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„Von der EU können wir Offenheit lernen“

Martin (vorne links) und Vincent-Immanuel (rechts) in einem Gymnasium in Riga.
Foto: Herr und Speer

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Welche Orte wir besucht haben: Vilnius, Riga, Tallin

Was wir erlebt haben: Eine achtstündige Nachtbusfahrt, zwei Diskussionsveranstaltungen mit jungen Menschen, Gesprächstermine mit NGOs und EU-Parlamentsvertretungen, Gespräche in Cafés, Verkehrsmitteln und der #FridaysForFuture-Demo in Riga.

Was wir gelernt haben: Die baltischen Staaten sehen in der EU einen Garanten für Sicherheit und Wohlstand. Um Geschlechtergerechtigkeit steht es auf dem Papier gut, im Alltag zeigen sich aber noch immer starke Ungerechtigkeiten. Um die Rechte der LGBT-Community ist es allerdings erschreckend schlecht bestellt.

Der Satz, den wir nicht mehr vergessen werden: „We feel lucky to be part oft the EU.“ (Aussage einer jungen Frau in Riga über die EU Mitgliedschaft ihres Landes)

Nach zwei Tagen in Polen ging es für uns weiter in die baltischen Staaten – der südlichste davon ist Litauen. Polen und Litauen sind historisch und kulturell eng miteinander verknüpft und waren zeitweise sogar ein Herrschaftsgebiet. Beide Ländern teilen sich außerdem ihren berühmtesten Dichter, Adam Mickiewicz. Überraschend war es daher für uns, wie schlecht beide Länder verkehrstechnisch miteinander angebunden sind. Tatsächlich gibt es keine direkte Zugverbindung zwischen den Hauptstädten Warschau und Vilnius (Entfernung rund 500 Kilometer). Per Zug müsste man mit Umstieg über Weißrussland fahren, bräuchte dann ein Transitvisum (60 Euro zusätzlich) und im schnellsten Fall 16 Stunden. Wir entschieden uns also für die wohl ungemütlichste aller Transportformen: den Nachtbus. Um 23 Uhr 58  ging es los in Warschau – acht Stunden und mehrere Male aufwachen später kamen wir in der litauischen Hauptstadt an. Immerhin: Der Grenzübergang war wiederum kaum spürbar. Danke, Europäische Union!

Mit der Ankunft in Litauen begann für uns ein Einblick in eine Region Europas, die uns wiederum völlig neu war. Insgesamt fünf Tage verbrachten wir in Litauen, Lettland und Estland und lernten hier mehr über die baltischen Staaten als in unseren 30 beziehungsweise 32 Jahren davor. Uns zeigte sich hier ein kulturell erstaunlich eigenständiger Raum, geprägt von sprachlicher und historischer Prägnanz und Individualität. Nun wissen wir zum Beispiel, dass die litauische kulinarische Spezialität, der Šakotis, eine Art riesiger Baumkuchen ist. Alle drei baltischen Länder waren bis 1991 Teil der Sowjetunion und sind aktuell die einzigen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, die einmal zur UdSSR gehört haben. Tatsächlich spielt die Westorientierung – alle drei Länder sind nicht nur EU-Mitglieder seit 2004, sondern auch Teil der NATO  – eine große Rolle. Nach Jahrhunderten russischer Dominanz, werden die beiden westlichen Bündnisse in erster Linie als Mittel zur Unabhängigkeitssicherung gesehen.

Entsprechend hoch sind die Zustimmungswerte hier zur EU – einen Litexit, Letxit oder Estxit wird es also auf geraume Zeit eher nicht geben. Tatsächlich stehen die baltischen Länder für etwas Ur-Europäisches. Wir waren beeindruckt von den Sprachkenntnissen und der Neugier vieler Menschen in allen drei Ländern. Gerade in der jungen Generation gibt es ein großes Interesse an internationalen Fragen und erstaunlich viel Wissen über Verhältnisse in anderen Ländern.

„Das rührt noch aus sowjetischen Zeiten, da war es ganz normal, dass auch Frauen in Vollzeit arbeiten und Verantwortung übernehmen“

Eine Frage hat uns in den letzten Tagen aber besonders begleitet. Auf dem Papier sind die baltischen Staaten Musterbeispiele in puncto Geschlechtergerechtigkeit und Parität. Regelmäßig finden sich die baltischen Staaten auf den vorderen Plätzen von Gleichstellungsstatistiken im Bereich Wirtschaft und Lohngerechtigkeit. Laut Weltbank ist Lettland beispielsweise eines von nur sechs Ländern weltweit, welches volle rechtliche Gleichstellung zwischen Frauen und Männern im Bereich Arbeit und Wirtschaft garantiert. Es ist sogar das einzige Land in der EU, in dem Frauen eine Mehrheit der Managementpositionen (53 Prozent) inne haben. „Das rührt noch aus sowjetischen Zeiten, da war es ganz normal, dass auch Frauen in Vollzeit arbeiten und Verantwortung übernehmen“, erklärt uns Elina, Leiterin einer NGO, die sich für Gleichstellungsfragen einsetzt. Der europäische Schnitt liegt übrigens bei 35 Prozent. Staaten wie Deutschland, Italien und Zypern bilden mit rund 22 Prozent das traurige Schlusslicht.

