„Die Regenschirmproteste von 2014 haben uns nicht zufriedengestellt“

In München lebende Hongkonger*innen erzählen von der politischen Lage.
Protokolle von Franziska Koohestani

In Hongkong gehen seit Wochen hunderttausende Menschen auf die Straße, um gegen das geplante Auslieferungsgesetz zu demonstrieren. Das soll der Regierung vom chinesischen Festland ermöglichen, verdächtige Hongkonger*innen an sie auszuliefern. Hongkong ist seit 1997 eine Sonderverwaltungszone. Das Prinzip: „ein Land, zwei Systeme“. Diese Autonomie gegenüber Festland-China sehen die Demonstrierenden nun in Gefahr. Nach mehrfachen Großdemonstrationen hatte Regierungschefin Carrie Lam am Wochenende erklärt, das Auslieferungsgesetz auf Eis legen zu wollen. Aber damit geben sich die Demonstrierenden nicht zufrieden:

Am Wochenende sind schätzungsweise zwei Millionen Hongkonger*innen auf die Straße gegangen.

„Die chinesische Regierung versucht immer wieder, sich einzumischen“

Fotos: Franziska Koohestani

Rex, 29, studiert Statistik in München

„Viele Deutsche wissen nicht, dass Hongkong juristisch unabhängig von China ist. Aber diese Unabhängigkeit wird durch das Gesetz gefährdet. Das Gerichtssystem in China ist unfair. Ich bin in Hongkong aufgewachsen und war auch auf einigen Demonstrationen dort. Die gab es schon in der Generation meines Vaters. Aber ich muss ehrlich sagen: so groß wie diese waren sie gefühlt noch nie. Die Hongkonger haben schon Ahnung von Politik, aber ich habe sie nie als stark engagiert erlebt. Das ändert sich gerade. Seit den Regenschirmprotesten 2014 haben sich die Leute mehr darüber informiert, was die Regierung macht. In dem Fall dieses Gesetzes betrifft das nicht nur einzelne Gruppen, sondern die gesamte Bevölkerung. Und deswegen gibt es viele verschiedene Menschen, die gerade auf die Straße gehen – sogar Mütter mit Kindern, körperlich behinderte Menschen und so weiter. Man muss sich das mal vorstellen: Es waren zwei Millionen Menschen auf der Straße – das ist wie ganz München! Ich habe Angst, dass Festland-China auch weiterhin Hongkong beeinflusst: In China ist es zum Beispiel ein Tabu über das Tiananmen-Massaker zu sprechen. Wir haben das in der Schule schon gemacht, aber auch nicht so richtig. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir große Sorgen darüber mache, wie es sich weiterentwickeln wird. Die chinesische Regierung versucht immer wieder, sich einzumischen. Ich habe Angst, dass Hongkong irgendwann wie jede andere Stadt in China wird: keine Freiheit zu denken, sich zu äußern und man muss immer vorsichtig sein.“

„Das Gesetz ist inakzeptabel und die Regierung zurzeit auch“

Fotos: Franziska Koohestani

Charlene, 30, ist Krankenschwester

„Ich bin heute hier, weil ich unbedingt verhindern möchte, dass das Auslieferungsgesetz durchkommt. Dadurch könnten die Hongkonger ganz grundsätzliche Menschenrechte verlieren. Und dann werden sie irgendwann wie die Chinesen auf dem Festland leben, ohne Freiheit und Gerechtigkeit. Dort kann man sich nicht wirklich wehren, wenn man angeklagt wird. Das alles wäre sehr schlecht für mich, meine Freunde und Familie. Von ihnen habe ich gehört, dass die Demonstranten sich sehr friedlich verhalten, zum Beispiel gemeinsam ‚Halleluja’ singen – direkt vor der Polizei. In Hongkong sind Demonstrationen nicht normal. Aber dieses Gesetz treibt es einfach zu weit. Man muss sich das mal vorstellen: von sieben Millionen Einwohnern gehen gerade zwei Millionen Einwohner auf die Straße. Da weißt du, wie ernst es ist. Das Gesetz ist inakzeptabel und die Regierung zurzeit auch.“

„Die Regenschirmproteste von 2014 haben uns nicht zufriedengestellt“

Fotos: Franziska Koohestani

Jones, 20, hat die Demo in München mitorganisiert und lernt gerade Deutsch in München

„Bei den Demonstrationen am Samstag ist ein Mann gestorben, deswegen tragen wir heute auch alle schwarz. Die Regenschirmproteste von 2014 haben uns nicht zufriedengestellt. Wir haben Angst, dass wir unter dem stärkeren Einfluss Chinas unsere Freiheit verlieren. Die Regierungschefin hat das Gesetz nur ausgesetzt, aber nicht ganz zurückgezogen. Das ist ein großer Unterschied! Es muss ganz zurückgezogen werden. Das Auslieferungsgesetz kann nämlich auch negative wirtschaftliche Folgen haben für Hongkong. Deswegen ist es so gut, dass wir uns zusammentun und als Studenten und Schülerinnen gemeinsam mit älteren Menschen auf die Straße gehen.“

„Die Menschen in Hongkong wünschen sich eine richtige Demokratie“

Fotos: Franziska Koohestani

Katrina, 30, arbeitet im Marketing

„Gerade sehe ich in Hongkong keine Demokratie, wie ich sie mir wünschen würde. Ich vertraue der Regierungschefin Carrie Lam nicht. Sie wurde eigentlich von den Chinesen gewählt und nicht von uns. Die Menschen in Hongkong wünschen sich eine richtige Demokratie und es wird sich nichts verändern, wenn wir nicht mehr Entscheidungsmacht über unsere eigene Regierung haben. Das muss sich grundlegend verändern.“

„Das sind Studenten, so wie wir, die ganz ohne Waffen demonstrieren“

Fotos: Franziska Koohestani

Katherine, 19, hat die Demo in München mitorganisiert, studiert und lernt hier Deutsch

„Im Gegensatz zu Festland-China haben wir zwar seit langer Zeit Meinungsfreiheit in Hongkong. Dieses Gesetz wird aber unsere Freiheit und Rechte behindern. Ich muss etwas tun, um meine Heimat zu schützen. Viele meiner Freunde sind sozial engagiert und bei den Protesten in Hongkong dabei. Sie haben mir erzählt, dass die Polizei Gummigeschosse und Tränengas gegen sie einsetzt: Das ist eine Katastrophe! Das sind Studenten, so wie wir, die ganz ohne Waffen demonstrieren. Ich verstehe einfach nicht, warum die Polizei dann so viele Waffen benutzt. Wir wollen, dass die Polizei für den Machtmissbrauch zur Verantwortung gezogen wird. Und wir wollen nicht, dass wegen der Proteste Demonstrierende ins Gefängnis müssen.“

  • teilen
  • schließen