Wird bei Politikerinnen häufiger die Frage nach Kompetenz gestellt?

Paula-Irene Villa, Gender-Expertin an der LMU München, kennt die Antwort – und warnt gleichzeitig vor Klischees.
Interview von Anna Sophia Merwald

Foto: Reuters/Kacper Pempel Bearbeitung: jetzt

jetzt: Nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) als neue Verteidigungsministerin feststand, fiel immer wieder die Frage nach ihrer Kompetenz: Inwiefern ist das ein bekanntes Muster bei Frauen in Machtpositionen?

Paula-Irene Villa: Durch diese Frage wird Frauen qua Geschlecht ihre Kompetenz abgesprochen. Im Falle des Verteidigungsressort ist das noch mal gesteigert, da es neben den Finanzen vielleicht zu den am männlichsten konnotierten Bereichen zählt. Es hat aber auch mit dem schlechten Ruf zu tun, den Ursula von der Leyen als vorherige Ministerin in dem Bereich hatte. Als erneut christdemokratische Frau, die aus einem ganz anderen Bereich als der Truppe kommt, ist AKK angezweifelt worden. Das hat nicht allein mit ihrem Geschlecht zu tun.

Der konservative Boris Johnson ist gerade Premierminister geworden. Er wurde von deutschen Medien als verschrobener Clown inszeniert, aber nicht so sehr wie AKK hinsichtlich seines Geschlechts bewertet. Warum?

Ich glaube, weil es wenig selbstverständliche Klischees und Muster im öffentlichen Diskurs gibt, um Politiker in geschlechtlicher Hinsicht zu diffamieren. Diesen Topos kennen wir für mächtige Frauen schon seit der Moderne: Ganz schnell haben wir da eine Diffamierung über das Geschlecht. Es gibt ein weiterhin wirksames Selbstverständnis, das historisch entstanden ist: Weiblichkeit und Macht, Weiblichkeit und Erfolg, Weiblichkeit und Stärke, das verträgt sich nicht. Diese Widersprüchlichkeit gibt es bei Männern, die eher als Menschen denn als Männer wahrgenommen werden, gar nicht. Boris Johnson wurde ja nicht als Mann wahrgenommen, sondern eben als der Politiker, als Mensch. Frauen sind demgegenüber eher das Geschlecht. Aber auch das ist in den letzten Jahren ziemlich zurückgegangen.

Paula-Irene Villa ist Lehrstuhlinhaberin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München.

Foto: privat

Wird die Kompetenzfrage eher bei Frauen gestellt?

Diese Frage wird Frauen zwar noch gestellt, aber verblasst immer mehr. Das hat in Deutschland nicht zuletzt mit Angela Merkel zu tun, die so viele Jahre erfolgreich im Amt war. Da hat unsere Gesellschaft durchaus etwas gelernt, aber die Reduktion von Frauen auf ihr Äußeres ist in den Medien natürlich nicht ganz verschwunden. Diese Beschreibungen sind schnell bei der Hand und wir sind sie gewöhnt. Anders bei Männern: Dort wirken Schilderungen von Äußerlichkeiten auffälliger und eher wie eine bewusste Entscheidung. Aber man muss differenzieren: In den Medien sind ganz unterschiedliche Auffassungen präsent und das ist Ausdruck einer gesteigerten Aufmerksamkeit für dieses Problem. 

Angela Merkel hat in ihrer Amtszeit ihr Geschlecht kaum zum Thema gemacht.