Vilnius ist darüber hinaus auch Standort des European Institute for Gender Equality, einer Agentur der Europäischen Kommission, die, wie der Name schon sagt, Geschlechtergerechtigkeit in der EU untersucht und darüber informiert. Rein formell scheinen die Sachen hier also gar nicht so schlecht zu laufen. Tatsächlich zeigt sich uns aber sehr schnell auch ein anderes Bild. Im Soziologie-Grundkurs lernt man über den Unterschied von de jure (vor dem Gesetz) und de facto (im echten Leben). In den baltischen Ländern scheinen dazwischen Welten zu liegen. Bei einer Veranstaltung mit 45 Schülerinnen und Schülern in Riga fragen wir die ganze Gruppe: „Wer von Euch würde sich als Feminist*in bezeichnen?“ Drei oder vier junge Frauen heben ganz zögerlich die Hand. Bei den Jungs tut sich wenig. Nach der Veranstaltung kommen ein paar der Frauen zu uns und erzählen, es gäbe schon mehr Feministinnen, aber das öffentlich zuzugeben trauen sich nur sehr wenige. Das Wort sei unglaublich negativ belegt.

Unabhängig voneinander bringen es zwei Feministinnen, mit denen wir in diesen Tagen gesprochen haben, so auf den Punkt: „Bei Feministinnen denken die meisten an dicke, hässliche Lesben.“ Das hören wir gleich mehrfach. Eine vor kurzem nach Vilnius gezogene Deutsche beschreibt ihren Eindruck: „Zu allererst wirkt die Gesellschaft unglaublich offen und modern. Hier sind starke, selbstbewusste Frauen. Sobald man aber etwas tiefer schaut, zeigt sich ein sehr konservatives Familienbild. Und sobald die Kinder kommen, ist das alleine der Job der Frau.“ In Riga bestätigt das Elena: „Wenn überhaupt, dann hilft der Mann nur in der Kindererziehung – wenn er zum Beispiel hin und wieder den Sohn oder die Tochter in die Kita fährt. Er ist aber nie wirklich dafür verantwortlich.“

Auch 2019 ist die EU kein Ort, der allen gleiche Rechte und Möglichkeiten einräumt

Uns fällt auf, dass die Themen Feminismus und LGBT-Rechte oft vermischt werden. Einer der wenigen Männer, die viel zu dem Thema diskutieren, sagt uns dazu in Riga: „Die meisten Männer sehen im Feminismus und der LGBT-Bewegung einen mehrstufigen, aufeinanderfolgenden Prozess der Zersetzung des traditionellen Gesellschaftsbildes.“ Als wir erfahren, dass es in allen drei Ländern weder die eingetragene Lebenspartnerschaft, geschweige denn gleichgeschlechtliche Ehe gibt und Homophobie und Diskriminierung immer noch trauriger Alltag sind, macht es uns beide wütend und bedrückt – Martin lebt in Deutschland mit einem Mann zusammen. Auch 2019 ist die EU kein Ort, der allen gleiche Rechte und Möglichkeiten einräumt. Fortschritt ist manchmal eine zähe Angelegenheit.

Es gibt aber auch positive Entwicklungen. Trotz der immer noch vorherrschenden starren Rollenbilder und damit verbundenen Erwartungen, sind uns immer wieder auch  viel Offenheit und Reflexion begegnet. Zum Beispiel ein junger Mann, der sagt, dass Problem sei doch eine veraltete Definition vom Feminismus – wenn die Leute nur wüssten, warum es wirklich geht – nämlich Gleichberechtigung der Geschlechter, nicht mehr, nicht weniger – dann würde es bestimmt schneller vorangehen. Und eine Schülerin sagte uns: „Von der EU können wir Offenheit lernen, die es so bei uns noch nicht immer gibt.“

Unser Fazit: Das Baltikum ist eine besondere Region, gerade weil diese Länder es immer wieder schaffen, ihre eigene Identität zu bewahren  – trotz großer Nachbarn. Gleichzeitig sind diese Länder mit viel Enthusiasmus Teil einer größeren europäischen Familie und zeigen auch eine Bereitschaft, besonders in der jungen Generation, von Europa zu lernen. Damit ist das Baltikum im ursprünglichsten Sinne europäisch: Von Vielfalt und auch kulturellen Eigenheiten geprägt, gleichzeitig international orientiert und bereit für Fortschritt.

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