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„Mugabe hat meine Generation auf dem Gewissen“

Drei junge Simbabwer erzählen, was die Diktatur Mugabes mit ihren Leben gemacht hat und was sie sich nun vom neuen Präsidenten Mnangagwa wünschen.
Protokolle von Lara Thiede
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    Foto: Tony Karumba / AFP

37 Jahre lang hatte der heute 75-jährige Robert Mugabe Simbabwe regiert. Wurde er zu Beginn seiner Präsidentschaft noch als Retter vor dem weißen Minderheitsregime gefeiert, galt er später als Despot, der sich an die Macht klammerte. Als Diktator, der sein Land in den Ruin gewirtschaftet hat. Noch verhasster war der simbabwischen Bevölkerung allerdings seine Frau Grace: Sie wird „Gucci Grace“ genannt, weil sie sich trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage ihres Landes mit Luxusartikeln umgibt. Mugabe hatte ihr großen Einfluss auf die Politik des Landes übertragen und zuletzt versucht, sie zu seiner Nachfolgerin zu machen. In der vergangenen Woche hat sich daraufhin einiges im Land verändert: Das Militär, vorher obrigkeitshörig gegenüber Mugabe, putschte gegen den alten Präsidenten und stellte ihn unter Hausarrest. Nachdem sich auch seine Partei gegen ihn gestellt hatte, trat der Diktator vor wenigen Tagen widerwillig zurück.

Sein Nachfolger wurde nun am Freitag vereidigt: Emmerson Mnangagwa. Er gehört wie Mugabe der Partei Zanu-PF („Zimbabwe African National Union – Popular Front“) an, war dort lange fest an der Seite des Despoten, 2014 bis 2017 sogar Vizepräsident. Erst aufgrund eines Machtkampfes zwischen Grace Mugabe und ihm entließ ihn Mugabe vor wenigen Wochen. Weil Mnangagwa um seine Sicherheit fürchtete, verließ er daraufhin das Land und kam erst zurück, nachdem das Militär die Kontrolle übernommen hatte. Er wird „das Krokodil“ genannt, gilt als grausam und wird unter anderem für das Massaker in der Region Matabeleland verantwortlich gemacht, bei dem Tausende Menschen getötet wurden. Trotzdem wird der Machtwechsel von der Mehrheit der Bevölkerung gefeiert. Warum das so ist und wie es ihnen selbst mit dem politischen Wandel geht, haben uns drei junge Menschen aus Simbabwes Hauptstadt Harare erzählt.

„Mugabes lange Herrschaft hat die Leben seiner Bürger verdorben“

Latwell, 29, ist Journalist

  • zimbabwe text
    Foto: Privat

„Als Robert Mugabe 1980 an die Macht kam, wurde er von allen Seiten bejubelt. Er galt als Halbgott, der die Bevölkerung Simbabwes von der Regierung der weißen Minderheit befreite. Während viele ihn allerdings als besten und intelligentesten Politiker aller Zeiten feierten, erwies er sich nicht als solcher. Er hat unser Land seiner Ehefrau anvertraut und ihr ihr viel Macht eingeräumt, die sie nicht verdient hat.

Die Arbeitslosenquote in Simbabwe ist die höchste in ganz Afrika

Mugabes Regierung ist verantwortlich dafür, dass unsere Straßen kaputt sind und unsere Kranken nicht gut versorgt werden können. Unter seiner Regierung gingen viele große Firmen bankrott, kleine Geschäfte konnten sich ebenfalls nicht halten. Unsere Währung, der Simbabwe-Dollar, hat immens an Wert verloren, bis wir 2015 auf die Nutzung von Schuldscheinen und anderer Währungen umsteigen mussten. Die Arbeitslosenquote in Simbabwe ist die höchste in ganz Afrika. Gut, Mugabe hat uns tatsächlich gute Bildung ermöglicht. Aber was bringt uns Bildung, wenn keine Arbeitsplätze da sind, für die wir Bildung brauchen?

Mugabe hat meine Generation auf dem Gewissen. Denn viele junge Leute beenden hier ihr Studium – und bleiben dann jahrelang zu Hause sitzen. Das Nichts-tun-können wird zum Elend des Alltags. Ich dagegen arbeite zwar schon seit vielen Jahren hart, besitze aber nichts. Denn die Bezahlung ist ohnehin schon miserabel und dann ist Geld in Simbabwe noch nicht einmal viel wert. Die Hyperinflation im Land macht mich zu ihrem Sklaven. Viele Menschen wissen nicht, woher sie ihr Essen nehmen sollen.

