„Gerade von Deutschland wäre ein Zeichen für Menschenrechte wichtig“

Joshua Wong – einer der Anführer der Proteste in Hongkong – erklärt im Interview, was bei den blutigen Auseinandersetzungen mit der Regierung auf dem Spiel steht.
Interview von Franziska Koohestani

Joshua Wong gilt als eine der zentralen Figuren des zivilgesellschaftlichen Widerstands in Hongkong.

Foto: Anthony Wallace/AFP

Geschäfte blieben geschlossen, Flüge wurden gestrichen und der Bahnverkehr lahmgelegt. Mindestens 24 000 Menschen sind am vergangenen Montag in Hongkong nicht zur Arbeit gegangen, um stattdessen an Demonstrationen teilzunehmen. Mit diesem Generalstreik haben die pro-demokratischen Proteste der vergangenen zwei Monate ihren Höhepunkt erreicht. Denn die Situation in Hongkong ist äußerst aufgeheizt. Mehrfach ging die Polizei mit Tränengasgranaten gegen Demonstrant*innen vor. Seit Beginn der Proteste wurden 420 Personen festgenommen. Regierungschefin Carrie Lam erklärte, Hongkong werde dadurch „an den Rand einer sehr gefährlichen Lage gebracht“.

Auslöser für die gegenwärtigen Proteste war ein geplantes Auslieferungsgesetz, das es der Regierung des chinesischen Festlands ermöglichen sollte, unliebsame Hongkonger*innen an sie auszuliefern. Die einstige britische Kronkolonie Hongkong ist seit 1997 eine Sonderverwaltungszone und folgt damit dem Prinzip: ein Land, zwei Systeme. Die Demonstrierenden sehen diese Autonomie nun in Gefahr. Denn viele Hongkonger*innen vermuten hinter dem geplanten Gesetz eine stärkere Einflussnahme der Pekinger Regierung. Sie verlangen grundlegende demokratische Reformen in Hongkong.

Joshua Wong, 22, ist pro-demokratischer Aktivist und das Gesicht der sogenannten Regenschirm-Bewegung 2014. Schon damals haben die Demonstrant*innen mehr Mitspracherecht bei der Regierungsbildung sowie freie Wahlen gefordert, scheiterten damit aber letztendlich. Wong musste daraufhin für drei Monate ins Gefängnis. Kurz nach seiner vorzeitigen Freilassung im Juni hat er sich den laufenden Massenprotesten gegen das Auslieferungsgesetz angeschlossen und ist erneut einer der wichtigsten Aktivisten der pro-demokratischen Bewegung Hongkongs.

Jetzt: Gestern fand der Generalstreik in Hongkong statt. Was soll dadurch bezweckt werden?

Joshua Wong: Es geht längst nicht mehr nur um das Auflieferungsgesetz. Es ist der Sommer der Unzufriedenheit. Die Menschen in Hongkong wollen ihre Regierung endlich selbst wählen dürfen, anstatt lediglich eine Wahl zwischen denjenigen zu treffen, die vorher durch Peking bestimmt worden sind. Wir wollen freie Wahlen. Unser Ruf nach Demokratie wird nicht enden, solange Xi Jinping, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, weiterhin derartigen Einfluss auf unsere Regierung nehmen darf.

Welche Menschen nehmen denn an den Protesten teil? Man hört vor allem von den jungen Aktivist*innen wie dir.

Ja, aber nicht nur. Die Jugendlichen befürchten schlechte Aufstiegsmöglichkeiten in Hongkong, wenn die Unabhängigkeit von Festland-China nicht gesichert wird. Aber viel wichtiger ist: Es geht um soziale Gerechtigkeit – und das betrifft nun mal jeden. Ob Baby-Boomer-Generation oder Millennials, ob Personen der Unterschicht oder Businessmänner: Sie alle haben beim Generalstreik mitgemacht und für Freiheit gekämpft. Denn wir alle hoffen, dass die Hongkonger wieder Herr im eigenen Haus werden.

Ihr bezeichnet euch immer wieder als Kollektiv ohne Anführer. Was ist denn dann deine Rolle bei den Protesten?

Ich sehe mich als einen Vermittler und Mitorganisator der pro-demokratischen Aktivistengruppe für Selbstbestimmung „Demosisto“. Ich nehme trotzdem wie jeder andere an den Demonstrationen teil.

Bei der Regenschirm-Bewegung haben die Demonstrierenden die Bezeichnung „Revolution“ abgelehnt. Jetzt wehrt ihr euch dagegen, dass die Proteste „Aufstände“ („Riots“) genannt werden. Warum?

