"Ich wundere mich, dass immer wieder alle darauf reinfallen"

Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte über die wahren Botschaften der Politiker.
Von Friedemann Karig

Was Politiker sagen, und was sie meinen, wirkt manchmal wie ein Eisberg: Das meiste ist unter der Oberfläche.

Illustration: Jessy Asmus.

Wenn Politiker etwas sagen, dann muss man genau hinhören. Oft verbirgt sich hinter den windelweichen Statements, den ewig gleichen Allgemeinplätzen, hinter Phrasen und Plattitüden eine zweite oder sogar dritte Botschaft. Professor Karl-Rudolf Korte, Politikwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, beschäftigt sich mit dem, was Politiker sagen. Und dem, was sie meinen.  

jetzt: Herr Professor Korte, meinen Sie immer alles so, wie Sie es sagen?

Karl-Rudolf Korte: Zum Glück ja. Wenn ich so strategisch kommunizieren müsste wie Politiker, würde ich es lieber lassen. Aber als Wissenschaftler kann ich auch gar nicht anders, als offen zu sprechen. Denn anders als bei Politikern sind meine wahrgenommene Unabhängigkeit und Freiheit mein wichtigstes Kapital. Ich bin von keinen Mehrheiten abhängig. Doch auch für mich hat sich die Resonanz verändert. Seit dem Aufkommen der populistischen Strömungen in Deutschland bekomme ich nach Texten und Auftritten viel mehr Feedback, vor allem auch negatives. Davon darf man sich nicht beeinflussen lassen. 

Der Satz, der in letzter Zeit am tiefsten analysiert und am stärksten kritisiert wurde, gerade auch von rechts, war Angela Merkels „Wir schaffen das!“. Warum eigentlich?

Dieser Satz lässt sehr viel Kritik zu, weil er in seinem Subtext eine hohe moralische Qualität in Anspruch nimmt. Und weil er der Alternative, dem „Wir schaffen das nicht“, eine geringere moralische Qualität zugesteht. Dadurch entstand bei vielen Menschen ein Gefühl der Alternativlosigkeit. Was immer Widersacher auf den Plan ruft. Dass unsere Möglichkeiten tatsächlich begrenzt sind, dass wir manche Sachen eben nicht schaffen werden, diese Alternative musste erst gegen den Satz erkämpft werden.

Warum genau sind wir bei Politikern so kritisch und analysieren genau, was sie eigentlich meinen, wenn sie etwas sagen?

Früher gab es einen besonderen, unantastbaren Bereich der Politik. Und mit ihm eine besondere Aura des Politikers, eine gewisse Ehrfurcht. Das ist vorbei. Heute meinen die meisten, sie könnten es besser als unsere Politiker. Dass das nicht stimmt, sehen wir übrigens an Parlamentariern, die neu sind und sich sehr schwer tun. Aber viele Bürger schauen ganz genau hin, nach dem Motto: Ich weiß genau, was die im Schilde führen, mit welchen Tricks die arbeiten. Und andererseits will jeder Politiker möglichst viele Bürger mit einer Botschaft, einer Geschichte erreichen. Also muss er seine Botschaft wiederholen, in der selben Formulierung, immer wieder. Das bietet viel Angriffsfläche. 

Präsident Obama hatte beim letztjährigen White House Correspondent Dinner, einem Event für Pressevertreter, seinen „Anger Translator“ dabei. Der wiederholte in drastischen Worten, was Obama durch die Blume ausdrückte. Müssen Politiker sich wirklich so arg zurücknehmen?

Sie müssen sehr sensibel die verschiedenen Öffentlichkeiten beachten, in die sie hineinkommunizieren. Wähler, Nicht-Wähler, eigenes Lager, gegnerisches Lager – und das alles indirekt, von Medien vermittelt. Der entscheidende Punkt dabei – anders als bei unserem Gespräch hier – ist die Machtfrage. Als Politiker müssen Sie am Anfang und am Ende einer Aussage eine Mehrheit haben. Diese flüchtige Machtgrundlage ist nicht Gottgegeben, nicht einmal in der eigenen Partei. Weil man am Ende sicher sein muss, dass das, was man grade gesagt hat, mehrheitsfähig ist, bedient man sich einer unscharfen Sprache. Die aber genau dadurch souverän bleibt. Das Vorsichtige funktioniert.

Und jedes falsche Wort, jede falsche Geste kann heute in Sekunden tausendfach geteilt und mit Häme und Hass beantwortet werden.

Die politische Kommunikation hat sich stark verändert. Wir sind mitten in einem Habermas´schen "Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Wir haben über sechzig Jahren Erfahrung mit klassischen Medien, aber nicht mit sozialen. Es gibt heute eine Feedback-Erwartung und viel mehr Transparenz bei allem Politischen. Um das zu meistern, brauchen wir noch einmal sechzig Jahre Erfahrung. 

Foto: Karl-Rudolf Korte.

Was würde passieren, wenn Politiker von einem Tag auf den anderen komplett offen kommunizieren würden?

Wer das gemacht hat, wurde von den Medien auch an seinen Worten gemessen – und vorgeführt. Peer Steinbrück war im vergangenen Bundestagswahlkampf eines der letzten großen Opfer. Seine pointierten Statements wurden auseinandergenommen und immer wieder mit dem SPD-Wahlprogramm verglichen. Also formulierte er irgendwann kongruenter – und damit weicher. 

