachnachrichten mitdiskutieren."

Was unterscheidet Plurapolit vom bisherigen Angebot?

Wir bilden die Positionen aller Parteien im Bundestag sowie von je drei Expert*innen zu einem politischen Diskussionsthema in Form von kurzen Audiostatements ab. Dadurch können unsere Nutzer*innen die einzelnen Standpunkte leicht vergleichen. Das ist persönlicher als ein langer Pressetext, denn du hast die Stimmen der Politiker*innen direkt im Ohr. Zusätzlich war uns wichtig, dass die Kommunikation nicht einseitig verläuft, deshalb ist Plurapolit eine interaktive Plattform. Jeder kann durch eigene Sprachnachrichten mitdiskutieren. Du musst dich nur mit Name und E-Mailadresse anmelden. Wir moderieren die Kommentare und behalten uns vor, Beiträge nicht zu veröffentlichen, wenn sie beispielsweise rassistische Äußerungen enthalten.

Wie entscheidet ihr, welches Thema auf eure Seite kommt und wen ihr dazu anfragt?

Da wir erst seit Kurzem online sind, suchen wir die Themen noch rein intern aus. Dabei sprechen wir uns mit Journalist*innen aus dem Bekanntenkreis ab. Nach und nach fangen wir jetzt an, Vorschläge aus der Community zu sammeln. Wir achten darauf, dass unsere Themen langfristig relevant sind. Es dauert eine gewisse Zeit, bis alle Statements vorliegen. Da wäre es schade, wenn das Thema bis dahin nicht mehr aktuell ist. Wir erstellen eine Liste mit Personen, die sich dazu äußern könnten. Diese wählen wir zum Beispiel aus, weil sie in den entsprechenden Ausschüssen sitzen oder sich bereits zu dem Thema positioniert haben. Wir befragen immer sechs Politiker*innen und drei Expert*innen.

Ihr nehmt auch Statements von AfD-Politiker*innen mit auf. Gab es hier im Vorfeld eine Diskussion und warum habt ihr euch dafür entschieden?

Es war relativ früh klar, dass wir auf unserer Plattform alle Parteien zu Wort kommen lassen müssen. Wir arbeiten unter anderem mit Schulen und mit der Hamburger Landeszentrale für politische Bildung zusammen. Da darf keiner politischen Richtung ein Vor- oder Nachteil gegeben werden. Würden wir die AfD weglassen, würde ein Teil des Diskurses auf unserer Webseite fehlen. Es gibt Themen, da sollte man zumindest wissen, wie sich die AfD dazu positioniert. Danach kann man selbst entscheiden, wie man dazu steht. Der Auftrag der Schule ist es, eine freie Meinungsbildung zu ermöglichen. Da ist es problematisch, wenn man von Vorne herein eine Partei ausschließt.

Eure Plattform bildet unterschiedlichen Standpunkte ab, verzichtet aber auf eine thematische Einordnung. Auch kritische Gegenfragen, wie bei einem Interview, sind nicht möglich. Seht ihr das als Problem?

Wir verstehen uns nicht als Alternative zu kritischem Journalismus. Plurapolit soll vielmehr ein Einstieg für junge Menschen sein, die sich informieren möchten. Zusätzlich sind längere Formate extrem wichtig, um sich ein umfassendes Bild zu einem politischen Thema zu machen. Was die kritischen Rückfragen betrifft, setzen wir auf unsere Community. Jeder kann mitdiskutieren und somit Statements auch kritisch hinterfragen. Wir setzen für jedes Thema eine Frist und sammeln dann die beliebtesten Reaktionen und lassen sie von den jeweiligen Politiker*innen und Expert*innen kommentieren.

Macht ihr bei den Statements, die ihr bekommt, einen Faktencheck?

Aktuell ist das noch nicht möglich, da wir ein sehr kleines Team sind. Idealerweise reguliert das auch die Community. In Zukunft möchten wir hier mit anderen Institutionen zusammenarbeiten, die Faktenchecks machen.

Ihr seid eine gemeinnützige Organisation. Wie finanziert ihr euch?

Wir arbeiten mit der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg in einem Pilotprojekt zusammen. Es wird geprüft, ob unsere Plattform im Politikunterricht eingesetzt werden kann. Wir sind aber auch im Gespräch mit anderen Stiftungen. Bisher ist die Plattform komplett kostenlos. Wir möchten sie zu einem eigenständigen Angebot für den Bildungsbereich entwickeln. Eine Diskussion mit öffentlichen Kommentaren ist für den Unterricht eher problematisch. Deshalb wollen wir geschlossene digitale Räume für Schulklassen gestalten. Mit dieser Lösung könnten sich die Schüler*innen untereinander über die Audiokommentare austauschen.

Sowohl auf Twitter als auch auf Facebook hat Plurapolit bisher nicht einmal 500 Follower*innen. Wie wollt ihr die Menschen mit eurem Angebot erreichen?

Im Moment wachsen wir vor allem über Empfehlungen durch Freund*innen und Bekannte. Mit der Werbung sind wir bisher zurückhaltend, weil wir ein gemeinnütziges Unternehmen sind. Wir knüpfen gerade Kontakte zu Influencer*innen, die sich in bestimmten Themengebieten einen Namen gemacht haben. Darüber möchten wir in Zukunft unser Angebot weiter verbreiten. Auf Instagram werden aus unserer Sicht wenig politische Inhalte vermittelt, sondern oft nur kurze Einblicke hinter die Kulissen gegeben. Da sehen wir Potenzial.

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