In dieses Lager kommen Flüchtlinge aus Idomeni

Nader schläft seit drei Monaten auf dem Boden des verlassenen Olympiageländes. Er erzählt.
Aufgezeichnet von Irene Allerborn, Fotos von Franz Konietzky
Foto: Irene Allerborn und Franz Konietzky
Foto: Irene Allerborn und Franz Konietzky
Foto: Irene Allerborn und Franz Konietzky
Foto: Irene Allerborn und Franz Konietzky
Foto: Irene Allerborn und Franz Konietzky
Foto: Irene Allerborn und Franz Konietzky
Foto: Irene Allerborn und Franz Konietzky
Foto: Irene Allerborn und Franz Konietzky
Foto: Irene Allerborn und Franz Konietzky
Foto: Irene Allerborn und Franz Konietzky

"Mein Name ist Nader Rahimi, ich bin 33 Jahre alt und komme aus der Sar-e Pol Provinz nahe Masar-e Sharif in Afghanistan. Vor gut einem Jahr brach ich mit den beiden Kindern meiner Schwester auf nach Europa. Sie wurde von den Taliban erschossen, weil sie als Lehrerin Mädchen unterrichtete. Ich bin selbst Lehrer und bekam mehrmals Drohanrufe. Wir hatten keine Wahl. Über den Iran und die Türkei ging es nach Griechenland. Mit dem Auto, zu Fuß und am Ende mit einem überladenen Schlauchboot nach Lesbos.

Viele tausend Euro hat uns die Reise gekostet, immer wieder war unser Leben in Gefahr und nun sitzen wir seit drei Monaten in diesem Baseballstadion fest mit 1400 anderen Menschen, die meisten kommen wie wir aus Afghanistan. Eigentlich wollten wir hier gar nicht lange bleiben, aber die Grenze ist zu. Unser Camp befindet sich auf dem verlassenen Olympiagelände von 2004 und umfasst den alten Flughafen Elliniko, das Baseball- und Hockeystadion. Circa 6000 Menschen leben zur Zeit an den drei Standorten. Wir schlafen unter der Tribüne des Hockeystadions, wo die Räume schon lange voll sind.

Wie anstrengend das ist, mit so vielen Menschen auf engem Raum zusammen zu leben! Man hat nie so richtig seine Ruhe, immer umgibt einen ein Stimmengewirr. Und dann bekommt man immer die Geschichten der anderen mit. Hier ist ein Mädchen, dessen Vater vor kurzem von einem Iraner erstochen worden ist. Manche drehen hier durch, habe ich das Gefühl. 

Nader Rahimi, der seit drei Monaten im Camp lebt.

Foto: Franz Konietzky

Ausruhen kann ich mich davon nicht. Wir leben jetzt hier auf den Fluren in den Katakomben. Die Wände haben die Kinder bemalt und den Boden haben wir mit Decken ausgelegt, damit es nicht so kalt ist. Mein Nacken schmerzt von dem harten Boden, auf dem wir schlafen. Nach dem Aufstehen brauche ich erst einmal eine halbe Stunde, um meine steifen Glieder wieder zum Laufen zu bringen. Aber wenigstens brauchen wir uns um Wind und Regen keine Sorgen zu machen. Die Menschen, die jetzt neu dazukommen, müssen draußen in Zelten übernachten.

Gegen den Gestank vom Klo können wir aber nichts machen. Hier vermischen sich alle strengen Gerüche: Toilette, Essen, Fußgeruch... Richtig lüften können wir hier unten nicht. Und das Essen ist leider auch nichts – es gibt meist dasselbe: matschigen Bohnen- oder Linseneintopf. Wenn wir das Essen abholen, ist es bereits kalt und es riecht säuerlich. Manchmal ekeln sich meine Kinder davor, aber meistens kann ich ihnen keine Alternative bieten. Immer wieder ist das Essen verdorben und wir bekommen Durchfall davon. Zwei Mal haben wir es bereits zurückgegeben, weil es einfach ungenießbar war. Zur Strafe gaben sie uns beim ersten Mal in den zwei Folgenächten kein Abendessen. Wir sind doch keine Tiere!

 

Vor einigen Tagen sind wir dann in den Hungerstreik getreten, um für besseres Essen zu protestieren. Seitdem schmeißen wir unser letztes Geld zusammen und kaufen selbst Lebensmittel auf dem Markt von Athen. Mit der Milch mache ich mir dann Joghurt. Aber auf Dauer kann ich meine Familie so nicht durchbringen. Wir würden ja am liebsten selbst kochen, aber die Herdplatten in der Küche dürfen wir aus Sicherheitsgründen nicht benutzen. Doch was sollen wir tun? Was ist das für ein Leben hier? Wir brauchen eine Beschäftigung, Arbeit! Wir verlieren hier Tag für Tag unsere Lebenszeit."

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