 

"Die führenden Politiker“, schrieb Bernd Ullrich schon 2015 in der ZEIT, "sind heute mindestens so aufgewühlt wie 1989/90, dabei so unsicher wie nie, sie geben es im Vertrauen oft sogar zu. Dennoch dringt von alledem wenig nach außen.“ Ist also unsere Zeit besonders schwer für Politiker?

Nein, nur die Wahrnehmung der Wirklichkeit als Ereignisgewitter ist krasser. In einer vernetzten Welt erzeugt jede Aussage mehr Resonanz. Aber die Ereignisse an sich sind nicht mehr oder härter geworden.

 

Sollten denn Politiker überhaupt die Öffentlichkeit mit all ihren Sorgen und Ideen behelligen, mit all den Bedrohungen und Problemen, mit denen sie sich täglich beschäftigen? 

Es nutzt nichts, einen rauszuhauen, und am Ende nichts davon umsetzen können, nicht verlässlich zu sein. Im Radio hört man, wer da spricht: ein Sportler etwa oder ein gewiefter Politiker. Deren Alltag ist ja nicht die Tabuverletzung, sondern eben die Konsensfähigkeit in der Öffentlichkeit. Und gleichzeitig müssen sie das eigene Lager bei Laune halten. Bei dieser Gratwanderung konstruiert ein Politiker über seine Sprache immer eine soziale Wirklichkeit. Um sie zu verändern. Er setzt darauf, dass andere seine Aussagen in seinem Sinne verstehen. Er will nicht polarisieren. Er will mobilisieren.

 

Wie bewusst spielen rechte oder rechtsextreme Politiker mit dem Subtext ihrer Botschaften, wenn sie zum Beispiel laut über einen Schießbefehl gegen Flüchtlinge nachdenken? 

Hier sehen wir den Tabubruch als Stil des Sprechers. Es gibt viele Arten von Tabus: historische, politisch korrekte Tabus, sittliche Tabus, Tabus in der öffentlichen Rede. Der Bruch damit führt zu einem Reiz-Reaktionsschema des Mainstreams, der darauf eingeht und sich davon abgrenzt. Der Tabubrecher hat das erreicht, was er wollte: Öffentlichkeit. Dieses Stilmoment benutzen viele Bewegungen. Und ich wundere mich, dass immer noch, immer wieder, alle darauf reinfallen. 

 

Die Linken-Chefin Sahra Wagenknecht hat sich mit ihren Äußerungen zur Flüchtlingspolitik neulich in die Reihe der Populisten eingereiht – gefährlicher Subtext ist also kein Privileg der Rechten?

Richtig. Darunter leidet die Qualität einer Demokratie, die direkt an der Qualität ihrer Öffentlichkeit hängt. Kaum eine unsinnige Äußerung ist unsinnig genug, dass nicht wieder jemand darauf einsteigt. Wir müssen lernen, anders damit umzugehen, ihren Subtext zu entlarven. Tabubrüche besser gelassen zu ignorieren. Und nicht durch Aufmerksamkeit größer zu machen.

 

Wie gefährlich sind solche Grenzgänge?

Das Fenster des Sagbaren, Denkbaren, Machbaren wird mit jedem Tabubruch größer. Und beim Publikum bildet sich ein Gewohnheitsrecht, wenn die Menschen sich mit ihrer mitunter extremen Meinung in einer größeren Gruppe aufgehoben fühlen. Wir orientieren uns immer an Gruppen, an Vorbildern, wollen Einigkeit herstellen, nicht isoliert agieren. Wir sind Fans des Erfolgs. Der superrationale Individualist, der Wahlprogramme durcharbeitet, ist die Ausnahme. Die Mehrheit orientiert sich an einer Gruppe. 

 

Ab wann ist dieser kalkulierte Tabubruch das sogenannte "Fischen am rechten Rand"? Und funktioniert das wirklich?

Es geht dabei eher um Angebotslücken. Wenn ein Thema von keiner Partei abgebildet wird, wählen die Menschen gar nicht mehr – oder „Protest“. Also eine neue Partei, die das Thema übernimmt. Ein alternativloser Politikstil einer großen Koalition, mit einem moralischen Hochmut der politischen Mitte, lässt manche Themen nicht mehr zu. Und stigmatisiert seine Vertreter. Zum Beispiel wurde lange jeder, der gegen die aktuelle Europapolitik ist, als „Anti-Europäer“ gebrandmarkt. Auch deshalb flüchten Politiker in den diffusen Subtext, schon um dieser Radikalisierung zu entgehen.

 

Kann man als Laie diese verschiedenen Bedeutungsebenen überhaupt korrekt übersetzen? Kann ich noch verstehen, was Politiker sagen?

Ich würde die Wähler nicht unterschätzen. Die Mehrzahl löst Komplexität auf, bildet sich ihre eigene Meinung, versteht Koalitions- und Oppositions-Rollen sowie Rollenkonflikte – und entlarvt Subtexte. Sonst wäre es nicht erklärbar, dass beispielsweise die AfD zwar mehr, aber international vergleichsweise immer noch wenig Stimmen bekommt. 

Mehr Politik? Hier entlang:

  • teilen
  • schließen