„Jeder von uns will mal seine Familie ernähren können“

Junge Landwirt*innen demonstrieren gegen die deutsche Agrarpolitik. Denn sie fürchten um ihre Zukunft.
Protokolle von Elena Bavandpoori

Junge Landwirt*innen wünschen sich eine bessere Kommunikation zwischen Politik und Betrieben

Fotos: Elena Bavandpoori Bearbeitung: jetzt

Mit hupenden Traktoren fuhren am Dienstag Hunderte Landwirt*innen in kilometerlangen Karawanen zu den Kundgebungen der Bauerninitiative „Land schafft Verbindung“. Sie sind unzufrieden mit der deutschen Agrarpolitik und demonstrieren gegen die verschärften Auflagen der Bundesregierung. Diese beinhalten unter anderem den regulierten Einsatz von Pestiziden. Im Speziellen geht es um das Unkrautgift Glyphosat, dass bis 2023 komplett verboten werden soll. Jedoch fehlt den Landwirt*innen die finanzielle Unterstützung des Staates, um einen schonenden Einsatz von Pestiziden oder Düngermitteln tragen zu können. Ihr Unmut richtet sich vor allem gegen die Vorwürfe der Politik, dass die konventionelle Landwirtschaft schlecht für Natur, Umwelt und Trinkwasser sei. Auf der Demonstration am Münchner Odeonsplatz haben wir mit einigen jungen Demonstrierenden über ihre Ängste, aber auch ihre Hoffnungen gesprochen.

„Wir haben das Gefühl, dass die Gesellschaft nicht hinter uns steht“

Foto: Elena Bavandpoori

Tobias, 23, arbeitet in einem Landwirtschaftsbetrieb in Vierkirchen

„Das neu beschlossene Agrarpaket ist ziemlich hart für uns, weil damit nur die Anforderungen an uns Landwirte steigen. Wir haben das Gefühl, dass die Gesellschaft nicht hinter uns steht, sondern uns Steine in den Weg legt. Wir sehen unsere Zukunft und unser Einkommen in Gefahr. Unsere Betriebe sollen ja weiter bestehen bleiben. Aber die neuen Maßnahmen schränken uns enorm ein, weil wir mehr Regulierungen einhalten müssen, ohne die nötige Förderung zu bekommen. Das schmälert unseren Betriebsgewinn und damit unsere Zukunftsperspektiven.

Es ist trotzdem wichtig, junge Leute für diesen Job zu begeistern und zu motivieren, weiterzumachen. Aus meiner Sicht gibt es da noch eine Chance. Wir müssen mit der Politik reden und nicht gegeneinander. Es ist ein guter Anfang zu demonstrieren und dann werden wir sehen müssen, ob das Erfolg bringt.“

„Es muss abgewogen werden: Was ist wichtiger – Regionalität oder billige Produkte?“

Foto: Elena Bavandpoori

Martina, 20, macht ein duales Landwirtschaftsstudium an der Hochschule Weihenstephan

„Ich werde später einmal Hofnachfolgerin auf dem Betrieb meiner Eltern. Die momentane Situation in unserer Branche ist aber wirklich beängstigend. Vor allem für junge Landwirte, die nicht den Betrieb ihrer Eltern übernehmen, wird es schwerer. Manche von ihnen blicken der Zukunft dennoch optimistisch entgegen. Sie können sich vorstellen, in Staatsbetrieben oder in Ämtern zu arbeiten. Fachwissen wird gesucht! Viele junge Leute wollen, dass die bayerische Landwirtschaft weitergeht und nicht einschläft. Sie wollen etwas bewegen und ändern.

Das Problem ist, dass jeder mitreden will – aber es sollte sich mit den Fachleuten zusammengesetzt werden, um gemeinsam praxisfähige Lösungen zu finden. Natürlich kann man im Ausland viel billiger produzieren, aber es muss abgewogen werden: Was ist wichtiger – Regionalität oder billige Produkte?“

Wir werden nicht so schnell bessere Ergebnisse liefern können

Foto: Elena Bavandpoori

Bettina, 20, besucht die Landwirtschaftsschule Landshut

„Natürlich sind wir auch fürs Natur- und Tierwohl. Aber das muss auch bezahlt werden. Qualität kommt zu einem Preis. Jeder von uns will irgendwann seine Familie ernähren können. Es kann nicht erwartet werden, dass die politischen Fehlentscheidungen der vergangenen 40 oder 50 Jahre innerhalb des kommenden Jahres behoben werden. So zum Beispiel das Nitrat im Grundwasser: Da werden wir nicht so schnell bessere Ergebnisse liefern können. Ich habe mal gehört, dass nur 40 Prozent des Abwassers überhaupt an den Kläranlagen ankommt, weil der Rest aufgrund veralteter Kanäle einfach versickert. Das wird nicht geahndet – aber wir bekommen strenge Auflagen. Das ist doch ungerecht.“

„Es ist gar nicht mehr möglich, seinen eigenen Hof zu haben, wenn man nicht erbt“

Fotos: Elena Bavandpoori

Josef, 22, besucht die Landwirtschaftsschule Landshut

„Mir geht es beim Demonstrieren um die Zukunft der jungen Leute. Bauern können sich normalerweise kaum wehren, weil wir so wenige sind – jetzt zeigen wir aber, dass auch Landwirte anpacken können. Ich will nicht, dass die Höfe sterben. Die Politik muss mit den Bauern sprechen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Preise sind so explodiert. Unsere Baukosten haben sich verdreifacht in den vergangenen Jahren. Es ist gar nicht mehr möglich einen eigenen Hof zu haben, wenn man nicht erbt.

Allein schon die Maschinen zu kaufen, damit man überhaupt Ackerbau betreiben kann, ist ein enormer finanzieller Aufwand. Ich glaube, wer auf einem richtigen Hof anfangen will, wird schon gar nicht mehr fündig. Das ist so gut wie unmöglich. Bei uns in der Schule hat sowieso kaum jemand mehr Bock, einen Hof zu haben. Die gehen lieber in die Anstellung und bekommen monatlich ihren Lohn – das ist eben einfacher.“

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