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Wie vermeide ich Mikroplastik?

Das Zeug ist in deiner Kosmetik – und landet nahezu ungefiltert im Meer.
Von Christina Waechter
mikroplastik cover
Illustration: Daniela Rudolf

Warum ist Mikroplastik so schlimm?

Mikroplastik stellt ein immer größeres Problem für das Ökosystem dar. Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass jährlich etwa vier Millionen Tonnen Plastikteilchen über Flüsse ins Meer geleitet werden, und das ist nur die Hälfte der Gesamtmenge. Sandra Schöttner ist Meeresbiologin bei Greenpeace und beschäftigt sich schon seit langem mit dem Thema. Sie hat eine ganz einfache Erklärung dafür, warum Mikroplastik so schädlich ist: „Plastik ist ein Fremdkörper in jedem natürlichen Organismus und wird für den Menschen und das Ökosystem umso gefährlicher, je kleiner es ist. Wenn so ein Partikel im Magen angelangt ist, dann besteht bei sehr kleinen Partikeln nämlich das Risiko, dass sie im Körper bleiben und sich auch in das Gewebe der Lebewesen fortbewegen.“ 

Wenn Zell- oder Gewebebarrieren durchbrochen werden, können sich diese kleinen Kügelchen dann im Gewebe einlagern. Das kann zu Entzündungsreaktionen, Geschwüren oder Störungen in der Verdauung und der Fortpflanzung führen. Das lässt sich zum Beispiel bei Seevögeln beobachten, die verhungern, weil ihr Magen voll mit Plastik ist und die dadurch keine Nahrung mehr aufnehmen können. Aber schon einfache Entzündungen führen dazu, dass Tiere nicht mehr ganz gesund sind und sich nicht naturgemäß verhalten können – in ihrem Bewegungsradius, Jagdverhalten oder in der Fortpflanzung.

Der zweite Teil des Problems ist chemischer Natur: Plastik hat Zusatzstoffe, die bei der Produktion zugemischt wurden, wie zum Beispiel Flammschutzmittel, Weichmacher oder Farbstoffe. Diese Zusatzstoffe sind oft organische Schadstoffe, die weder in der Natur, noch in Mensch oder Tier etwas zu suchen haben. Viele sind organschädigend, andere sind hormonell wirksam, können die Fortpflanzungsfähigkeit oder das Wachstum stören.

Dazu kommt noch ein dritter Aspekt: Wenn Plastikpartikel im Meerwasser unterwegs sind, binden sie auch oft Schadstoffe an sich, die schon im Wasser sind, fast wie Magneten. Das bedeutet dann, dass solche Mikropartikel nicht nur die ihnen immanenten Schadstoffe transportieren, sondern auch wie Schwämme die Schadstoffe aus der Umwelt anziehen und diese dann im Körper von Tieren landen.

Auch der Mensch ist inzwischen mit dem Thema sehr direkt konfrontiert, weil das Mikroplastik in der Nahrungskette angekommen ist. Man hat die Partikel in so gut wie allen  Stufen der Nahrungskette gefunden – vom Wal bis zum winzigen Plankton. Und natürlich auch in vielen Speisefischen, die bei uns auf dem Tisch landen, wie Kabeljau, Garnelen, Thunfisch oder Muscheln. Noch weiß man nicht genau, welche gesundheitlichen Auswirkungen das Mikroplastik für den Menschen hat. Ehe die Forschung zu klaren Ergebnissen gekommen ist, kann man nur von einer potenziellen Gefahr sprechen.

Was ist Mikroplastik eigentlich genau?

Wissenschaftler unterscheiden zwei Arten von Mikroplastik: primäres Mikroplastik und sekundäres Mikroplastik. Das sekundäre Mikroplastik entsteht durch die Verwitterung größerer Plastikgegenstände. Plastik ist nicht biologisch abbaubar. Wenn eine Tüte jahrelang im Meer schwimmt, wird sie irgendwann spröde und zerfällt durch physikalische, mechanische und chemische Einflüsse in immer kleinere Stücke. Auch Reifenabrieb oder kleine Fasern von synthetischen Kleidungsstücken, die aus der Waschmaschine im Abwassersystem landen, fallen unter den Begriff sekundäres Mikroplastik.

Das primäre Mikropastik wird dagegen von der kunststoffherstellenden Industrie absichtlich so klein produziert. Plastik wird in kleinen Pellets von zwei bis drei Millimetern Durchmesser hergestellt, daraus werden dann Verpackungen produziert. Diese winzigen Pellets gehen immer wieder „verloren“, sei es, weil ein ganzer Container davon über Bord geht oder weil ein Sack beim Transport reißt. Primäres Mikroplastik wird aber auch sehr häufig gezielt verwendet, besonders in der Kosmetikindustrie – und zwar in fester Form (zum Beispiel in Peelings oder Zahncremes), aber auch in wachsförmiger oder flüssiger Form (zum Beispiel als Füll- oder Trübungsmittel).

Ein Duschgel wird beispielsweise durch flüssiges Mikroplastik cremig und weiß gemacht, in Cremes oder Haarspülungen werden Silikone verwendet, um dem Verbraucher ein glattes Haar- oder Hautgefühl zu geben. Interessant für den Verbraucher ist dabei, dass Mikroplastik nicht als Wirkstoff in Kosmetika verwendet wird. Es wird also nicht eingesetzt, um beispielsweise Falten zu mindern oder Haare tatsächlich gesünder zu machen, sondern fast ausschließlich aus ästhetischen oder haptischen Gründen. Um beispielsweise die immergleiche Konsistenz einer Creme zu gewährleisten oder sie cremiger zu machen. 

