Die „Iuventa“ auf einer ihrer Missionen.

Die „Iuventa“ auf einer ihrer Missionen.

Foto: Cesar Dezfuli

2016 machten junge Deutsche international Schlagzeilen. Tausende Flüchtende ertranken zu diesem Zeitpunkt jährlich im Mittelmeer.  Männer, Frauen und Kinder. Jakob Schoen und Lena Waldhoff wollten dieses Sterben nicht länger ignorieren. Der Abiturient und die Studentin gründeten „Jugend rettet”, sammelten Spenden, kauften ein Schiff, trommelten eine Besatzung zusammen und fuhren los Richtung Mittelmeer. 14.000 Menschenleben retteten sie, bis ihr Schiff, die „Iuventa“, von italienischen Behörden 2017 beschlagnahmt wurde. Der Vorwurf: Beihilfe zur illegalen Migration.

Aus der Geschichte der „Iuventa“ ist nun ein Film geworden, der unter anderem am 1. Juli beim Fusion Festival in Berlin gezeigt wird. Gedreht hat ihn der 34-jährige italienische Regisseur Michele Cinque. Er durfte bei der ersten Mission der des Schiffs dabei sein und hat mit uns über seine Erlebnisse auf See und den bewundernswerten Mut der jungen Leute gesprochen.

Michele, wie bist du auf „Jugend rettet“ und die „Iuventa“ aufmerksam geworden?

Michele Cinque: Im Frühjahr 2016 habe ich einen Online-Artikel über die Iuventa in den italienischen Medien gelesen. Sie war kurz davor, von Malta aus zu ihrer ersten Mission aufzubrechen. Ich war zu dem Zeitpunkt gerade auf der Suche nach einer neuen Geschichte für einen längeren Dokumentarfilm und als ich dann von der Iuventa erfahren habe, hatte ich direkt so einen Eureka-Moment. Mir war klar: Diese Geschichte muss ich erzählen.  Dass es da eine Gruppe junger Menschen gibt, gerade mal um die 20 Jahre alt, die nicht aufgibt und für etwas kämpft, an das sie glaubt – das war so berührend. Für mich war das quasi symbolisch, denn wir leben in einer Welt, in der niemand mehr denkt, dass er ernsthaft etwas bewirken kann. Ich bin nach Malta geflogen und habe drei Tage an Land mit der Crew verbracht. 15 Minuten bevor sie zu ihrer ersten Mission aufbrachen, haben sie mich dann tatsächlich gefragt, ob ich mitkommen möchte.

Welche Botschaft soll dein Film dem Publikum vermitteln?

Ich möchte dem Publikum klarmachen, dass wir wieder mehr träumen und für eine bessere Welt kämpfen sollten. Es ist möglich, etwas zu verändern. So eine symbolische Geschichte, wie die der Iuventa, kann viele Leute ermutigen, genau das zu tun.  Wenn man überlegt, wie sich das Projekt von „Jugend rettet“ entwickelt hat, ist das doch schon erstaunlich: Da gründet ein 20-jähriger Schüler eine NGO und bis heute sind mehr als 1000 Menschen dieser Organisation beigetreten. Und aus dieser Organisation ist sogar eine weitere gewachsen, die sich „Mare Liberum“ nennt. Eine unglaubliche Bewegung. 

Ihre erste Mission startete „Jugend rettet“ im Jahr 2016. Wie lange warst du damals mit der Crew auf dem Schiff?

Bei der ersten Mission waren wir 18 Tage lang unterwegs und haben knapp 2000 Menschen gerettet. Diese Mission war mir besonders wichtig, weil sie den Film so lebendig machen würde. Schließlich war das der Moment, in dem die jungen Leute, die so lange darauf hingearbeitet hatten,  der Realität gegenüber stehen würden. Von der ganzen Organisation, von einer eher träumerischen Perspektive, die vielleicht auch ein bisschen naiv war, bis hin zur Konfrontation mit der Realität – diese Entwicklung wollte ich darstellen. Ich wollte außerdem sehen, wo diese Utopie sie hinführt und habe sie deshalb noch weitere anderthalb Jahre begleitet.

Während der Dreharbeiten gab es sicherlich viele emotionale Momente. Welche Erlebnisse auf der „Iuventa“ sind dir besonders nahe gegangen?

Einmal mussten wir zwei tote Mädchen bergen. Wir haben noch versucht eine von ihnen zu reanimieren, leider ohne Erfolg. Dieses Mädchen lag auf dem hinteren Deck der Iuventa. Alle Leute haben sie angeschaut, während das Team versuchte die junge Frau zu reanimieren. Nach zehn Sekunden habe ich die Kamera abgeschaltet. Ich wollte diese Szene nicht filmen, das war auch für mich zu viel. Mein Film sollte respektvoll und ehrlich sein, da gehörte dieser Moment für mich nicht in allen Details hinein. 

