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Illustration: Julia Schubert

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Tag bei euch in Deutschland. Ich kam gegen 10.30 Uhr mit dem Zug aus Salzburg in München an und hatte keinen Plan, was ich jetzt tun soll. Am Bahnhof war es voll und laut, alle Menschen liefen schnell aneinander vorbei. Ich hatte große Angst vor der Polizei, weil ich vorher so viele schlimme Geschichten über sie gehört hatte. Dass sie einen einfach so mitnehmen könnten, zum Beispiel. Gleichzeitig war ich aber auch neugierig. In meiner Heimat Aleppo in Syrien glauben wir an „Liebe auf den ersten Blick“. Und wenn München meine neue, zweite Heimat werden sollte, musste ich diese Stadt angucken. Ich musste das Risiko eingehen.

Aber wie sollte ich überhaupt aus dem Bahnhof rausfinden?

Ich wollte jemanden fragen, aber alle Menschen sahen so ernst aus, niemand lächelte. Ihre Stimmen waren laut und die Sprache klang komisch. Ich dachte mir „Ich muss einfach jemandem folgen, dann komme ich schon zum Ausgang“, aber es klappte nicht richtig. Sie liefen alle in völlig verschiedene Richtungen. Das war das erste Mal, das ich merkte, dass hier vieles ziemlich anders läuft als in Syrien.

Der erste Eindruck

Irgendwann habe ich natürlich aus dem Bahnhof rausgefunden. Mittlerweile lebe ich seit drei Jahren und fünf Monaten in München und mag die Stadt sehr. Ich habe verstanden, dass es bei euch wichtig ist, mit dem Fahrrad auf der „richtigen Seite“ zu fahren, damit man nicht angeschrien wird. Dass ihr wütend werdet, wenn die Bahn nicht pünktlich kommt. Und dass ihr euren Müll sehr kompliziert trennt. Allein der Gedanke daran, am Container Restmüll, Plastik und Papier korrekt unterscheiden zu müssen, macht mich nervös.

Mir ist auch klar geworden, warum ihr immer so angestrengt ausseht: Ihr seid ständig unter Stress. Denkt an eure Arbeit, plant Termine und habt eure Routinen, auch im Privatleben. Das ist sehr anders als bei mir zuhause. In Deutschland denkt man: „Wenn du viel arbeitest, verdienst du dir bald einen schönen Urlaub.“ In Syrien habe ich gelernt: „Du lebst nur einmal, genieße jeden Tag.“ Denn während des Krieges haben wir verstanden: Niemand kann dir versprechen, dass es ein Morgen überhaupt geben wird.

„Nachreichen“ ist eines eurer Lieblingswörter

Als ich in Deutschland ankam, wurde somit für mich ein Traum wahr. Der Traum, in einer Demokratie zu leben. Doch dann lernte ich eure Bürokratie kennen. Ständig muss man hier etwas beantragen, für den Antrag bekommt man dann wiederum eine schriftliche Bestätigung. Dabei arbeitet ihr mit Briefen. Ich habe, seit ich hier bin, fast jeden Tag einen Brief bekommen. Es erscheint mir ziemlich altmodisch. In Syrien haben wir nie Briefe geschrieben, da steht nicht vor jeder Haustür ein Briefkasten. Brauchte man etwas beim Amt, machte man das mündlich. Aber zumindest verstehe ich jetzt, warum Briefe schreiben im Deutschkurs einen so großten Anteil eingenommen hat.

Wenn man hier etwas beantragt, egal ob bei der Ausländerbehörde, der Bundesagentur für Arbeit oder auch beim Arzt, muss man sehr lange warten. Hat man eine Unterschrift vergessen, dauert es noch einmal sehr viel länger. Wenn man nachfragt, warum es so lange dauert, kommt immer zurück: „Schön, dass du nachfragst.“ Die Angestellten schauen dann in ihre Unterlagen und sagen Dinge wie „Da fällt mir ein“ und dann sagen sie „Können Sie das bitte nachreichen?“. „Nachreichen“ ist eines eurer Lieblingswörter.

Am Anfang habe ich natürlich immer nachgereicht. Als ich mich zum Beispiel auf einen Job beworben habe, sollte ich zuerst nur meine Motivation aufschreiben, mehr nicht. Dann hieß es nach zwei Tagen, ich bräuchte noch eine Bestätigung von der Krankenkasse und etwas von der Rentenversicherung, das solle ich bitte nachreichen. Habe ich natürlich getan. Dann hieß es zwei Tage später, ich bräuchte noch einen anderen Bescheid. Irgendwann kam dann von dem Job die Rückmeldung, dass man nicht so viel Zeit habe, bis ich alles eingereicht hätte. Ich verstehe nicht, warum man mir dann nicht von Anfang an eine Liste mit allen Unterlagen gegeben hat, die ich gebraucht hätte. So hatte ich nur sehr viel Stress und gebracht hat es gar nichts.

