Der Klassensprecher-Campino nervt

Aber damit tut er immerhin mehr als wir.
Von Johanna Roth

Campino beim #wirsindmehr-Konzert in Chemnitz.

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Ja, man kann Campino blöd finden. Und wie! In den 90ern war er der Berufsjugendliche der Republik, der mit Angela Merkel lustige Interviews über ihr schlimmstes Besäufnis führen durfte und oberkörperfrei ins Mikro grölte. Aber die Toten Hosen waren immer zu Mainstream, um Punk zu sein, und dass Campino zuletzt mit einer Anzeige Schlagzeilen machte, weil er damit hatte angeben müssen, ins Freibad eingestiegen zu sein, das ist so uncool, dass es fast wehtut.

Dazu kommt seine Omnipräsenz als schlechtes Gewissen. Campino ist überall – Echo, Talkshows, Festivals – und vor allem: Spricht überall. Besonders gerne über Moral und Anstand. Er redet von „Dringlichkeit“, Provokation als Stilmittel oder einem „Funken“, der nun überspringen müsse. Bei jedem anderen würde man dazu sagen, er predige, aber weil Campino offiziell immer noch Punk ist und kein Pastor, muss ein anderer Begriff her.

Versuchen wir’s mal damit: Campino ist quasi der Klassensprecher der Nation. Wer kennt ihn nicht aus der Schule, diesen einen Typen, der keine Demo auslässt? Der immer aufstehen und laut sagen muss, wenn was schiefläuft, und der nicht lange darüber nachdenkt, ob das jetzt cool ist oder nicht.

Alle anderen verdrehen dann die Augen, wenn er was sagt, auch wenn sie natürlich eigentlich seiner Meinung sind. Sie haben nur meistens keinen Bock, sich mit unangenehmen Dingen wie Klimawandel, Müllwoche oder der Spendenaktion für die Partnerschule in Nicaragua auseinanderzusetzen. Oder eben Nazis. Dafür wählt man sie ja, die Klassensprecher, damit man Ruhe vor dem ganzen Kram hat und sich trotzdem jemand drum kümmert.

In der Gesellschaft an sich funktioniert das nicht anders, nur dass die Klassensprecher Geld bekommen und alle vier Jahre gewählt werden anstatt nach den Sommerferien. Aber das reicht jetzt offenbar nicht mehr. Rechte sitzen im Bundestag, Rechte jagen Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe durch die Straßen, aber wir beruhigen uns weiterhin damit, das richtige zu wählen, Fahrrad zu fahren und uns an der Spendenaktion für Sea Watch beteiligt zu haben.

In der Situation ist es dann doch Campino, der was sagt – der zum Beispiel Kollegah und Farid Bang für ihren Antisemitismus angreift –, während wir ausnahmsweise auch bei ihm mal „Gefällt mir“ klicken oder Liveticker mit den witzigsten Tweets über Nazis in Ostdeutschland lesen. Es ist auch wieder Campino, der hinfährt nach Sachsen, sich trotz massiver Shitstorms im Netz auf eine Bühne stellt und selbstverständliche Dinge sagt, die eigentlich die Kanzlerin sagen müsste, die sich aber nicht einmal in Chemnitz hat blicken lassen: Dass es in der vergangenen Woche nicht um einen „Kampf Links gegen Rechts“ gegangen sei, sondern darum, sich Ausschreitungen von Rechtsradikalen entgegenzustellen.

Campino ist immer ein bisschen peinlich, aber: Er ist immer da. Er macht den Job, den einer machen muss, während wir anderen „Bella Ciao“ zum Sommerhit 2018 hypen, die Hymne antifaschistischer Widerstandskämpfer 1945.

Und überhaupt: Warum sind es immer dieselben, die Toten Hosen genau wie Feine Sahne Fischfilet? Wo war denn Helene Fischer am Montagabend in Chemnitz? Wo waren Sido und Kollegah, wo waren Clueso und Robin Schulz und Lena Meyer-Landrut? Die, die jeder kennt; die Stadien füllen, aber die sich lieber nicht das Protestkünstler-Label anziehen wollen, wenn es mal wieder jemanden braucht, der den Mund aufmacht. Dafür gibt es ja Campino.

Ja, er nervt. Aber er macht wenigstens was. Eindeutig Position zu beziehen, ist immer anstrengend und wirkt noch viel mehr so. Und wir schrecken auch deshalb davor zurück, weil dem genauso der Hauch des Uncoolen anhaftet, wie früher Poster für die Umwelt-AG zu malen. Kritisch-ironische Distanz ist ja ganz geil, wenn man Twitter-Influencer ist, nur gegen Neonazis hilft das leider nicht. Und spätestens mit den Vorfällen in Chemnitz geht das wirklich nicht mehr. Wer 1989 oder später geboren ist, dem fehlte vielleicht bisher das eine Ereignis, über das man später sagen wird: Das war der Moment, in dem ich politisch wurde.

Jetzt aber ist er da. Und es ist bei zweistelligen AfD-Ergebnissen nicht länger eine Lösung, sein gutes Gewissen wieder nur auf den Klassensprecher abzuladen und Bier trinken zu gehen. Man muss nicht auf die Straße, man kann auch auf Facebook, Twitter, Instagram politisch sein, es kann auch eine komplexere Aussage sein als „Nazis raus“ und ja, es geht auch ironisch UND politisch, siehe Jan Böhmermann. Nur Haltung müssen wir jetzt zeigen. Alle.

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