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„Die meisten hatten Angst, dass sie zurück nach Libyen müssen“

Julie arbeitet auf der „Aquarius“, die Geflüchtete aus Seenot gerettet hat und nicht in Italien anlegen darf.
Interview von Theresa Hein
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    Foto: Kenny Karpov

Das Rettungsschiff „Aquarius“ durfte nach mehreren Rettungseinsätzen am vergangenen Wochenende im Mittelmeer nicht wie geplant in einem italienischen Hafen anlegen. Matteo Salvini, italienischer Innenminister und Chef der rechtsextremen Lega, gab die Verantwortung an die Regierung von Malta weiter, die sich ebenfalls weigerte, das Schiff aufzunehmen. Am Sonntagabend wurde die Aquarius zwischen Malta und Italien auf Anweisung der italienischen Seenotleitung gestoppt. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 629 Geflüchtete auf dem Schiff, die Nahrungsmittel wurden knapp. Nach mehr als 36 Stunden in Warteposition erhielt das Schiff Anweisung, den Hafen von Valencia anzusteuern, der voraussichtlich am kommenden Wochenende erreicht wird. 

Julie Melichar, 26, die auf der Aquarius für die Organisation „SOS Méditerranée“ arbeitet, berichtet vom Zustand auf dem Schiff in den vergangenen Tagen. Während des kurzen Gesprächs am Mittwochabend (über Whatsapp-Call) brach die Verbindung wegen der schlechten Wetterlage immer wieder ab.

jetzt: Julie, wie viele Menschen befinden sich aktuell auf dem Schiff?

Julie Melichar: Gerade haben wir noch 106 Menschen an Bord, darunter auch schwangere Frauen und zehn Kinder. Die meisten kommen aus dem Sudan, Nigeria und Eritrea. Die Zahl ist wirklich eine Verbesserung zu vorher, als es noch 629 Menschen waren. Die Decks waren übervoll, die Menschen schliefen auf dem Boden oder im sitzen. Jetzt sind die Flüchtlinge auf die Aquarius und zwei italienische Schiffe verteilt, die alle Valencia ansteuern. Die meisten Schwangeren und Kranken sind bei uns geblieben, weil wir die bessere medizinische Versorgung an Bord haben. 

Wie kam es, dass die Aquarius so viele Menschen aufgenommen hat? 

In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurden wir zu sechs verschiedenen Rettungseinsätzen gerufen. Eines der Schauchboote ist gesunken und wir mussten uns beeilen, die Menschen an Bord zu bringen. Einige mussten reanimiert werden. Die italienische Küstenwache übergab uns von vier anderen Booten noch weitere Flüchtlinge. Manche waren gesundheitlich in einem sehr schlechten Zustand, viele hatten chemische Verbrennungen von ihrer Fahrt auf den Schlauchbooten. Das passiert, weil die Menschen darin oft im Salzwasser sitzen, weil das Boot undicht ist. Und wenn Treibstoff ausläuft, was häufig vorkommt, wird die Haut durch das Aufeinandertreffen von Salzwasser und Benzin verätzt. Außerdem sind viele wegen des schlechten Wetters seekrank. 

„Gerade ist das Wetter sehr schlecht, wir haben vier Meter hohe Wellen und starken Wind“

Montagmittag kam die Nachricht, dass die Aquarius in Spanien anlegen darf. Trotzdem musstet ihr  noch bis Dienstag warten, bevor ihr wieder aufbrechen durftet. Warum?

Wir mussten noch auf die Anweisungen der italienischen Seenotleitung warten, bevor wir weiterfahren konnten. Eine Rettungsmission wird immer von dem Land koordiniert, das die Mission beauftragt – in unserem Fall Italien. Ein Rettungseinsatz beginnt in dem Moment, in dem wir Menschen aus Seenot retten uns auf unser Schiff bringen und er endet, wenn wir die Menschen in einen sicheren Hafen gebracht haben. Der jetzige Fall steht also immer noch unter der Verantwortung und Koordination der Seenotleitung in Rom. 

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Wann kommt ihr mit den geflüchteten Menschen in Valencia an?

