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Sechs Menschen hat der 28-jährige Luca Traini am Sonntag in der mittelitalienischen Kleinstadt Macerata mutwillig angeschossen. Bei den Verletzten handelt es sich um Migranten afrikanischer Herkunft – ein eindeutig rassistisch motivierter Angriff. Aber warum schießt ein so junger Mann gezielt auf Migranten? Wie viel Hass muss in einer Person sein, um so etwas zu tun?

Rassismus und die Angst vor Immigranten nimmt nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien zu. Das europäische Land, das über Jahre hinweg die meisten Geflüchteten im europäischen Vergleich aufgenommen hat. Doch schon seit Jahren erstarken extrem rechte Parteien wie Lega (bisher Lega Nord) oder Forza Nuova.

Wir haben mit jungen Italienern gesprochen und sie danach gefragt, wie sich der Rassismus in Italien entwickelt hat und was man dagegen tun könnte.

„Viele nehmen die Einwanderung als eine „Invasion" wahr"

greta
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Greta Albertari, 23, hat vor kurzem ihren Bachelor in „Global Governance“ in Rom gemacht

„Eines der Hauptprobleme in Italien ist, wie Einwanderung wahrgenommen wird. Wir sind das Land in Europa, das die tatsächliche Zahl der Migranten auf ihrem Territorium am meisten überschätzt. Die Menschen werden durch Medien, Wahlkampagnen und Fehlinformationen ständig mit Daten konfrontiert, die die Situation aufblähen und die Realität verzerren.

Oft beginnt die Unzufriedenheit vieler Italiener damit, dass Migranten und Geflüchtete angeblich mehr Sozialleistungen erhalten, als sie selbst. Das mündet schnell in einem allgemeinen und weit verbreiteten Rassismus. Eine beängstigende und gefährliche Entwicklung. 

Dadurch passiert in Italien gerade Folgendes: Viele Menschen nehmen die Einwanderung als eine „Invasion" wahr, gegen die man sich wehren muss. Deswegen entstehen Rassismus und ein Gefühl von Überlegenheit. Die Ereignisse in Macerata sind nur die Spitze eines größeren Eisbergs der Intoleranz, begünstigt durch eine Wahlkampagne der extremen Rechten, die für eine moderne Gesellschaft einfach unerträglich ist. Es stellt die Realität falsch dar, erzeugt Hass in der Bevölkerung, fördert die Ungleichheit und das Gefühl der „Invasion“, die unweigerlich auch zu anderen schrecklichen Ereignissen wie in Macerata führen wird.

Die Behörden führen nun ein System ein, um diesem trügerischen Gefühl einer „Invasion“ vorzubeugen. Geflüchtete sollen nicht geballt an einem Ort leben, sondern sich auf verschiedene Gemeinden verteilen.

Die friedlichen Solidaritätsbekundungen, die seit dem Ereignis in Macerata stattfinden, sind allerdings zu schwach. Die schwarze Gemeinschaft muss mehr unterstützt werden und die Reaktionen auf diese brutale Tat müssen härter ausfallen.

Die Tatsache, dass ein italienisches Mädchen afrikanischer Herkunft, das an der Universität von Macerata studiert, Angst haben muss, wegen ihrer Hautfarbe aus dem Haus zu gehen, ist im Jahr 2018 unerträglich. Überall auf der Welt, und vor allem in Europa, sollten wir darüber nachdenken, wohin wir mit diesem wachsenden Rassismus kommen.“

„In den letzten Jahren kam es zu einer Art Legitimation von Rassismus"

marco
Foto: privat

Marco Cellini, 33, promoviert in Politikwissenschaften in Rom

„Der Rassismus in Italien war schon immer sehr präsent in der Gesellschaft. Was sich aber geändert hat, ist, dass er nun laut ausgesprochen wird: In den letzten Jahren kam es zu einer Art Legitimation von Rassismus. Zuvor hat man rassistische Äußerungen eher im Privaten getroffen, jetzt aber ist es normal geworden, solche Dinge auch in der Öffentlichkeit zu sagen.

Auch wenn viele italienische Medien es so darstellen, als wäre die Tat in Macerata die eines Verrückten, handelt es sich hier ganz klar um eine rassistische Attacke. Und ich glaube auch, dass es aufgrund der offenkundigen Verbindung des Täters zur rechtsextremen Szene richtig wäre, die Tat als Terroranschlag zu bezeichnen.

