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Illustration: Federico Delfrati

Als ich in Syrien in der Schule war, lernte ich „Integration“ als einen Begriff aus der Wirtschaft kennen. Bei einem Zusammenschluss zweier Unternehmen wird vertraglich festgelegt, wie sie zusammenwachsen.

Wenn ich „Integration“ im Wörterbuch der modernen arabischen Sprache nachschlage, erhalte ich verschiedene Umschreibungen. Zum Beispiel: „Dinge werden zusammengeführt.“

Das Wort hat eine völlig neue Bedeutung bekommen, seit in meiner Heimat Krieg ausgebrochen ist, ich Syrien verlassen musste und nach Deutschland gekommen bin. Ich bin jetzt eine Geflüchtete, die sich hier integrieren soll. Integration ist jetzt meine Aufgabe. Ich habe mir das nicht ausgesucht, es war nicht mein Traumjob. Aber ich denke, ich mache ihn ziemlich gut. Aber doch ist es nie gut genug.

Schon in den ersten Gesprächen, die ich hatte, als ich hier ankam, ging es um Integration. Sie scheint allen hier sehr wichtig zu sein: Wenn ich andere Menschen auf der Straße höre, geht es um Integration, in den Zeitungen, im Radio, im Fernsehen, in den sozialen Medien – Integration, Integration, Integration. Aber dafür, dass dieses Wort ständig fällt, wird es erstaunlich ungenau definiert. Meinen eigentlich alle das gleiche? Was genau ist Integration? Hat sie jemals ein Ende? Kann ich jemals sagen: Geschafft, ich bin integriert? Um was geht es bei Integration eigentlich?

Zuerst habe ich mich gefragt: Geht es um die Verständigung? Muss ich nur die Sprache beherrschen, damit ich hier zurechtkomme? Oder muss ich vielleicht arbeiten, um ein Teil der Gesellschaft zu werden? Muss ich die deutsche Geschichte kennen? Die Politik? Die Kultur? Etwas, dass manche Leitkultur nennen?  

Ich habe früh im Deutschkurs den Unterschied zwischen müssen und sollen gelernt, und das passt auch ganz gut auf meine Situation hier. Ich denke, wir Geflüchteten sollen uns integrieren, die Deutschen sagen, wir müssen. Was genau das heißt, sagen sie aber nicht. Nach sechs Monaten konnte ich mich schon gut auf Deutsch unterhalten. Es hat mir geholfen, dass ich gut Englisch spreche. Ich war stolz und fühlte mich wie eine Königin. Ich kam schnell im Alltag zurecht, lernte Freunde kennen und kenne viele Ecken Münchens. Aber das war nur der Anfang. Mit jedem Schritt, den ich geschafft habe, hatte ich das Gefühl, dass die Erwartungen an meine nächsten Schritte wachsen. 

Ich habe mich oft geärgert hat, wenn die Leute mich gefragt haben, ob ich irgendwas über Deutschland weiß. Sorry, aber ich bin ja nicht von einem anderen Planeten gekommen. Ich glaube, manchmal sollte ich die Frage auch umdrehen. Wissen die Deutschen genug über Syrien? Können sie beurteilen, wie integriert ich bin, ohne das Leben und die Kultur Syriens zu kennen?

Sie sagen, ich habe mich entfernt von ihnen

Wenn ich mit meinen Freunden rede, die noch in Aleppo leben, sagen die, ich hätte mich verändert. Zum Beispiel, wenn ich sage: „Ich habe keine Zeit.“ Wenn ich erzähle, dass ich alleine wohne, ohne meine Familie. Wenn es um das Trinken von Alkohol geht. Ich selber habe manche dieser Veränderungen nicht gemerkt – meine Freunde schon. Sie sagen, ich habe mich entfernt von ihnen. Ich sei schon so europäisch. Das freut mich, denn es heißt, dass ich hier etwas gelernt habe. Aber es tut mir auch leid.

In meinem letzten Artikel habe ich über Sex vor der Ehe geschrieben und darüber, wie man in Syrien darüber denkt und wie in Deutschland. Die Deutschen waren unzufrieden, weil ich in ihren Augen nicht emanzipiert genug bin. Die Syrer waren unzufrieden, da ich so offen über Sex geschrieben habe – wie ich überhaupt auf so ein Thema kommen kann! Wo stehe ich jetzt eigentlich? Bin ich jetzt integriert oder gehöre ich nirgends mehr dazu? Ist das Integration?

Wie viel muss ich von mir, von meinen inneren Werten abgeben, und was muss ich annehmen? Welche Teile meiner Kultur muss ich abgeben, um die Anerkennung hier zu gewinnen? Das ist ein ständiges Ringen. Ich will die deutsche Sprache sprechen, die Gesetze und Gepflogenheiten beachten. Ich will nicht stören. Und trotzdem will ich syrisch bleiben. Ich glaube, dass ich hier meinen privaten und persönlichen Traum verwirklichen kann, zum Beispiel einen Beruf in Deutschland auszuüben. Wahrscheinlich wird das Integrieren ein ständiger Prozess bleiben und nie zu Ende sein. Wahrscheinlich geht das auch gar nicht. Selbst wenn in meinem Pass vielleicht mal ‚Deutsch‘ stehen wird – meine Seele wird immer syrisch bleiben.