Was denken junge CDU-Mitglieder über ihre Parteiführung?

Haben sie nicht auch das Gefühl, in einem schlechten Film zu stecken?
Protokolle aufgezeichnet von Nele Spandick

Diana Kinnert, Theresa Hein und Susanne Zels engagieren sich bei der CDU.

Fotos: Gavi Ravichandran (Theresa Hein), Benjamin Zibner (Diana Kinnert), privat (Susanne Zels) Bearbeitung: jetzt

Über kaum ein Thema wurde in den vergangenen Tagen so viel gesprochen wie über die Angelegenheit Youtuber versus CDU. Nach dem Video von Rezo und der blamablen Reaktion der CDU darauf, nach der Wahlempfehlung dutzender Youtuber und der mindestens fragwürdigen Antwort der CDU-Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer, die tatsächlich Regulierungen für Youtuber ins Spiel brachte, fühlt man sich als junger, halbwegs digital sozialsierter Mensch manchmal, als wäre man in einem schlechten Film. Wir haben uns gefragt, ob es jungen Leuten innerhalb der CDU vielleicht auch so geht. Und haben mit drei von ihnen gesprochen.

Theresa Hein ist Teil des Kampagnenteams der Jungen Union

Fotos: Gavi Ravichandran

„Ich sehe die aktuelle Situation und vor allem Frau Kramp-Karrenbauers Aussagen sehr kritisch. Das Video von Rezo ist völlig in Ordnung. Er spricht Dinge an, die die CDU jahrelang ignorierte, weil der jungen Generation nicht zugehört wurde wie die Veränderungen durch Digitalisierung. Besonders schlimm finde ich persönlich, dass Frau Kramp-Karrenbauer gegen Influencer schießt. Ich selbst habe ein Blog über meine Heimatstadt Hannover und ich finde es fatal, wenn unsere Vorsitzende dieses neue Berufsbild von oben herab kritisiert. Authentische Führung würde ausmachen, dass sie sich auf Augenhöhe mit Influencern beschäftigt. Die Junge Union selbst hat viel frischere Ansätze der Kommunikation. Zum Beispiel hatten wir auch eine Kampagne mit Influencern, die leider durch das Rezo-Video etwas untergegangen ist. Für die CDU ist diese Art der Kommunikation zu flippig, da gibt es für jeden Post lange Abstimmungsprozesse und am Ende ist dadurch alles recht moderat. Und im Zweifel auch zu spät. Es wäre also spätestens jetzt mal an der Zeit, dass die Partei sich junge Leute an den Tisch holt und mit ihnen spricht. Zum einen über Inhalte wie Digitalisierung und Klimaschutz. Da muss unsere Position ernst genommen werden. Aber auch über die Kommunikation, die sich in der CDU zu sehr auf die Kernwählerschaft um die 60 konzentriert. Und es wäre auch an der Zeit, Influencern zuzuhören, die einfach einen großen Einfluss auf die junge Generation haben. Das sollte man nicht unterschätzen.“

Diana Kinnert ist Mitglied der Partei, seit sie 17 Jahre alt ist.

Fotos: Benjamin Zibner

„Das Wahlergebnis, vor allem der Einsturz bei den Erstwählern, ist sehr bitter für meine Partei. Ich verstehe dieses Wählervotum als eindeutige Sanktionierung der Politik und Kommunikation der letzten Monate, vielleicht auch Jahre. Frau Kramp-Karrenbauers Formulierungen in Hinsicht der Wahlaufrufe verschiedener Influencer in den sozialen Medien habe ich als unglücklich empfunden, weil sie im Kontext suggerierten, sie wolle Kritik an sich selbst und ihrer Partei delegitimieren. Dass sie nun richtiggestellt hat, sich nicht gegen die Meinungs- und Pressefreiheit zu stellen, war leider notwendig. Dennoch glaube ich, dass ihr Punkt aus weiterer Distanz betrachtet auch gerechtfertigt ist: Wir müssen uns Gedanken machen, welche Spielregeln im digitalen Raum gelten sollen. Die Aufgabe der Union besteht jetzt darin, eine erneuerte, stringente Programmatik vorzulegen, die Vertrauen in die Zukunft schafft.

Die Grünen haben ein Gefühl transportiert, das Lust auf Zukunft macht.  Ihnen ist eine Erzählung gelungen, wenn auch bisher nur als Verheißung und nicht regierungserprobt, die eine Aufbruchsstimmung entfacht und klare Bekenntnisse zu Migration und Ökologie offenlegt. Als Christdemokraten liegt uns die Bewahrung der Schöpfung als Grundlage ökologischer Verantwortung ebenfalls am Herzen. Die CDU wird bislang nicht mit den Themen Klimawandel, Umweltschutz, Ressourcenschonung und Artenvielfalt verbunden. Wir waren in der Vergangenheit auch zu zurückhaltend. Nun ist es an uns, schmutzige Altindustrien nicht weiter zu schützen und grüne Technologien voranzutreiben. Das Thema Ökologie verlangt aufgrund seiner Dringlichkeit eine ganz andere Priorisierung - so fordert es nicht nur die Wissenschaft, sondern nun auch das Wählervotum. Vielleicht können wir so auch das Vertrauen junger Menschen zurückgewinnen.“

 

Susanne Zels kandidierte in Berlin für das Europaparlament

Fotos: privat

„Als Volkspartei ist es Aufgabe der CDU den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern – auch zwischen Jung und Alt. Deshalb ist das Wahlergebnis sehr enttäuschend. Auch wenn wir weiterhin zweitstärkste Kraft bei jungen Wählern sind, hat die Zustimmung zur CDU in der jungen Generation seit der Bundestagswahl 2017 abgenommen. Artikel 13, „Fridays for Future“-Proteste und zuletzt das Rezo-Video haben deutlich gemacht, dass der CDU das Verständnis für die Jugend und die Kommunikation mit ihr abhanden gekommen sind. Unser Bundesvorsitzender Tilman Kuban hat deshalb einen Jugendparteitag als nächsten Bundesparteitag gefordert, bei dem 500 Jugendliche eingeladen werden sollen, um mit ihnen zu diskutieren. Diese Forderung unterstütze ich ausdrücklich. Wir müssen außerdem schneller auf digitale Formate und Kommunikationswege antworten lernen. Die Junge Union verfügt über die notwendigen Kompetenzen und sollte deshalb stärker eingebunden werden. Annegret Kramp-Karrenbauers Aussage nach der Wahl wird selbstverständlich sehr zugespitzt und ich vertraue darauf, dass es ihr nicht um eine Zensur des Internets ging. Trotzdem zeigt sich erneut, dass wir die Jugend zu wenig ernst zu nehmen. Bei „Fridays for Future“ haben wir ebenfalls zu viel über den Zeitpunkt der Demonstrationen und zu wenig über die Forderungen an sich diskutiert. Andererseits müssen wir aber auch erklären, warum wir nicht von heute auf morgen den Schalter umlegen können, um von konventioneller auf erneuerbare Energieversorgung umzusteigen. Hier müssen wir aktiver Diskussionen mit jungen Menschen führen und unsere Positionen erklären.

Insbesondere bei Artikel 13 hätte ich mir außerdem gewünscht, dass man die Junge Union noch stärker miteinbezogen hätte. Die Junge Union hat sich dagegen ausgesprochen.“

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