Gibt es Lösungsansätze für das Problem?

Es gibt eine Selbstverpflichtung der Kosmetikindustrie, bis 2020 ganz auf Mikroplastik in Kosmetikprodukten zu verzichten – das wurde im sogenannten Kosmetikdialog  zwischen Umweltministerium und der Kosmetikindustrie festgelegt. Doch diese Selbstverpflichtung ist laut Sandra Schöttner nicht viel wert: Das bezieht sich lediglich auf festes Mikroplastik und auch da zumindest im ersten Schritt nur auf sogenannte „Rinse-off-Produkte“. Das sind Duschgels oder Shampoos, die gleich wieder abgewaschen werden.

Die Hersteller definieren zudem meist selbst, was für sie Mikroplastik ist, da es keine offizielle Definition für den Begriff gibt. Das bedeutet: Flüssiges, gel- oder wachsartiges Mikroplastik fällt nicht unter diese Definition. Genausowenig wie Mikroplastik, das in „Leave-on Produkten“ eingesetzt wird, wie bei Make-Up, Cremes oder Haarspray.

Von der Politik ist momentan wenig zu erhoffen, so Schöttner. Dafür verhält sich die deutsche Umweltpolitik viel zu wirtschaftsfreundlich: „Die Politik will der Industrie keine Vorgaben machen, weil sie glauben, das sei geschäftsschädigend. Erst wenn die sich umgestellt haben, will die deutsche Politik Verbote einleiten.“ Immerhin, so Schöttner, ist das Problem inzwischen in der Gesellschaft angekommen und die Diskussion hat sich verschärft. Und vor allem die Verbraucher sind sich des Problems zusehends bewusst.

Was kann ich tun, um Mikroplastik zu vermeiden?

Solange von Politik und Herstellern wenig zu erwarten ist, sind wir Verbraucher gefragt, selbst auf Mikroplastik zu verzichten, wo uns das möglich ist. Und weil es bei Kosmetika die Verpflichtung gibt, sämtliche Inhaltsstoffe schriftlich auf der Verpackung aufzulisten, ist es für uns recht einfach, herauszufinden, ob ein Produkt Mikroplastik enthält. Im Gegensatz beispielsweise zu Reinigungsmitteln, in denen auch öfter Mikroplastik verwendet wird, wo es aber keine Kennzeichnungspflicht gibt.

Wobei der Begriff „einfach“ hier in ganz großen Anführungsstrichen stehen muss. Denn es gibt gefühlt mehrere Dutzend Bezeichnungen, hinter denen sich Mikroplastik versteckt. Wenn auf der Zutatenliste die Begriffe „Polyethylen“ (PE), „Polypropylen“ (PP), „Polyamid“ (PA) oder  „Polyethylenterephtalat“ (PET) stehen, kannst du sicher sein, dass Mikroplastik enthalten ist. Doch es gibt noch viele andere Begriffe, hinter denen sich Mikroplastik verstecken kann. Von Greenpeace und dem BUND gibt es Checklisten, die du dir für den Einkauf ausdrucken kannst. Es gibt auch Apps, mit deren Hilfe man die Zutatenliste von Kosmetika auf versteckte Mikroplastik-Inhalte checken kann.

Puh!

Wem diese Detektivarbeit zu aufwändig ist, der geht mit dem Kauf von Naturkosmetik auf Nummer sicher: Wenn ein Produkt mit dem „Nature“-Siegel oder dem BDIH-Siegel zertifiziert ist, kann man davon ausgehen, dass das Produkt kein Mikroplastik enthält. Und zwar weder in fester, noch in flüssiger oder wachsartiger Form.

Naturkosmetik ist teurer als herkömmliche Kosmetik. Doch das hat einen ganz simplen Grund: Das Mikroplastik wird vor allem deshalb in Kosmetikprodukten eingesetzt, weil es so schön billig und zuverlässig ist. Bei Naturkosmetik ist die Herstellung teurer, was sich auf den Preis auswirkt. Allerdings gibt es mittlerweile von den allermeisten Drogeriemärkten eigene, zertifizierte Bio-Marken, die absolut erschwinglich sind.

Sandra Schöttner hofft, dass unter dem Druck der Verbraucher die Hersteller bald auf Mikroplastik verzichten werden: „Es gibt noch viel zu tun, aber man sieht schon, dass der Markt sich umstellt, zumindest bei den Peelingkügelchen. Es ist ein schwieriger Prozess, aber es ist machbar und möglich, daran glauben wir ganz fest.“ Denn dass Kosmetikprodukte auch ohne Mikroplastik sehr gut auskommen, beweist die Naturkosmetik hervorragend.  

Und die Verpackung?

Bleibt nur noch das Problem mit der Verpackung: Denn selbst Bioduschgels oder Make-Up von Naturkosmetikmarken werden fast immer in Plastikbehältern verkauft. Schöttner sieht da die „Zero Waste“-Bewegung als großes Vorbild: „Die Community hat ganz klar gezeigt, dass es auch ohne Verpackung geht. Shampoo oder Duschgels müssen nicht immer in flüssiger Form daher kommen, das geht auch in fester Form, was eine Verpackung überflüssig macht.“ Sie sieht da in erster Linie die Hersteller in der Pflicht, die sich um alternative Verpackungskonzepte bemühen müssten. Bis dahin kann man sich bei der Zero Waste-Community Anregungen holen, in verpackungsfreien Supermärkten einkaufen oder lernen, wie man Kosmetik selbst herstellt.

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