"Die Bulldozer stehen bereit"

Ein Helfer in Idomeni erzählt von der Räumungsaktion.
Interview: Timo Nicolas

Am Dienstag mussten die ersten Flüchtlinge in Polizeibegleitung Idomeni verlassen.

Foto: Yannis Kolesidis/AFP

Lucas Burghardt lebt seit drei Monaten im Flüchtlingslager in Idomeni in einem Wohnwagen. Mit anderen freiwilligen Helfern betreibt der 19-Jährige eine Teeküche, in der Flüchtlinge sich nicht nur treffen und ablenken können, sondern auch selbst mitarbeiten. Im Telefonat mit jetzt berichtet er von der Räumungsaktion, die am frühen Dienstagmorgen begonnen hat.

Jetzt: Lucas, vor ein paar Stunden haben die griechischen Behörden verkündet, das Flüchtlingslager in Idomeni räumen zu lassen. Wie weit sind sie schon fortgeschritten?

Lucas Burghardt: Gerade haben die Behörden mit der Evakuierung des Campabschnittes angefangen, in dem ich lebe. Gestern Nacht gab es erste Gerüchte, heute Morgen haben sich dann vor meinem Abschnitt Polizisten und Militärpolizei postiert. Da war abzusehen, was passieren wird. Vielen Hilfsorganisationen wurde heute der Zugang zum Camp verwehrt. Nur noch eine Handvoll Teams durften passieren.

Von offizieller Seite heißt es, man wolle bei der Räumung keine Gewalt anwenden. Kannst du das bisher bestätigen?

Bisher war die Polizei tatsächlich friedlich, es gibt auch keine Panik und keine Ausschreitungen unter den Flüchtlingen. Die Beamten und Soldaten gehen von Zelt zu Zelt und fordern die Bewohner auf, das Camp zu verlassen. Vor dem Flüchtlingslager stehen Busse bereit, die sie von hier weg bringen sollen.  Die ganze Straße ist zugeparkt mit wartenden Bussen.

Die Bewohner einfach auffordern zu gehen – denkst du, das ist erfolgreich? Viele bleiben ja bewusst in Idomeni, weil es so nah an der mazedonischen Grenze liegt.

Es wird definitiv einen harten Kern an Flüchtlingen geben, der sich weigert zu gehen. Ich kenne einige von denen. Gewalt wird bei ihnen unvermeidbar sein, aber bis jetzt ist es ruhig.

Aber ist nicht schon länger klar, dass geräumt werden soll?

Ja, aber es herrscht noch immer die Zuversicht, dass die Grenze sich irgendwann doch wieder öffnet. Es gibt Flüchtlinge, die schon in andere Camps umgezogen waren, aber wieder zurückkamen, weil sie hier wenigstens noch einen letzten Funken Hoffnung haben. Und viele wissen nicht wirklich, wo sie jetzt hinkommen. Es sind vermutlich kleinere Camps bei Thessaloniki, die vom Militär geführt werden. Davor haben viele Angst, fragen sich, ob man dann in einer Art Gefängnis sei.

Und abseits dieses harten Kerns?

Ich sehe viele Menschen, die mit ihren gepackten Rucksäcken das Camp verlassen. Gerade läuft wieder eine Gruppe von 30 Leuten mit Gepäck an mir vorbei. Dass die Polizei hier in meinem Abschnitt mit der Räumung beginnt hat eine Art Sogwirkung ausgelöst – viele Flüchtlinge aus anderen Teilen des Camps machen sich jetzt auch freiwillig auf den Weg Richtung Busse.

Wie ist dein Eindruck, wie schnell leert sich das Camp?

Es wird schon noch dauern, bis alle aus dem Camp sind. Das geht nicht innerhalb von Stunden. Wenn es so weit ist, werden die Zelte aber offenbar von Bulldozern zerstört. Die stehen schon bereit. Vielleicht geht es damit morgen schon los.

Es gibt Berichte, dass die Lebensumstände sich in den vergangenen Wochen verschlechtert hätten. Ist das auch dein Eindruck?

Eigentlich nicht, nur die Spannungen sind größer geworden in den letzten zwei Wochen. Situationen sind schneller eskaliert, es gab mehr Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen untereinander, aber auch gegenüber den Helfern.

Wie geht es für euch Helfer weiter?

Wir haben vom UNHCR den Anruf  bekommen, dass die Polizei bald mit dem Verhaften von freiwilligen Helfern beginnen will. Deshalb bauen wir gerade unsere Zelte ab und werden das Camp gleich verlassen. Wir wollen nicht warten, bis die Verhaftungen anfangen. Viel Zeit bleibt uns laut den Polizisten hier aber nicht mehr.

Wie schwer fällt euch Helfern die Trennung von den Menschen aus dem Lager?

Es ist schade sich von den Leuten zu verabschieden, mit denen man hier zusammengelebt und gearbeitet hat und nicht zu wissen, ob man sie wieder sieht. Ob man Zutritt zu den Lagern bekommt, in die sie jetzt gebracht werden. Aber ich bleibe in Griechenland. Ich werde mit meinem Teezelt zu den Camps bei Thessaloniki ziehen und versuchen, dort Helferstrukturen aufzubauen. Und wenn das geklappt hat, möchte ich mich einem mobilen Küchenprojekt widmen.

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