Wir haben damals den Begriff „Revolution“ abgelehnt, weil die Demonstranten in der Regenschirm-Bewegung keinerlei physische Gewalt angewendet haben. Und „Aufstand“ wollen wir die Proteste jetzt auch nicht nennen, weil die Demonstranten schließlich nicht diejenigen sind, die gewöhnliche Bürger angreifen. Unser primäres Ziel sind die freien Wahlen und nicht, der Polizeigewalt zu begegnen. Das ist also kein Aufstand.

Auf Videos ist immer wieder zu sehen, dass die Polizei mit Tränengas gegen Demonstrierende vorgeht. Aber auch einige Demonstranten haben die Polizei mit Gegenständen beworfen. Damit begegnet man also doch irgendwie der Polizeigewalt, oder?

Mittlerweile wurde eine gewisse Form der Gewalt von manchen Demonstranten angewendet, zumindest in den jüngsten Protesten. Aber lebensgefährliche Waffen wurden bisher allein von Seiten der Polizei benutzt. Ich meine, die Polizei hat unfassbar viel Tränengas abgefeuert – und das, obwohl wir friedlich waren. Bei der Pressekonferenz gestern war die Rede von 1000 Tränengas-Runden in den vergangenen zwei Monaten. Außerdem wurde bisher niemand der Pro-Peking-Gangs für die Prügelattacken gegen Demonstrierende strafrechtlich verfolgt, dagegen fast 500 der pro-demokratischen Demonstranten festgenommen. Daran sieht man die Doppelmoral der Polizei. Dann haben eben ein paar mutige Demonstranten die leeren Tränengaskapseln zurückgeworfen, die die Polizei vorher auf sie abgefeuert hat. Und das kann ich schon irgendwie verstehen.

Wie wird es nach dem Generalstreik weitergehen?

Gestern war ich vor dem Hauptquartier der Regierung. Von dem Turm aus haben Polizisten auf uns herunter Tränengas abgeschossen. Das ist lebensgefährlich. Die Hongkonger Regierung muss endlich die Brutalität der Polizei beenden. Unsere Demonstrationen werden aber weitergehen bis zum Chinesischen Nationalfeiertag, dem 1. Oktober.

Es heißt, dein Vorbild sei Wang Dan, ein wichtiger Aktivist bei der Protestbewegung 1989. Diese wurde durch das von der chinesischen Armee verübte Tian’anmen-Massaker gewaltsam niedergeschlagen.

Ja, sein Mut inspiriert zurzeit nicht nur mich, sondern auch viele andere Hongkonger und hilft uns dabei, den Kampf fortzusetzen.

Lässt sich Tian’anmen denn überhaupt mit den Ereignissen heute vergleichen?

Das kommt wohl ganz darauf an, ob Peking die Volksbefreiungsarmee nach Hongkong schicken wird.

Am Anfang der Proteste sind hier in Europa besonders die Bilder durch die Presse gegangen, die zeigen, wie sich in Sekundenschnelle Rettungsgassen bei den Demonstrationen bilden. Jetzt sieht es anders aus: Eine alte Frau stellt sich der Polizei entgegen, Demonstrierende schützen sich mit Gasmasken vor Tränengas und löschen Rauchbomben. Welche Botschaft sollten diese Bilder uns in Europa vermitteln?

Ich hoffe, dass die Menschen in Europa auf uns in Hongkong blicken und sehen, wie hart Peking und die Hongkonger Polizei gegen gewöhnliche Bürger und sogar Journalisten vorgeht. Sie müssen das Signal sehen: Die Art und Weise, wie der Autoritarismus Hongkong gerade beeinflusst, könnte in Zukunft genauso auch europäische Länder treffen. Die Menschen in europäischen Ländern sollten daher ihr Schweigen brechen und ihre Unterstützung für die Proteste in Hongkong bekunden.

Und was könnte die deutsche Regierung tun?

Sie sollte Druck auf die Regierung in Hongkong ausüben, die Polizeigewalt zu stoppen. Gerade von Deutschland wäre ein Zeichen für Menschenrechte wichtig.

Bei den Demonstrationen wurden auch die alten Flaggen der britischen Kronkolonie gehisst. Deshalb wird behauptet, dass ihr euch nach der britischen Kolonialmacht zurücksehnt. Was sagst du dazu?

Natürlich wünscht sich niemand die Kolonialzeit zurück. Die Flagge ist eher ein Symbol: Für so viel Tränengas und Gewalt haben wir unsere Unabhängigkeit nicht gewollt.

Du wurdest erst im Juni vorzeitig aus der Haft für deine Teilnahme an den Demonstrationen 2014 entlassen. Nach der Freilassung hast du dich sofort den laufenden Protesten gegen das Auslieferungsgesetz angeschlossen: Hast du keine Angst, dafür bald wieder ins Gefängnis zu müssen?

Natürlich besteht das Risiko, dass ich zurück ins Gefängnis muss. Aber ich sehe es dennoch als meine Verantwortung als Hongkonger, an diesem Kampf teilzunehmen.

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