Hier sprechen die, die der Klimawandel schon betrifft

Zum weltweiten Klimastreik erklären fünf Aktivist*innen, wie sehr ihre Heimatländer leiden.
Protokolle von Nadja Schlüter

Diese jungen Menschen wollen nicht nur ihre eigenen Heimatländer, sondern die Erde retten. Aber sie wissen: „Wir kämpfen gegen die Uhr.“

Fotos: privat, up_north Bearbeitung: jetzt

„Fridays for Future“ wurde in Stockholm geboren, als sich Greta Thunberg im August 2018 ganz alleine vor das schwedische Parlament gesetzt hat, um für Klimaschutz zu demonstrieren. Mittlerweile ist ihr Schulstreik fürs Klima zu einer globalen Protestbewegung geworden, bei der sich nicht nur Schüler, sondern auch Studierende engagieren. Am 24. Mai findet der zweite weltweite Klimastreik statt (den ersten gab es am 15. März) – auch in Ländern, die besonders unter dem Klimawandel zu leiden haben. Wir haben mit Aktivist*innen aus Costa Rica, Ghana, Uganda, Indien und den Philippinen über die Auswirkungen des Klimawandels in ihren Ländern, die Verantwortung der Industriestaaten und den Klimastreik gesprochen.

Ghana

Foto: privat

Ellen Lindsay Awuku, 26, arbeitet als nationale Koordinatorin für „Young Reporters for the Environment“ in Ghana.

„Wenn ich nach Deutschland schaue, sehe ich, dass dort eine große Klimabewegung entstanden ist, und das inspiriert uns. Macht weiter damit! Im März haben wir in Ghana den ersten Protest organisiert und für den weltweiten Streik am 24. Mai wollen wir mehrere Schulen, Unis und Umweltorganisationen mobilisieren.

In Ghana gibt es aktuell Gesetzesvorhaben für Klimaschutz, zum Beispiel in den Bereichen Energie und Transport. Wir bekommen den Klimawandel hier bereits zu spüren. Eigentlich haben wir hier regelmäßige Trocken- und Regenzeiten, aber mittlerweile regnet es auch, wenn keiner damit rechnet, oder es regnet eben gar nicht.  Es ist auch oft zu heiß und durch die höheren Temperaturen breiten sich Malaria und Cholera stärker aus.

„Sie sind vom Wetter abhängig, können sich aber nicht mehr darauf verlassen“

Viele Folgen des Klimawandels sind indirekt, denn alles ist miteinander verbunden. In Ghana leben zum Beispiel viele Menschen von der Landwirtschaft und der Fischerei. Sie sind vom Wetter abhängig, können sich aber nicht mehr darauf verlassen, weil es unberechenbar geworden ist. Dadurch ist es zu einer sehr starken Migration in die Städte gekommen, wo vor allem junge Menschen nach Jobs suchen.

Hier in Accra gibt es nicht mehr genug Wohnraum für alle, viele Menschen werden in Slums gedrängt, leben unter schlimmen Bedingungen, konkurrieren um Arbeitsplätze und tragen zusätzlich die Last, dass sie ihre Familien auf dem Land mit versorgen müssen. Vor allem junge Frauen werden durch Armut in die Prostitution gezwungen. Bildung kann ein Ausweg sein und das Bildungssystem in Ghana ist gratis – aber wenn du ansonsten kein Geld in der Tasche hast, fehlt dir die Ruhe, im Klassenzimmer zu sitzen und zu lernen.

Die Zukunft gehört den jungen Menschen! Das bedeutet aber auch, dass sie eine größere Last zu tragen haben, je nachdem, wie ihnen die Erde von den älteren Generationen übergeben wird. Wir müssen gemeinsam für die Zukunft kämpfen, die wir haben wollen. Und das nicht nur mit Streiks: Auch jeder Einzelne muss weniger konsumieren und weniger Energie verbrauchen. Wir kämpfen gegen die Uhr.“

Costa Rica

Foto: oskaravan_up_north

Sofía Leser, 24, ist vor sechs Jahren zum Studium von Costa Rica nach Deutschland gezogen. Etwa einmal im Jahr ist sie in ihrem Heimatland, um ihre krebskranke Mutter zu besuchen. Sofía hat den ersten „Fridays for Future“-Streik in Costa Rica organisiert.

„Streiken ist für Schüler*innen in Costa Rica etwas ganz Neues. Als ich im Februar und März dort war, war für den weltweiten Streik am 15. März nichts geplant und eine Freundin und ich haben eine Demo organisiert. Wir haben uns vor dem Parlamentsgebäude in San José getroffen. Es kamen 20 Leute – 15 davon waren Austauschschüler*innen aus Deutschland, das fand ich erstaunlich.