Neben den schlimmen Erlebnissen, gab es aber natürlich auch positive Erfahrungen. Sechs Monate nach der ersten Mission sind wir nach Sizilien gefahren, um Flüchtlinge zu besuchen, die wir gerettet hatten. Nahe Palermo haben wir zwei 15-jährige Jungen besucht. Die haben sich unglaublich gefreut, uns zu sehen. Der Fotograf hatte ihnen zwei Umschläge mit Fotos mitgebracht. Als sie diese öffneten, wurde es dann wirklich emotional. 

Die beiden Jungen haben die Fotos nämlich ganz anders angeschaut als wir es tun. Ohne die ganze Dramatik, die wir darin sehen. Sie schauten sich das Bild mit dem Boot voller Menschen an und suchten sich selbst darin. Als sie sich gefunden hatten, lachten sie. Das erinnerte mich fast an europäische Jugendliche, die sich Fotos ihrer letzten Interrail-Reise anschauen. Denn am Ende war es für die Flüchtlinge genau das: eine Reise. Und sie gehörten zu den Glücklichen, die es sicher nach Europa geschafft hatten. Für uns war es ein sehr emotionaler Moment, sie in den Arm nehmen zu können. Da wurde uns noch einmal klar, dass wir Migranten normalerweise oft nur als Zahlen sehen und nicht als persönliche Geschichten realer Menschen. Und genau diese Geschichten zeigt auch mein Film. Ich sehe das als einen wichtigen Schritt, um die Flüchtlinge auf den Schiffen in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. 

Momentan scheint die Aufmerksamkeit der Politik ja stark auf dem Schutz der eigenen Grenzen zu liegen. Was denkst du darüber, wie Europa mit der Situation im Mittelmeer umgeht?

Ich bin natürlich kein Politiker, ich bin Filmproduzent. Aus meiner Perspektive kann ich sagen: Das, was gerade im Mittelmeer passiert, wird stark instrumentalisiert – beispielsweise für Wahlen, Machtspiele oder andere politische Zwecke. Zusätzlich werden jetzt auch noch die Helfer beschuldigt, an kriminellen Machenschaften beteiligt zu sein, obwohl sie nur versuchen, Leben zu retten. Das kann so nicht weitergehen. 

Das größte Problem ist meiner Meinung nach Libyen und die Tatsache, dass niemand wirklich über dieses Land spricht. Dort gibt es unfassbares Leid und zum Teil tägliche Folter. Das alles passiert über viele Jahre, bevor sich Menschen entschließen, in Schlauchbooten die gefährliche Reise nach Europa zu wagen. Wie verzweifelt muss man sein, um in dieses Boot zu steigen, obwohl man weiß, dass man möglicherweise bei der Überfahrt sterben wird? Trotzdem gehen die Leute lieber das Risiko ein, auf See zu sterben, als noch weiter in ihrem Heimatland zu bleiben. Für das, was in Libyen gerade passiert, übernimmt Europa keine Verantwortung. Das Meer ist quasi nur der Schauplatz, aber die wirklichen Probleme liegen auf dem Land.

Die „Iuventa“ selbst wurde in Lampedusa beschlagnahmt und kann gerade keine Leben mehr retten. Denkst du, sie wird ihre Mission bald wieder aufnehmen können?

Es handelt sich bei der Beschlagnahmung der Iuventa eher um eine präventive Maßnahme, um die illegale Einwanderung von Migranten zu unterbinden. Eine Anklage gibt es bisher nicht. Der Mechaniker der Iuventa sagte letzte Woche in Bologna zu mir, dass es zwei Möglichkeiten gibt: Entweder bekommt die Organisation das Schiff bald zurück oder es wird im Laufe des nächsten Jahres im Hafen untergehen, weil es nicht gewartet werden kann. Die Iuventa ist nun mal eine alte Lady. 

Trotzdem denke ich, dass das Schiff schon jetzt ein Symbol der gesamten Bewegung geworden ist. Es ist das Schiff, das von einem 20-jährigen Jungen gekauft wurde, der anfangs zwar keinerlei Erfahrung mit der Rettung auf See hatte, dafür aber ein großes Herz und eine inspirierende Vision. 

Der Film „Iuventa“ wird in folgenden Kinos gezeigt:

  • 09.07. 2018 im Moviemento, Berlin
  • 10.07.2018 im Kino Prager Frühling, Leipzig
  • 19.07.2018 im Studiokino, Magdeburg
  • 24.07. 2018 im Puschkino, Halle
  • 01.08. 2018 im Casablanca, Nürnberg
  • 07.08. 2018 im Kino 3001, Hamburg

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