Schwer zu sagen. Wenn wir Glück haben am Samstagabend. Gerade ist das Wetter sehr schlecht, wir haben vier Meter hohe Wellen und starken Wind, wir kommen kaum voran. Am Mittwoch sind wir zum Beispiel nur mit einer Geschwindigkeit von acht Knoten (rund 15km/h, Anm. d. Red.) gefahren.

Wie haben die Menschen reagiert, als klar war, dass ihr nicht in Italien anlegen dürft?

Die Menschen haben natürlich gefragt, wo wir stattdessen hinfahren und wann wir ankommen würden und wir mussten sagen: „Wir wissen es auch nicht“. Das war schlimm. Wir bekamen die Anweisung, nicht weiterzufahren, 35 Seemeilen von der italienischen Küste entfernt, 27 vor Malta. Wir hätten also nur noch ein paar Stunden gebraucht, um einen Hafen zu erreichen. Stattdessen mussten wir ganz langsam hin- und herfahren – niemand wusste, wie lange. Wir haben Dolmetscher an Bord, aber es war sehr schwierig, den Menschen begreiflich zu machen, was passiert. Die meisten hatten Angst, dass sie zurück nach Libyen müssen, wo sie ihre Reise angetreten haben. Die Situation in den Flüchtlingscamps ist ja kein Geheimnis. Die Stimmung war zwischenzeitlich sehr angespannt, aber wir haben versucht, die Menschen zu beruhigen. Manche haben gesagt: „Wenn ich zurück nach Libyen muss, bringe ich mich um, dann springe ich ins Wasser.“ Das hat zum Glück noch niemand getan. Wir haben die ganze Zeit versucht, den Menschen die Angst zu nehmen und ihnen klar zu machen, dass wir sie nicht nach Libyen zurückbringen werden, aber das war nicht einfach.

„Manche Menschen haben gesagt: Wenn ich zurück nach Libyen muss, bringe ich mich um“

Wie sieht es mit Nahrungsmitteln und Wasser aus?

Am Mittwoch hat uns auf unser Drängen hin ein drittes Schiff mit den versprochenen Hilfsgütern aus Malta erreicht. Aber das Essen ist sehr knapp und manchmal ist es seltsam, was ankommt. An einem Morgen hatten wir zum Beispiel 17 Croissants pro Person für den Tag zu verteilen – nichts anderes. Aber auch die italienische Regierung hat Nahrungsmittel versprochen, solange wir unterwegs sind. Mit Wasser sind wir noch ganz gut versorgt. Die Essensvorräte reichen auf keinen Fall bis Spanien.

Was antwortet ihr, wenn die Flüchtlinge fragen, wie lange die Fahrt noch dauert?

Dass wir es auch nicht genau wissen. Besonders kritisch war es, als wir wieder losfuhren und in Richtung Spanien navigierten. Zuerst waren alle erleichtert, aber das hielt nicht lange an. Viele der Menschen haben Angst. Aber die meisten von ihnen sagen: „Wir haben so viel Schlimmes erlebt und so lange gewartet. Dann dauert es eben noch etwas länger.“ 

Was bedeutet die italienische Entscheidung, die Häfen zu schließen, in Zukunft für eure Arbeit?

Wir hoffen natürlich, dass wir weiterarbeiten können. Wir wollen weiter Leben retten. Erst gestern sind wieder Menschen im Mittelmeer ertrunken. Wenn man hier auf dem Boot ist, ist es kaum auszuhalten, wie sehr politisches Kalkül über humanitäre Hilfe gestellt wird. Das gilt aber nicht nur für Matteo Salvini, sondern für die meisten europäischen Staatschefs. Das Problem ist, dass es kein funktionierendes gemeinsames Rettungssystem gibt, und das führt zu dieser Unmenschlichkeit. Heute haben wir Nachricht erhalten, dass die italienische Küstenwache wieder Flüchtlinge nach Italien gebracht hat. Die Entscheidung Italiens war also vielleicht nur kurzfristig. Aber dieses Hin- und Herschieben der Menschen von Boot zu Boot, die gerade noch in libyschen Flüchtlingscamps waren, vergewaltigt oder gefoltert wurden, dann auf überfüllte Schleuserboote kommen und jetzt immer noch nicht wissen, wann genau ihre Reise vorbei sein wird – das ist menschenunwürdig. 

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