Irgendwann habe ich aufgegeben. Hier ist alles komplex, nichts ist leicht. Wenn es leicht war, denke ich direkt, dass da irgendwo ein Haken sein muss und ich es falsch gemacht habe. Ihr vertraut dem Papier mehr als dem Menschen. In Syrien ist das andersrum.

„Sorry, das ist nicht mein Job“

Aber auch andere Dinge sind hier merkwürdig. In Syrien dachte ich immer, kein anderes Land sei so weit entwickelt wie Deutschland. „Made in Germany“ war bei uns sehr wichtig, wenn das auf einer Maschine oder einem Elektrogerät stand, konnte man es beruhigt kaufen. Dementsprechend wollen viele junge Syrer unbedingt in Deutschland studieren, um auch so gute Sachen herstellen zu können. Seit ich hier lebe, habe ich festgestellt, dass ihr allerdings selbst gar nicht in Deutschland studieren wollt. Viele von euch gehen nach London oder in die USA und ich verstehe bis heute nicht, warum? Warum studiert man lieber im Ausland als in der eigenen Heimat? Eure Heimat ist sicher, hier kann man ohne Angst leben. Aber trotzdem wollt ihr alle weg. 

Gleichzeitig habt ihr zur englischen Sprache ein sehr komisches Verhältnis. Als ich noch nicht gut Deutsch konnte, habe ich oft Menschen gefragt: „Do you speak English?“. Sie sagten „yes“. Als ich dann meine Frage gestellt habe, haben sie allerdings auf Deutsch geantwortet. Ich weiß bis heute nicht, ob das Rassismus ist oder ob es euch einfach schwerfällt, eine andere Sprache zu sprechen? Zum Glück kann ich mittlerweile auch alles auf Deutsch fragen, das macht es leichter.

Wenn ihr in Deutschland einen Job habt, macht ihr wirklich nur den und seid für nichts anderes mehr zuständig. Wie häufig habe ich hier schon den Satz „Sorry, das ist nicht mein Job“ gehört, wenn ich Hilfe brauchte? Zum Beispiel habe ich eine Zeit lang in einem Modeladen gearbeitet. Ich dachte, am ersten Tag würde man mir dort sicher erklären, was ich tun soll. Aber dann kam nur der Chef vorbei, hat ganz schnell ein paar Begriffe fallen lassen, die ich nicht verstanden habe und war wieder weg. Wenn ich Kollegen danach gefragt habe, sagten sie nur „Sorry, nicht mein Job“. Ich habe im Lauf der Zeit dann selber verstanden, wie alles funktioniert. Aber dass sich hier niemand die Zeit nimmt, es mir als Neue zu erklären, finde ich immer noch seltsam.  

Alles sehr pragmatisch

Auch euer Verhältnis zu euren Eltern und Freunden ist ganz anders als bei uns in Syrien. Wenn ihr zu eurem Geburtstag einladet, schreibt ihr den Leuten, was sie mitbringen sollen. Ich fand das anfangs richtig unverschämt – sie sind doch eure Gäste! Dann habe ich gelernt, dass ihr den Leuten sogar sagt, was sie euch schenken sollen. In meiner Heimat Aleppo würde man sich sehr schämen, das zu tun. Da fragt man auch nicht, was ein Kind sich zum Geburtstag wünscht, sondern macht sich eigene Gedanken. Generell sprecht ihr sehr viele Sachen aus, die wir in Syrien für uns behalten hätten. Wenn ihr 18 werdet und noch zuhause wohnt – so hab ich das bei einigen mitbekommen – wird zum Beispiel auf einmal viel über Geld geredet. Ihr beteiligt euch dann finanziell an der Miete oder an den Einkäufen. Das wäre in Syrien undenkbar. Dort wird alles einfach geteilt. Manchmal habe ich den Eindruck, eure Familie steht für euch auf einer ähnlichen Stufe wie eure Bekannten. Die meisten  Senioren leben irgendwann in einem Altenheim. Davon gibt es bei euch auch ziemlich viele. In Aleppo sind es ingesamt nur drei. Und wenn jemand stirbt, dann muss man für den Friedhof Miete zahlen. Auch wenn ich zwischen euch schon eine gewisse Nähe spüre, kommt es mir im manchmal sehr pragmatisch und wenig herzlich vor.

Natürlich habe ich mich an viele eurer Eigenarten schon gewöhnt – einige davon mag ich mittlerweile sogar sehr. In manchen Situationen ärgere ich mich aber immer noch, vielleicht auch, weil ich einfach doch noch nicht verstanden habe, was dahintersteckt. Aber gerade das macht das Leben in München, meiner zweiten Heimat nach Aleppo, auch so wahnsinnig interessant: Jeden Tag erlebt man etwas Komisches und Neues. Und keine Sorge, ich weiß schon, dass es euch mit mir sicher genauso geht. Ich bin auch manchmal komisch.