„Je dunkler die Haut, desto voreingenommener gehen die Menschen mit dir um“

In seinem Podcast „Halbe Katoffl“ lässt Frank Menschen mit Migrationshintergrund zu Wort kommen.
Interview von Mitsuo Martin Iwamoto

Frank Joung betreibt seit 2016 den Podcast „Halbe Katoffl“, in dem Deutsche mit nicht-deutschen Wurzeln aus ihrem Leben erzählen.  Frank Joungs Eltern kommen aus Korea, er arbeitet als Journalist in Berlin.

Foto: Frank Joung

25 Prozent der Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Trotzdem kommen ihre Geschichten in der Öffentlichkeit kaum vor. Der Journalist Frank Joung will das mit seinem Podcast „Halbe Katoffl“ ändern. 

jetzt: Was nervt dich am „Halbe Katoffl“-Dasein in Deutschland am meisten?

Frank Joung: Mittlerweile hab ich mich arrangiert und bin im Reinen mit mir. Aber früher als Jugendlicher gab es viele Situationen, in denen ich mir nicht sicher war: Passiert mir das jetzt, weil ich asiatisch aussehe oder einfach, weil ich mich doof angestellt habe? Zum Beispiel, wenn ich in einen teureren Laden gegangen bin und alle geguckt haben, ob ich nicht gerade was klaue.

Was nervt noch?

Dieses ständige „Nĭ hăo!“. Ich fahre in Berlin irgendwo mit dem Fahrrad oder gehe irgendwo lang und plötzlich rufen mir Leute „Nĭ hăo!“ nach. Nicht als nette Begrüßung, sondern als dummen Spruch. Manchmal bleibe ich dann auch stehen und frage: „Was soll das jetzt?“.

Ab wann sind die Dinge für dich so schlimm, dass du sie ansprichst?

Jede blöde Bemerkung oder Erfahrung ist ja nur ein kleiner Tropfen. Aber irgendwann ist das Fass dann halt übergelaufen. Das Schwierige ist: Manche Sachen sind nicht eindeutiger Rassismus, sondern einfach nur nervig. Es wird dir signalisiert: Du bist nicht okay. Kleine Dinge, die immer wieder sagen: Du gehörst hier nicht her, du bist nicht deutsch, du bist nicht, was du vorgibst zu sein.  

Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass du in Deutschland wegen deines Aussehens anders behandelt wirst?

Im Nachhinein ist das natürlich schwer zu sagen. Aber als ich so um die fünf war, bin ich mit meinem kleinen Bruder in ein Spielwarengeschäft in unserem Ort gegangen. Wir hatten große bunte Sandkastenschaufeln dabei und als wir raus sind, meinte der Ladenbesitzer: „Hey, ihr habt die Schaufeln geklaut!“. Und wir beide natürlich: „Ne, haben wir nicht!“. Als meine Mutter dazu kam, dachte ich, jetzt klärt sich alles auf. Aber er hat auch meiner Mutter einfach nicht geglaubt. Das war so eine Schlüsselszene, in der ich gemerkt habe: „Krass, meine Mutter wird hier nicht respektiert.“  Im Nachhinein denke ich wirklich, es war, weil sie koreanisch ist und nicht so gut deutsch sprach.

Waren diese Erfahrungen auch der Grund, den Podcast zu starten?

Ich bin ja selber Journalist und mich hat vor allem genervt, dass es immer nur die gleichen Geschichten über halbe Kartoffeln in den Medien gab. Also entweder die klassische Aufsteigergeschichte: Er*sie kam aus dem Nichts und jetzt hat er*sie Abitur und macht Karriere. Oder die Kriminellengeschichte: Der Ausländer klaut unsere Autos. Oder die Rassismusstory: Oh Gott, oh Gott, der*die Arme wird diskriminiert. Aber die alltäglichen Nervereien, die dokumentiert keiner. Ich wollte aber auch keinen Migrationspodcast machen, wo wir Migrantenkinder über Deutsche lästern, sondern einfach zeigen: So sieht es bei uns aus – und schau mal: Jeder hat seine ganz eigene Lebensgeschichte und geht mit seinen Erfahrungen ganz individuell um.

Es gibt da eine gesellschaftliche Ethnien-Hierarchie, voll mit Klischees und Vorurteilen

Du hast Gäste mit Wurzeln in den verschiedensten Ecken der Welt. Wie unterschiedlich sind deren Erfahrungen in Deutschland?

