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Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck will uns das Plastik abgewöhnen – mit einer neuen Steuer auf Wegwerfartikel aus Kunststoff. Seit den frühen Fünfzigerjahren haben wir laut US-amerikanischen Forschern unfassbare 8,3 Milliarden Tonnen Plastik hergestellt, das allerwenigste davon recyclebar. Besonders die Weltmeere leiden unter dem extrem lange haltbarem Müll. „Wir brauchen eine EU-weite Plastiksteuer“, sagt Habeck, der auch Kieler Umweltminister ist. Gleichzeitig will er die „Plastiksubvention“ abschaffen, mit der laut einer Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) Plastik sogar mit 780 Millionen Euro jährlich gefördert wird. 

Plastik ist auch sozial ungerecht

Nun findet man im Jahr 2018 Wegwerfplastik als Verpackung um Käse, Kosmetik, Kleidung und alles andere auch. Als Konsumgut wiederum in fast allem. Einfacher wäre die Auflistung, was in unserem Alltag nicht aus Plastik ist. Kunststoff hat unsere Welt geformt wie vermutlich sonst nur das Auto oder der Beton, man kann es als eine der großen Erfindungen der Menschheit ansehen. Leider sind viele unserer Erfindungen wie (in Plastik eingepackte) süße Kaugummis: erst sehr lecker, dann fad, auf Dauer und in Massen sehr schädlich. Ressourcenintensive Produktion eines schädlichen Stoffes, von dem man weiß, dass er umgehend zu Müll wird? Genau. Niemand außer der mächtigen Plastikindustrie würde sagen: doch, Plastik, super Sache! Kaufe ich leidenschaftlich gerne und schmeiße es dann voller Freude über das Konsumerlebnis weg! Im Gegenteil wissen inzwischen fast alle, die es kaufen, dass es die Umwelt kaputt macht. Aber freiwillig darauf verzichten? 

Habecks Vorstoß klingt so gut, dass man sich sehr bemühen muss, um einmal auch die Gegenargumente durchzuspielen. Die Unternehmen werden die Kosten vermutlich an die Verbraucher weitergeben. Aber ist das nicht passabel? Dass wir alle am berühmten Geldbeutel spüren, ob Konsum okay ist oder destruktiv? Wo denn sonst? Und klar, diese Preissteigerung merken die Einkommensschwachen am stärksten. Die kaufen am meisten Plastik, einfach weil es um billige Produkte drumherum ist, und sie spüren die 15 Cent mehr für eine Plastiktüte. Es gehört zur Wahrheit, dass Plastik – wie viele sinnlose Zivilisationsprodukte – deshalb so erfolgreich ist, weil es Dinge billiger und besser verfügbar macht. Das bedeutet, dass mehr Menschen, vor allem am unteren Ende der Einkommensskala, überall auf der Welt in den „Genuss“ billiger Fertiggerichte, Shampoos oder Fußbälle kommen. Dass nicht nur wir Reichen Hunderte, Tausende Gegenstände besitzen können. 

Insofern ist eine Plastiksteuer natürlich ein elitäres Projekt. Mich trifft weder der höhere Preis auf die Produkte, die ich aus Plastik kaufe, noch das Verschwinden mancher Produkte, die ich dann eben wieder aus Glas oder Holz kaufe. Ich habe Glück, ich kann es mir leisten. Darüber ab und zu nachzudenken, schadet nicht. Und ändert nichts an der Tatsache, dass wir diesen Planeten zerstören. Und von dieser Zerstörung sind wer am meisten betroffen? Genau, die Armen. Plastik ist, wenn man so will, auch sozial ungerecht. Man bräuchte es nicht für lebenswichtigen Konsum, Grundsicherung oder wenigstens Mobilität. Sondern nur für die Überschwemmung unseres Alltages mit Dingen, die uns – egal ob arm oder reich – langfristig nicht glücklicher machen.

Der Mensch scheut Veränderung, vor allem, wenn sie etwas kostet

Die Plastiksteuer ist also ein fast schmerzhaft simpler Vorstoß in einer oft schmerzhaft komplizierten Welt. Und leider genau deshalb einer dieser Vorschläge, die den Grünen den Vorwurf des „Tugendterrors“ einbringen, der „Bevormundung“ und des „grünen Spießertums“. Auch von Menschen, die nicht die AfD wählen. Die aber einfach so leben wollen, wie sie es gewöhnt sind. Sie nennen das gerne „Freiheit“. Und vergessen, dass diese vermeintliche Freiheit nicht ein vom Himmel gefallener Urzustand ist, den sie per Naturrecht für immer weiterführen dürfen. Sondern sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat oder besser: entwickelt wurde, nicht zuletzt von einer Industrie, die immer mehr Zeug an immer mehr Leute verkaufen will. Wie fast alles auf dieser Welt ist dieser Überfluss diskutabel und veränderbar. Doch der Mensch scheut Veränderung, vor allem, wenn sie etwas kostet. Und noch mehr, wenn sie ihm den Spiegel vorhält, wie irre er sich verhält.

Niemand ist perfekt, ich sowieso nicht. Nach Kant dient meine Lebensweise nur sehr bedingt als Vorbild für alle anderen. In manchen Bereichen bin ich okay (viele Bio-Produkte, kein Auto, fast kein Zeug, das 10.000 Kilometer für mich hierhergefahren wird), in anderen nicht (Avocados, Zigaretten, Langstreckenflüge). Und weil ich jeden Tag an mir selber sehe, wie mangelhaft ich mich verhalte wider besseren Wissens, weiß ich: Veränderung geht nur über Steuerung. Und deshalb löst der Vorstoß von Habeck und die erwartbaren Reaktionen (Wirtschaftsstandort geht kaputt, grüne Ökodiktatur, Untergang des Abendlandes) in mir eine wohlwollende Müdigkeit aus.

Von mir aus könnte diese Steuer auf Wegwerfplastik sofort kommen. Aber ich weiß auch, dass diese Steuer nur gegen ganz viel trotziges Geschrei durchgesetzt werden kann, wenn überhaupt. Und dass sie, wenn es wirklich perfekt läuft, in zehn oder 20 Jahren den Schreihälsen so weh tut wie heute der Dosenpfand, die Ökosteuer auf Benzin oder die Zigarettensteuern: eher gar nicht. Sie alle sind in den vergangenen 20 Jahren eingeführt oder drastisch gesteigert worden. Weil selbst wir doofe Menschen irgendwann gemerkt haben, dass diese Güter massenhaft zu konsumieren nichts Gutes bedeutet. Die Frage ist dann eher: Wie genau sieht so eine Steuer aus? Steht auf den Verpackungen ein Hinweis, damit die Menschen auch wissen, warum sie mehr bezahlen? Hilft das was? 

Wir brauchen keine hohe Manufaktum-Dichte in den Vorstädten, keine Quote für Holzspielzeug, keine „No-Plastik“-Lichterketten. Wir brauchen gute Politik. Gute Politik wirkt nicht schmerzfrei. Aber sie kommt langfristig allen zugute. Eine Plastik-Steuer wäre exakt die Definition davon. Es ist angesichts der riesigen Umweltprobleme totaler Wahnsinn, wie wir heute leben. Unserem autoaggressiven Lebensstil wenigstens kleine Dosen Vernunft zu injizieren, ist der einzige Ausweg. Der pazifische Müllstrudel zwischen Hawaii und Kalifornien ist fünfmal so groß wie Deutschland, etwa eine Billion Plastikteile schwimmen dort herum. Zusammen wiegen sie 80.000 Tonnen, so viel wie 500 Jumbo Jets. Und damit endet dieser Kommentar.

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