„Es ist unglaublich mutig, was sie gemacht hat“

Eine 17-Jährige wurde in einer Berliner Tram Opfer von rassistischer Gewalt. (Symbolbild)
Foto: Paul Zinken/picture alliance/dpa

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Am Donnerstagvormittag hat das Instagram-Video der 17-jährigen Dilan, die am Samstagabend Opfer einer rassistisch motivierten Gewalttat wurde, 8,1 Millionen Aufrufe. Sechs Erwachsene beschimpften und verprügelten sie am Samstagabend in einer Straßenbahn und an einer Haltestelle in Berlin, Prenzlauer Berg. Keine:r der Umstehenden griff ein. Aus dem Krankenhausbett heraus nahm Dilan schließlich das neunminütige Video, das Stand Donnerstagnachmittag nicht mehr online ist, auf – um ihre Version des Vorfalls zu teilen, den Polizei und Medien erst anders dargestellt hatten. „17-Jährige ohne Maske wurde in Berlin verprügelt“ – so oder ähnlich lauteten die ersten Schlagzeilen, die auf der Pressemitteilung der Polizei basierten. Dass Dilan aber einen Mund-Nasen-Schutz trug, beweisen Aufnahmen der Überwachungskameras. Die Polizei gab inzwischen einen Fehler in der Kommunikation zu

Dilan ist nicht die erste Betroffene rechter oder rassistischer Gewalt, die sich selbst hilft und die sozialen Medien nutzt, um ihre Sicht darzustellen und so Öffentlichkeit zu generieren. Heike Kleffner vom Verband Betroffener rechter Gewalt in Deutschland spricht im Interview darüber, inwieweit das wichtig ist – und worauf zu achten ist, wenn man solche Videos aufnimmt. 

jetzt: Wie oft haben Sie mit Menschen zu tun, die nach einem rassistischen  Übergriff ihre Sicht auf die Dinge in den sozialen Medien teilen? Heike Kleffner: Das passiert nicht ständig, aber doch immer wieder. In Fällen rassistischer Gewalt, bei rechter Polizeigewalt oder auch bei Gewalt durch Corona-Leugner:innen. Die Betroffenen stellen die Videos online, weil sie sich in der Darstellung des Vorgefallenen durch die Polizei nicht wiederfinden. Sie wissen: Wenn sie das nicht selbst teilen, bleibt nur die Darstellung der Polizei.

 

Finden Sie den Weg, den Dilan gegangen ist, richtig?

Es ist unglaublich mutig, was sie gemacht hat. Die 17-Jährige hat alles richtig gemacht. Sie hat eine Maske getragen, sie hat sich verbal gegen die rassistischen Äußerungen gewandt, sie hat Umstehende um Hilfe gebeten. Das massive Fehlverhalten aller anderen hat gravierende Konsequenzen für die Betroffene: Die Umstehenden haben nicht eingegriffen, die Polizei hat die Tat falsch dargestellt, die Medien auch.

„Alle Betroffenen von Rassismus und Antisemitismus müssen das Recht haben, sich gegen Verleumdung zu wehren“

Welche Rolle spielen in solchen Fällen die Medien?

Eine große. Die Erfahrung vieler Betroffener rechter, rassistischer oder antisemitischer Gewalt ist, dass zu viele Journalist:innen eins zu eins die Polizei-Pressemitteilung übernehmen, ohne diese zu prüfen. Auch in diesem aktuellen Fall zeigt sich ein strukturelles Problem: Nach der Selbstenttarnung des NSU gab es ein kurzes Moment der Selbstkritik unter Journalist:innen. Die Medien hatten lange unhinterfragt das Narrativ der Polizei übernommen – Stichwort „Dönermorde“. Danach wurde Besserung gelobt – von Polizei und Medien. Der aktuelle Fall in Berlin zeigt sehr dramatisch, dass bei der ersten Berichterstattung ein wichtiges Prinzip von Journalismus, nämlich, alle Quellen zu hinterfragen, nicht eingehalten wurde. Gerade im Kontext von Rassismus und Antisemitismus sollte immer versucht werden, ein Statement der Betroffenen einzuholen.

 

Also ermutigen Sie Betroffene rassistischer Gewalt dazu, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen, auch mit Klarnamen und Gesicht?

Alle Betroffenen von Rassismus und Antisemitismus müssen das Recht haben, sich gegen Verleumdung zu wehren. Dabei ist das Teilen von Social-Media-Beiträgen eine wichtige Form der Selbstermächtigung – und ebenfalls ein wichtiges Moment der Kontrolle von Polizei und Medien durch die Betroffenen oder Zeug:innen. Gleichzeitig birgt es die Gefahr weiterer Anfeindungen, sowohl in Form von Shitstorms als auch in Form physischer Bedrohungen. Und wir haben auch schon erlebt, dass die Strafverfolgungsbehörden Ermittlungsverfahren gegen Betroffene oder Zeug:innen wegen Äußerungsdelikten oder falscher Verdächtigungen eingeleitet haben.

 

Dilan schildert in ihrem Video den Angriff sehr detailliert. Kann das rechtliche Folgen für Betroffene haben?

Jede:r Betroffene sollte selbst entscheiden, ob und in welcher Form er oder sie an die Öffentlichkeit geht. Und in so einem Fall wie dem von Dilan ist mehr als verständlich, dass eine Betroffene sagt, dass sie das öffentlich klarstellen muss. Zumal in Querdenker-Kreisen im Zuge der ersten Berichterstattung schon die Nachricht geteilt wurde, dass es sich bei ihr um eine Maskenverweigerin handle. Grundsätzlich kann es jedoch problematisch sein, die Details eines Angriffes oder von Tatabläufen öffentlich zu schildern, bevor die Aussagen in Form von Zeug:innen-Aussagen oder bei einem Gerichtsprozess aktenkundig wurden. Jedoch ist jeder Fall anders.

Was raten Sie Zeug:innen und Opfern ?

Es ist sehr wichtig, nach derartigen Angriffen ein Gedächtnisprotokoll anzufertigen und aufzuschreiben, was passiert ist, so genau wie möglich und Verletzungen zu dokumentieren. Die Erfahrung zeigt leider, dass zwischen der Tat und einer ausführlichen Zeugenvernehmung einige Zeit vergehen kann. Bis es zur Hauptverhandlung kommt, können auch Jahre verstreichen. Wenn Zeug:innen filmen, sollten sie immer darauf achten, die Gesichter der Opfer im Nachhinein unkenntlich zu machen, falls sie das Video online stellen – außer, die Betroffenen haben explizit zugestimmt, erkennbar sein zu wollen. Wichtig ist: Auch, wenn man gefilmt hat – auf Videos sind immer nur Ausschnitte zu sehen, nie ist die ganze Situation voll erfasst.

Im Fall von Dilan gab es keine Zeug:innen, die eingegriffen haben.

Ja, und das ist fatal. Eine Intervention kann in solchen Situationen für die Betroffenen den zentralen Unterschied machen. Diese kann auch darin bestehen, sich im Nachhinein als Zeuge oder Zeugin zur Verfügung zu stellen. Damit signalisiert man, dass die Betroffene nicht alleine dasteht, dass es einem nicht egal ist. Wenn niemand eingreift, wird deutlich, dass alle die Motivation der rassistischen Täter teilen. Das ist wie ein zweiter Angriff nach der Gewalttat.

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