Indem er sich an die Macht klammerte, opferte Mugabe unsere früher so starke Wirtschaft, die Simbabwe als den „Brotkorb Afrikas“ bekannt machte. Seine lange Herrschaft hat die Leben seiner Bürger verdorben.

Uns ist eigentlich jede Änderung recht  

Deshalb ist das Militär gerade tatsächlich unsere Rettung. Lange glaubte ich, das Militär bestünde aus herzlosen Befehlshörigen, sie wirkten immer sehr bedrohlich auf mich. Doch seit einigen Tagen hat sich mein Bild gewandelt. Jetzt kann ich sehen, dass auch sie die Herrschaft Mugabes nicht länger ertragen konnten, dass auch sie darunter gelitten haben. 37 Jahre lang hat es niemand geschafft, Mugabe die Macht zu entziehen. Nun haben sie es auf friedliche Weise geschafft und wir sind ihnen unendlich dankbar dafür.  

Ich glaube, dass sich die politische Situation mit Mnangagwa als Präsident verbessern wird. Nach einer so langen Zeit ohne wirklichen politischen Wandel, ist uns eigentlich jede Änderung recht. Im Grunde machen wir uns nicht so viele Gedanken darum, wer nun dafür sorgt, dass es uns besser geht. Uns ist nur wichtig, dass wir am Ende des Tages Essen auf unseren Tischen stehen haben und in Frieden leben können.

Wir sind deshalb bereit, unserem neuen Präsidenten eine Chance zu geben und hoffen, dass er unser Land zu einem besseren machen kann. Er hat bereits davon gesprochen, dass sich Investoren aus dem Ausland bei ihm gemeldet hätten und uns ein besseres Simbabwe versprochen.

 

Aber selbst, wenn er damit Unrecht hatte und es noch schlimmer werden sollte als unter Mugabe: Wir Simbabwer haben schon so viel gesehen und erlebt. Ich glaube fest daran, dass wir als Nation alles überstehen können.“  

 

„Ich finde, Mugabe war ein guter Präsident"

Samantha (Name geändert), 25, ist Rezeptionistin

 

„Soweit ich das einschätzen kann, ist fast jeder im Land froh über die Veränderungen, die gerade stattfinden. Alte und junge Menschen lieben und verehren Mnangagwa sehr. Viele von ihnen feiern ihn aber wahrscheinlich nur deshalb, weil sie so froh sind, dass er Mugabe endlich ablöst. Ich glaube, sie würden sich über jeden anderen neuen Präsidenten genauso freuen, wie über ihn.

 

Ich finde, Mugabe war ein guter Präsident. Er war ein starker Anführer, auch wenn er seine Schwächen hatte. Er war ein Mann mit Prinzipien und stellte die Bildung vor alles andere. Allerdings hat die Politik seiner Partei Zanu-PF unser Land tatsächlich geschwächt. Wie viel Mugabe selbst damit zu tun hat, weiß ich nicht. Ich spüre aber ganz klar, dass es unserer Wirtschaft sehr schlecht geht: Ich habe einen Uni-Abschluss in Medien- und Gesellschaftswissenschaften, kann aber nicht auf meinem Gebiet arbeiten, weil es dort einfach keine Jobs gibt. Ich arbeite deshalb momentan an einer Rezeption.

 

Die Militärs sind zu unseren Helden geworden

 

Nach Mugabes Rücktritt lehne ich mich einfach zurück und gucke zu, was so passiert. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob sich so viel ändern wird. Denn immerhin ist mit Zanu-PF noch die gleiche Partei an der Macht wie vorher. Ich kann also nur hoffen, dass Mnangagwa ein guter Präsident sein wird und dass er helfen kann, unsere Wirtschaft wiederzubeleben. Im Moment kann ich aber wirklich nicht abschätzen, ob sie sich wieder erholen wird.

