powered by

„Wir sind keine Olaf-Scholz-Partei, genauso wenig sind wir eine Kevin-Kühnert-Partei“

Jessica Rosenthal könnte bald Juso-Chefin werden. Doch für was steht sie eigentlich politisch?
Interview von Julia Dagg
interview jessica rosenthal

Foto: shschroeder

Im November wählen die Jusos ihre*n neue*n Vorsitzende*n, Jessica Rosenthal ist bislang die einzige Kandidatin. Sie ist Vorsitzende der NRW Jusos und der SPD Bonn, außerdem arbeitet sie als Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Im Interview mit jetzt erzählt sie, warum sie nicht ständig mit ihrem Vorgänger Kevin Kühnert verglichen werden will, warum auch unter Olaf Scholz ein linkes Bündnis möglich ist und was sie über die Grünen denkt.

jetzt: Du stellst dich in einer Zeit als Juso-Chefin auf, in der die SPD seit Langem mit schlechten Ergebnissen zu kämpfen hat. Stehst du unter Druck?

Jessica Rosenthal: Ich trete als Juso-Vorsitzende an, um eine bessere Zukunft für uns einzufordern und ich glaube wir können junge Menschen davon überzeugen, dass die SPD diese bessere Zukunft für uns entschlossen erstreitet. Ich tue das im Team mit einem wahnsinnig starken Verband. Also nein, ich stehe nicht unter Druck, ich habe wahnsinnig Bock endlich etwas grundsätzlich zu verändern.

Über Kevin Kühnert weiß man viel, er ist sehr bekannt. Dich hingegen kennt man kaum. Wie fühlt sich das an?

Das will ich nicht so stehen lassen. Klar, auf Bundesebene ist Kevin das Gesicht der Jusos. Wir verstehen uns als Team. Es geht nicht um den Vergleich, erst recht nicht um Konkurrenz. Ich wünsche mir, dass wir von so einem Personenkult wegkommen. Da halten weder Kevin noch ich etwas von. Wir Jusos sind den Weg immer als Team gegangen. Kevin hat unsere Positionen gut und standhaft auf Bundesebene vertreten. Wenn man so will, war ich in den letzten zwei Jahren das Gesicht der Jusos in NRW. Auch dort haben wir Erfolge feiern können. Wir stellen jetzt etwa den jüngsten Oberbürgermeister und den jüngsten Landrat NRWs in tiefschwarzen Hochburgen und sieben Bürgermeister*innen.

Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für deine Person wird aber auf jeden Fall steigen. Hast du Respekt davor? 

Das stimmt, aber ich mache mir keine Sorgen. Ich habe in NRW die Juso-Arbeit stark geprägt. Als Landesvorsitzende habe ich Medienerfahrung gesammelt, sodass ich mich sehr gut vorbereitet fühle. Natürlich sind die Scheinwerfer auf Bundesebene nochmal 30 Prozent heller, aber darauf freue ich mich auch. Denn es ist für mich eine Ehre, an der Spitze der Jusos zu stehen. Aber die Pressearbeit ist nur ein ganz kleiner Teil der Aufgabe. Den Juso-Bundesvorsitz einzig darauf zu reduzieren, ist falsch. 

Trotzdem: Kevin Kühnert steht und stand immer stark im Rampenlicht, auch im Vergleich zu den Vorsitzenden anderer Jungparteien. Er hat oft provoziert, wurde beispielsweise dafür kritisiert, eine „Verstaatlichung großer Firmen“ gefordert zu haben. Wie wird das aussehen, wenn du an der Spitze der Jusos stehst?

Kevin hat nie von einer Verstaatlichung gesprochen, sondern darüber, dass Arbeitnehmende mehr Einfluss auf die Gestaltung ihres Konzerns haben sollten. Es ging darum, über neue Formen des Wirtschaftens zu sprechen. Seine Aussage wurde daraufhin skandalisiert. Aber natürlich möchte auch ich, so wie Kevin, eine laute Stimme der Jusos sein. Aber nicht aus einem Selbstzweck heraus, nicht um in den Schlagzeilen zu landen. Sondern weil wir eine inhaltliche Überzeugung haben, die wir in die Debatte einbringen wollen.

Was ist denn dein inhaltlicher Fokus? 

Unsere Generation hat keine Lust mehr, sich ständig erzählen zu lassen, dass etwas nicht geht und alternativlos ist. Mir geht es darum, die großen Weichen zu stellen, damit für uns ein Zukunftsversprechen erneuert wird. Wir müssen die Klimakrise entschlossen bekämpfen. Dann muss aber auch möglich sein, dass der Nahverkehr kostenfrei wird. Natürlich ist das möglich. Wir wollen, dass jeder Mensch das Leben führen kann, das sie oder er sich wünscht. Dann müssen bei uns aber auch die besten Schulen stehen, es muss ausreichend Geld dafür da sein, dass man das Schwimmbad genauso in der Nähe hat wie eine fahrende Buslinie. Wir wollen, dass wir von unserer Arbeit leben können, dann muss der Niedriglohnsektor ausgetrocknet werden, Befristungen aufhören und wir brauchen eine Ausbildungsplatzgarantie und langfristig eine Jobgarantie. Die Vier-Tage-Woche ist genauso möglich. Natürlich ist es kein Spaziergang das umzusetzen, aber für diese bessere Zukunft streite ich.

Kann das nicht auch eine Schwäche sein? Dass die SPD nicht eindeutig für ein Thema steht?