Ich dachte, unsere Geschichten seien alle ähnlich. Dass alle irgendwie alltagsdiskriminiert werden, dass alle ihre Identität suchen und zwischen den Stühlen sitzen. Das ist auch bei fast allen so. Mir war allerdings nicht klar, wie komplex das Thema Herkunft ist. Vieles hängt sehr stark mit der Sichtbarkeit des Migrationshintergrunds, quasi dem „Migrationsvordergrund“, zusammen. Du kannst weiß sein – und trotzdem türkische Wurzeln haben. Wenn jemand aber dunkle Haut hat, macht das hierzulande natürlich einen Unterschied. Es gibt da eine gesellschaftliche Ethnien-Hierarchie, voll mit Klischees und Vorurteilen, auch wenn das hart klingt. Ganz oben kommen die Weißen, Asiaten werden zwar nicht ernst genommen, aber als ungefährlich eingestuft. Dann kommen vielleicht Latinos, die haben Temperament im Blut, wollen aber auch nur Salsa tanzen und Caipirinha trinken. Südeuropäer gehen auch noch. Sind immerhin Europäer – das sage ich jetzt alles sarkastisch. Aber je dunkler die Haut, umso fremder du aussiehst, desto voreingenommener gehen die Menschen mit dir um. Und wenn du „arabisch“ aussiehst, dunkle Haut hast, vielleicht muslimisch bist, als Frau ein Kopftuch trägst, die Sprache nicht kannst, einen „unaussprechlichen“ Namen hast – dann bist du ganz „unten“, dann hast du alle Checkpoints.

In deinem Podcast erzählst du, wie deine Grundschullehrerin dir nicht zutraute aufs Gymnasium zu gehen. Wie kann man verhindern, dass Kindern so Steine in den Weg gelegt werden?

Ich war eher so ein mittelmäßiger Schüler, aber alle meine Freunde wollten aufs Gymnasium, also wollte ich das auch. Aber meine Lehrerin meinte dann vor versammelter Klasse: „Was? DU willst aufs Gymnasium gehen? Das schaffst du nicht.“ Ich hab mich richtig bloßgestellt gefühlt. Als ich dann aufs Gymnasium ging, hatte ich anfangs oft das Gefühl: Vielleicht gehöre ich wirklich nicht hierher. Deswegen ist es wichtig, dass es mehr Vorbilder für halbe Kartoffeln gibt. Wenn man eine asiatische oder dunkelhäutige Lehrer*in hat, dann denkt man sich: „Das kann ich auch schaffen!“. Deswegen bin ich als Journalist auch immer total gerne für Workshops in Schulen gegangen. Irgendwann meinte dort mal ein Junge zu seinem asiatischen Sitznachbarn: „Der sieht genauso aus wie du“. Und ich dachte mir, „Genau deswegen bin ich hier“. Damit in den Köpfen klar wird: Journalist*innen können auch so aussehen.

Dass die Frage „Wo kommst du eigentlich her?“ bei „Halben Katoffln“ nicht so gut ankommt, hat sich ja mittlerweile rumgesprochen. Wie kann man dich am besten nach deiner Herkunft fragen – oder hast du gar keine Lust mehr darüber zu sprechen?

Ich bin da ziemlich offen und finde die Frage an sich auch nicht doof – zumindest, wenn ehrliches Interesse besteht. Viele halbe Kartoffeln nervt daran, dass die meisten nur fragen, um dich zu kategorisieren. Im Grunde suchen sie nur einen Grund, um zu sagen: „Siehste, du bist gar kein richtiger Deutscher, du bist Koreaner“. Da gibt es oft kein wirkliches Interesse an der individuellen Geschichte. Aber wenn ehrliches Interesse da ist, erzähl ich gerne von meiner Herkunft. Auch wenn jemand dabei nicht die politisch korrekten Begriffe verwendet. Ich kenne das ja selber, ich habe auch schon mal Fragen gestellt oder Dinge gesagt, die im Nachhinein vielleicht unangemessen oder blöd waren. Manchmal hat man die Geduld, und manchmal hat man einfach keine Lust darauf sich zum hundertsten Mal zu erklären. Ich find es trotzdem wichtig, dass man miteinander spricht. Deswegen hat der Podcast auch einen positiven Vibe. Wir wollen nicht meckern, sondern uns austauschen.

Mitsuo Martin Iwamoto ist Schüler der Deutschen Journalistenschule. Dieser Text ist entstanden im Rahmen des Zündfunk-Netzkongresses, dem Digital Kongress vom Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung.

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