 

In den vergangenen Tagen sind die Militärs zu unseren Helden geworden. Vorher hatte ich sie nur als einen Haufen rücksichtloser, gefährlicher Menschen wahrgenommen. So dachte auch jeder andere, den ich kenne. Jetzt denkt so wahrscheinlich keiner mehr. Denn es war klar, dass Mugabe als alter Mann bald gehen muss – und niemand hätte gewollt, dass seine Frau die Nachfolge antritt. Die Aktion war also notwendig. Der nächste Präsident wird sich nun außerdem extra viel Mühe geben, gute Politik zu machen – schließlich wird er am Ende seiner Karriere nicht das gleiche erleben wollen.“

 

„Das Militär hat durchgesetzt, was das Land wollte"

Moses, 29, ist Redakteur beim Radio 

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    Bild: AB Communications

„Fast jeder Simbabwer ist von Mugabes Fehlern betroffen. Mehr als drei Millionen Simbabwer mussten als Wirtschaftsflüchtlinge ins Ausland gehen. Die, die geblieben sind, haben keine Arbeit und keinen Zugang zu dem Geld, das sie bei Banken angelegt haben. Das liegt daran, dass Simbabwe keine eigene Währung mehr hat. Wir sind sozusagen von Plastikgeld, von Schuldscheinen abhängig, die wir “bond notes” nennen. Geld kann man schließlich nur dann abheben, wenn die Banken welches haben. Und das kommt nur äußerst selten vor. Viele Simbabwer schlafen deshalb im Freien vor den Banken. Sie wollen auf jeden Fall dort sein, sobald es möglich ist, an Geld heranzukommen.

 

Für diesen Zustand mache ich Mugabe verantwortlich. Klar, er ist ein guter Redner. Nur blöd, dass er versäumt hat, dieses Talent auch dafür einzusetzen, unser Land auf den wichtigen Gebieten wie eben der Wirtschaft voranzutreiben. Er war 37 Jahre lang an der Macht und hat wirklich nur sehr wenige Erfolge vorzuweisen. Eigentlich nur in Sachen Bildung. Unsere Wirtschaft hat er ruiniert, weil er sich meiner Meinung nach einfach nicht mit Schlüsselthemen wie Brot und Butter auseinandergesetzt hat, nie auseinandersetzen musste. Er hatte eine frostige Beziehung zum Westen und hat Simbabwe von Partnern isoliert, die uns wirtschaftliches Wachstum hätten bringen können.

 

Mugabe hat nie etwas gegen die Korruption unternommen  

 

In Simbabwe ist Korruption außerdem ein großes Thema. Mugabe hat nie etwas dagegen unternommen. Während seine Bürger darunter litten, hat er seine korrupten Mitarbeiter einfach gewähren lassen. Als Journalist war es schwer, Mugabe für all diese Vergehen zu kritisieren. Man hätte viel Ärger bekommen und wäre am Ende wahrscheinlich wegen so merkwürdiger Vorwürfe wie “Untergraben der Autorität des Präsidenten” angeklagt und verurteilt worden.

 

Der neue Präsident weiß, wie man ein Land anführt und was sein Volk will. Das hat seine Rede bei der Amtseinführung gestern gezeigt. Er will erreichen, dass Simbabwe wieder mehr an der internationalen Gemeinde Teil hat, die Wirtschaft und Landwirtschaft stärken, gegen Bestechung vorgehen und dafür sorgen, dass jeder Bürger die gleichen Rechte hat. Mnangagwa macht uns Hoffnung und ich glaube nicht, dass er uns enttäuschen wollen würde. Bei seiner Amtseinführung waren schließlich auch viele Politiker aus anderen Ländern und sogar Mitglieder der Opposition. Wenn die ihm eine Chance geben, dann wollen wir das natürlich auch tun.

 

Besonders junge Leute freuen sich über den Machtwechsel. Sie haben am stärksten unter Mugabes Regierung gelitten. Die meisten von ihnen sind gebildet, haben aber keine Jobs. Menschen mit einem Masterabschluss wurden reihenweise zu Straßenverkäufern.

 

Beinahe jeder im Land ist begeistert. Das zeigt auch, wie gut unser Militär gehandelt hat. Es hat durchgesetzt, was das Volk wollte. Vorher war das Militär verhasst, jetzt sind Soldaten die Lieblinge der Massen. Wer weiß, wie die Herrschaft Mugabes sonst geendet hätte.“  

 

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