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Polnische Regierung schaltet Werbung für Holocaust-Gesetz auf Youtube

Sie sieht aus wie ein Trailer zu einem Videospiel.

So richtige Renner sind die Videos nicht, die der polnische Ministerpräsident über seinen offiziellen Youtube-Kanal in die Welt schickt. 266 Aufrufe hier, 800 Aufrufe dort, das ist so der Standard, unterbrochen von ein paar Videos mit fünfstelliger Reichweite. Und dann, plötzlich, ein Clip mit dem Titel „Today, we are still on the side of truth“, hochgeladen am 8. Februar. 12,7 Millionen Views (Stand Sonntagmittag). Hoppla. Was ist da denn los?

Das Video hat im Netz schon einige Menschen verwundert bis verärgert. Es wurde ihnen auf Youtube als Werbung ausgespielt, vorgeschaltet vor das Video, das sie eigentlich sehen wollten. Kennt man ja, ist normalerweise nicht weiter schlimm, kann man oft wegklicken oder man muss halt 30 Sekunden Joghurt-Reklame überstehen.

Hier aber waren einige Nutzer etwas verstört. Der Clip kommt daher wie ein Trailer für ein Computerspiel oder ein Geschichtsepos aus Hollywood: bedeutungsschwangere Musik; dunkle Bilder von Flammenwerfern, einer Erschießung, dem Tor eines Konzentrationslagers; graue Schrift vor schwarzem Hintergrund, die erzählt, dass Polen unter dem Nationalsozialismus gelitten und gegen ihn gekämpft habe. Und dann, zum Schluss: „Today we are still on the side of the truth“. Schnitt. #Germandeathcamps.

Verstörend findet das manch einer in einer Diskussion, die auf Reddit über das Video entbrannt ist, von „Propaganda“ spricht ein anderer, in einem Forum schreibt jemand, die Werbung mache ihn wütend.

Denn der Film ist Teil einer großen Kampagne für ein umstrittenes Gesetz der rechtskonservativen polnischen Regierung. Das Gesetz verbietet es, das polnische Volk oder den polnischen Staat für Nazi-Verbrechen während des Dritten Reichs mitverantwortlich zu machen (und zum Beispiel fälschlicherweise von „polnischen Konzentrationslagern“ zu sprechen). Wer sich daran nicht hält, muss mit einer Geldstrafe oder einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren rechnen.

Das Gesetz sorgte für Diskussionen: Gegner bemängeln, es sei unpräzise formuliert. Dies könnte die polnische Regierung nutzen, um Fälle zu leugnen, bei denen die Verantwortung von Polen bei Verbrechen an Juden nachgewiesen wurde. Ihrer Einschätzung nach gerät auch die freie Meinungsäußerung in Gefahr.

Außerdem löste das Gesetz eine diplomatische Krise zwischen Polen und Israel aus, die erst am Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz wieder zu erleben war. 

Und nun also die Social-Media- und Internet-Kampagne unter dem Hashtag #Germandeathcamps. Der offizielle Twitterkanal des Büros des Ministerpräsidenten twitterte den Film, und offenbar hat die polnische Regierung ordentlich Geld in die Hand genommen, um den Spot über die sozialen Netzwerke als gesponserten Content auf Google, Facebook und Twitter zu streuen. Das berichtet die israelische Zeitung Haaretz. Ein – nicht näher benannter – Youtube-Experte sagte zu Motherboard, dass so viele Klicks auf das Youtube-Video bei einem Kanal dieser Größe sehr ungewöhnlich seien und ziemlich wahrscheinlich nur durch massives Sponsoring erreicht worden seien.

   

che

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