Da stimme ich Ihnen nicht ganz zu. Ich habe jüngst ein Interview aus den 90ern gesehen, wo sie Frauenministerin war und auf ihr Geschlecht angesprochen wurde. Damals hat sie ihre eigene Geschlechtlichkeit als Thema zurückgewiesen. Dass die Kanzlerin nicht hinreichend ‚weiblich‘ war, wurde ja über Jahre in den Medien mehr oder minder spöttisch kommentiert. Sie selber hat sich dem Thema geschlechtliche Zuschreibung aktiv entzogen. Angela Merkel hat sich ja überhaupt erst in den vergangenen Jahren frauenpolitisch mehr aus dem Fenster gelehnt. 2017 hat sie sinngemäß gesagt, sie hätte nichts dagegen, als Feministin bezeichnet zu werden. Sie würde das aber selber für sich nicht tun, denn sie habe politisch nicht als solche agiert. 

Ursula von der Leyen hingegen thematisierte in ihrer Rede vor dem EU-Parlament Feminismus und ihr Frausein: Sie versprach eine Kommission, die zu gleichen Teilen weiblich und männlich besetzt sein soll. Nehmen Politikerinnen mittlerweile wieder mehr Bezug auf ihr Geschlecht?

Merkel und von der Leyen sind in dieser Hinsicht zwei unterschiedliche Politikerinnen-Typen. Ursula von der Leyen verkörpert eher einen Typus, die sich auch als Frau und Mutter darstellt und wegen ihres feministischen Bewusstseins auch eine andere Politik macht. Wohingegen Angela Merkel eher sagt: „Mein Frausein hat nichts mit meiner Politik zu tun“. Das ist kein zeitlicher Wandel, sondern diese beiden Typen gibt es auch schon historisch gesehen. 

Machen Frauen denn etwas anders in der Politik?

Nein, per se machen sie nichts anders. Es kommt darauf an, was sie für eine politische Haltung haben. Manche sagen: „Als Frau ist mir das wichtig“ und andere sagen: „Als feministische Politikerin ist mir das wichtig“. Es kommt also nicht auf das biologische Geschlecht an, sondern ausschließlich darauf, was die Politikerin daraus macht. Frauen sind genauso vielfältige Politiker oder Politikerinnen wie alle anderen Geschlechter auch. 

Studien zufolge sollen Frauen besser kommunizieren können und deshalb bessere Chefs sein: Wie bewerten Sie das? 

Tatsächlich gilt: Viele Frauen richten ihr Handeln und Denken stärker an Kooperation, Kommunikation oder emotionalen Aspekten aus. Das geben sie an, wenn sie nach diesen Eigenschaften befragt werden. Das heißt jetzt nicht, dass sie das besser tun oder können, sondern passt eher zu den Geschlechterstereotypen, die wir haben. So wie man auch sagt, Männer sind konkurrenzfähiger, ehrgeiziger, weniger empathisch. Das entspricht eben bestimmten Stereotypen von Männlichkeit, an denen wir uns alle orientieren. Je genauer man forschend hinschaut, umso eher wird man allerdings die Bandbreite an Variationen erkennen. Für die Politik heißt das: Politikerinnen sind nicht grundsätzlich empathischer, kommunikativer oder verständigungsorientierter. 

Gibt es einen Wandel von geschlechtertypischen Rollenbildern?

Seit Trump, Johnson, Orban, Bolsonaro und Salvini hat sich der Wind wieder deutlich gedreht, aber bis dahin gab es schon einen kulturellen Wandel hin zu einer emotionaleren und fürsorglichen Männlichkeit. Da wäre Obama zu nennen, der öffentlich mit den Tränen gekämpft hat – natürlich strategisch –  oder Mark Zuckerberg, der sich als Papa mit seinem Baby und in Badeschlappen zeigte. Im öffentlichen Raum spielt sich derzeit ein Kampf ab, was erfolgreiche Männlichkeiten betrifft. Emotionalität, Interesse am Miteinander: Also eigentlich weiblich markierte Formen, die hatten ziemlich Konjunktur in der Politik-Performance und haben sie wie bei den Grünen hierzulande noch. Es ging weg von dem gepanzerten Macho-Man, aber der ist ja jetzt mit Politikern, die auf Gesten der Stärke, der Autorität und soldatischen Härte setzen, wieder zurückgekehrt.

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