Ich selbst kenne Macerata als eine friedvolle Stadt. Es ist schlimm, dass es durch die Legitimation von Rassismus durch Parteien wie die Lega und die Panikmache vor Immigranten durch die Medien nun auch gewalttätige Übergriffe an solchen, eigentlich ruhigen Orten gibt. Die rassistisch motivierte Gewalt nimmt immer mehr zu. Im Juli 2016 wurde in Fermo, einer Stadt unweit von Macerata, ein junger Nigerianer zu Tode geprügelt. Ohne Grund, wahrscheinlich nur weil er schwarz war. Im Jahr 2011 schoss in Florenz ein weiterer rechtsextremistischer Mann auf mehrere Migranten und tötete zwei von ihnen. Und dies sind nur die schwersten Akte rassistischer Gewalt, die kürzlich in Italien geschahen.

Ich bin davon überzeugt, dass dem Menschen eine gewisse Angst vor dem Fremden angeboren ist. Hier in Italien wird diese natürliche Angst von Politikern und den Massenmedien benutzt, um sie in eine bestimmte Richtung zu lenken und zu verstärken.

Ich glaube, dass es vor allem zwei Dinge gibt, die man gegen diesen Rassismus tun kann: Zum einem muss dieser natürlichen Angst im Menschen mit Bildung und Integration vorgebeugt werden. Denn Rassismus basiert vor allem auf Ignoranz und der Angst vor Fremden. Und die andere Sache wäre, dass Politiker und Medien aufhören müssen, Rassismus dazu zu benutzen, Aufmerksamkeit, Stimmen oder Klicks zu bekommen. Wenn diese Beeinflussung aufhört, passieren solche Übergriffe wie in Macerata vielleicht nicht mehr.“

 

„Ein ignorantes Volk kann für neue Kulturen nicht mental aufgeschlossen sein"

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Davide Pastorelli, 31, arbeitet für eine landwirtschaftliche Genossenschaft in der Nähe von Rom

„Der Rassismus in Italien hat sich nie groß verändert. Ein großer Teil der Italiener ist immer noch stark ausländerfeindlich und es gibt Parteien, die Rassenhass schüren. Obwohl es in Italien verboten ist, bezeichnen sich immer noch Leute selbst als faschistisch und benehmen sich auch so.

In den letzten 20 Jahren gab es eine starke kulturelle und soziale Verarmung. Das und die Angst vor Einwanderung haben dazu geführt, dass viele Menschen rassistischer wurden. Ein ignorantes Volk kann für neue Kulturen nicht mental aufgeschlossen sein. Für Menschen wie mich, die diese Rückkehr in unsere faschistische Vergangenheit verhindern wollen, sind diese Entwicklungen sehr besorgniserregend.

Leider ist der Vorfall in Macerata kein Einzelfall. Fremdenfeindliche politische Gruppen sind für viele rassistische Angriffe verantwortlich, sei es auf der Straße oder im Netz. Auf einer interaktiven Karte, die von der Antifa-Gruppe ECN erstellt wurde, werden regelmäßig rechte Gewalttaten vermerkt. Matteo Salvini von der Lega (Anmerkung der Redaktion: Salvini ist Parteisekretär der Lega, Abgeordneter im Europaparlament und hat maßgeblich zur fremdenfeindlichen Ausrichtung der Partei beigetragen) zum Beispiel ist ein Provokateur. Es ist sehr aufschlussreich sich anzusehen, was er auf Facebook sagt und besonders die Kommentare von Leuten zu lesen, die ihn unterstützen. Denn sie sind ein gutes Beispiel dafür, wie ignorant und rassistisch einige Leute hier sind. Social Media wird damit zu einem Spiegel unserer heutigen Gesellschaft.

 

Ich arbeite in einer landwirtschaftlichen Genossenschaft. Wir machen biologischen Landbau und arbeiten mit vielen jungen Menschen aus Afrika zusammen. Dadurch bekomme ich immer wieder rassistische Episoden mit: Einer der jungen Männer wurde zum Beispiel in einer Bar nicht bedient, weil er schwarz war. Ich habe nie eine Person aufgrund ihrer Hautfarbe oder Religion verurteilt. Ich halte mich für eine tolerante und antifaschistische Person. Wenn man zusammenarbeitet, erweitert das deinen Horizont. Wir sind im Grunde alle nur Menschen auf der Suche nach Solidarität und Respekt.“

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