Ich glaube, dass es im Gegenteil richtig ist, Politik für die vielen Menschen zu machen, die jeden Tag arbeiten gehen oder arbeiten wollen und nicht von fünf Mietshäusern in der Metropole leben können. Es ist richtig, die Klimakrise genauso zu bekämpfen wie die Gerechtigkeitskrise, weil beides zusammengehört. Die SPD kämpft für gute Löhne, aber genauso hart gegen das Erstarken von rechts – übrigens seit 150 Jahren. Wir müssen daran arbeiten, dass wir mit klarer Kante und glaubwürdig für diese Themen wahrgenommen werden und hier müssen wir besser werden. Aber es ist richtig, dass die Sozialdemokratie das große Ganze im Blick hat.

Bei den Kommunalwahlen in NRW hat die SPD viele Stimmen verloren. Zweifelst du nach so einer Wahl an der SPD?

Überhaupt nicht. Klar bin ich enttäuscht. Aber diese Ergebnis zeigt auch, was wir gerade als junge Menschen schaffen können. Markus Ramers hat es mit 34 Jahren geschafft, den Kreis Euskirchen, der schon immer von der CDU regiert wurde, für die SPD zu gewinnen. Auch in Mönchengladbach ist das Felix Heinrichs gelungen. Auch das zeigt, dass wir überzeugen können. Ich bin Mitglied der SPD, weil ich von unserem Anliegen und unseren Themen überzeugt bin. Nach jeder Niederlage ist für mich klar, dass wir alle gemeinsam umso härter weiter daran arbeiten müssen, Menschen von uns zu überzeugen.

Für junge Menschen spielt der Klimaschutz eine große Rolle. Die Wahl in NRW hat gezeigt: Bei den Wähler*innen unter 24 sind die Grünen die ganz klaren Gewinner. Wie erklärst du dir, dass viele Junge nicht mehr SPD wählen?

Der Kampf gegen die Klimakrise ist ein Thema, das man hauptsächlich mit den Grünen verbindet. Wir als SPD machen auch Klimapolitik. Es ist uns aber noch nicht gelungen, deutlich zu machen, dass wir als SPD nicht nur die Gerechtigkeitskrise, sondern auch die Klimakrise bekämpfen. Wir stehen für Klimagerechtigkeit, indem wir den Klimawandel bekämpfen wollen, aber dabei die Arbeitnehmenden und Geringverdiener*innen auf unserem Weg nicht verlieren wollen. Das macht nur die SPD – keine andere Partei. Ein nachhaltiges Leben darf eben nicht zum Elitenprojekt für diejenigen werden, die sich Bio-Nahrung, den Greenpeace-Strom oder den Hybrid-SUV leisten können. 

Die Grünen scheinen aber überzeugender zu sein. Warum schafft die SPD es nicht, überzeugende Klimapolitik zu machen?

Die Grünen sind seit Jahren in der Opposition. Dort stellen sie viele moralische Ansprüche. Wenn man mal in die Länder schaut, in denen die Grünen mitregieren, dann sieht man aber auch, dass Anspruch und Wirklichkeit der grünen Politik auseinander fallen. Auf Bundesebene kritisiert die Grünen den Ausbau der A49. Im Hessischen Landtag haben die Grünen diesen mit auf den Weg gebracht. Auf Bundesebene haben sich die Grünen gegen eine Abwrackprämie eingesetzt, die der Grüne Ministerpräsident Kretschmann gefordert hat. Moral und Anspruch passen nicht immer bei grüner Realpolitik zusammen.

Die Kanzlerkandidatur von Olaf Scholz zeugt nicht gerade von einer Nähe der SPD zu grüner und linker Politik. Was hast du gedacht, als du gehört hast, dass Olaf Scholz Kanzlerkandidat wird? 

Da muss ich widersprechen. Ob wir als SPD für links-grüne Politik einstehen oder nicht, hat ja nichts mit einer Person zu tun. Wir haben schon lange deutlich gemacht, dass wir uns ein Bündnis aus rot-rot-grün vorstellen können. Da hat auch Olaf Scholz nicht widersprochen. Die Frage ist, was die Linken und die Grünen machen. Viele Kreis- und Ortsverbände der Grünen strecken ihre Fühler eher in Richtung schwarz-grün aus. Ob die Linke an realpolitischer Regierungsarbeit interessiert ist, muss die Partei auch noch klären. Die anderen müssen sich bewegen, die SPD steht für ein Fortschrittsbündnis bereit.

Wäre ein*e linke*r Kandidat*in nicht glaubhafter gewesen?

Es geht nicht immer nur um eine Person. Wir sind keine Olaf-Scholz-Partei, genauso wenig sind wir eine Kevin-Kühnert-Partei. Wir haben ganz viele verschiedene Gesichter, aber eine klare historische Aufgabe: für den sozialen Fortschritt in unserer Gesellschaft zu sorgen. Die SPD wird am Ende Entscheidungen treffen und der Spitzenkandidat steht dann für die Inhalte, die uns wichtig sind. 

Menschen wählen Parteien aber nicht nur wegen des Parteiprogramms, sondern auch wegen der Menschen, die an der Spitze stehen. 

Olaf Scholz vertritt die Position, die wir als SPD ausgehandelt haben. Gerade in den letzten Monaten habe ich ihn dabei auch als sehr verlässlich wahrgenommen. Er versucht die Beschlüsse vom letzten Parteitag im Rahmen der Gegebenheiten einer großen Koalition umzusetzen. Seien es die Investitionspakete, die wir beschlossen haben, oder die sehr schnelle Verabschiedung der Schuldengrenze. Es geht also darum, dass die SPD deutlich macht, welche Fragen und Probleme für sie Priorität haben. Dabei müssen die Anliegen von uns Jusos gehört werden. Ich erwarte auch von Olaf Scholz, dass er Angebote an junge Menschen macht. Da wird es vor der Wahl nächstes Jahr auch noch zu Gesprächen kommen müssen.

  • teilen
  • schließen