Der Schulstreik fürs Klima ist in Costa Rica zwar noch nicht groß, aber viele junge Menschen sind aktiv im Umweltschutz. Sie sammeln Müll, pflanzen Bäume, sprechen in der Schule viel über das Thema. Auch ich war vor meinem Umzug sehr engagiert, jetzt lebe ich in Heidelberg und bin bei ,Extinction Rebellion‘ aktiv, bei den legalen Aktionen wie zum Beispiel den Kundgebungen. Außerdem versuche ich, von hier aus für den weltweiten Streik am 24. Mai eine größere Demo in Costa Rica auf die Beine zu stellen, mit Schüler*innen, Student*innen und Umweltinitiativen.

Costa Rica ist beim Umweltschutz gar nicht schlecht. Die Regierung thematisiert den Klimawandel stark und schon heute ist unsere Energie zu fast 100 Prozent erneuerbar. Präsident Carlos Alvarado hat angekündigt, dass das Land bis 2050 komplett auf fossile Brennstoffe verzichten wird.

„Obwohl Costa Rica viel richtig macht, wird es die Konsequenzen des Klimawandels tragen“

Das ist gut – aber es bringt kaum etwas, denn ich habe gelesen, dass Zentralamerika für nur 0,5 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich ist. Obwohl Costa Rica so viel richtig macht, wird es die Konsequenzen des Klimawandels tragen müssen. Das ist unfair und macht mich wütend. Die Regen- und die Trockenzeit sind bereits verschoben, mal regnet es viel zu wenig, dann wieder viel zu viel. Als ich dieses Jahr in Costa Rica war, wurde in den Städten zeitweise das Wasser abgeschaltet, auch die Landwirtschaft leidet unter Wassermangel. Eine Moskito-Art, die früher nur an der Küste vorkam, konnte wegen der steigenden Temperaturen ins Landesinnere vordringen, dadurch breiten sich Krankheiten aus.

Den steigenden Meeresspiegel haben wir mit der Familie sehr direkt zu spüren bekommen: In Costa Rica dürfen Strände nicht privatisiert werden, Grundstücke an der Küste müssen einen bestimmten Abstand zum Strand haben. Wir hatten ein solches Grundstück und haben es verloren, weil das Wasser zu nah gekommen ist. Die Häuser von Menschen, die auf betroffenen Grundstücken gewohnt haben, wurden abgerissen.

Wir müssen uns bewusst machen, dass wir alle gemeinsam in einer Welt leben. Wenn ich in Deutschland etwas mache, hat das Folgen für Menschen in anderen Ländern. Darum können wir nicht in Grenzen denken, sondern müssen ein Weltbürgerinnenprinzip verfolgen, um die Umwelt zu retten, die wir noch haben.“

Indien

Foto: privat

Manisha, 14, ist Schülerin und lebt in Delhi. Sie ist im Verein PRATYeK und der angeschlossenen Kampagne „NINEISMINE“ für Kinderrechte und die politische Partizipation von Kindern und Jugendlichen aktiv.

„Wir unterstützen Greta Thunberg und versuchen, ebenfalls jeden Freitag einen Protest zu organisieren und möglichst viele Teilnehmer*innen zu mobilisieren. Wenn am 24. Mai der weltweite Streik stattfindet, werden wir leider nicht mitmachen können, weil am 23. Mai die indischen Wahlergebnisse veröffentlicht werden. Da wird politisch zu viel los sein. Aber dafür werden wir am 5. Juni, dem Weltumwelttag, protestieren. Ich habe mittlerweile an 40 Schulen Workshops zum Klimawandel und zu ,Fridays for Future‘ gegeben. Ich habe mit den Schüler*innen darüber gesprochen, in welcher Umwelt sie leben, wie sie ihr Wissen einsetzen und ihre Zeit nutzen können, um sie zu schützen, und sie dazu aufgerufen, sich dem Streik anzuschließen.

„Wenn du hier wärst, würdest du sagen: ,Es ist schrecklich, hier kann ich nicht leben‘“

In Indien gibt es durch den Klimawandel Extremwetter, neulich erst hat es morgens sehr stark geregnet und ich habe mich gefragt, wo all die Menschen hingehen, die hier auf der Straße leben. Andererseits ist auch die Hitze in Delhi kaum auszuhalten, manchmal ist es 45 Grad heiß. Wenn du hier wärst, würdest du sagen: ,Es ist schrecklich, hier kann ich nicht leben.‘ Auch die Umweltverschmutzung ist sehr schlimm, wenn du draußen bist, ist es, als würdest du den ganzen Tag rauchen. Das Wasser ist ebenfalls verschmutzt. All das macht die Menschen krank, sie kriegen zum Beispiel Asthma oder Hautausschläge.

Die Regierung tut nichts dagegen. Sie interessiert sich nicht für uns und nicht für die Umwelt, nur dafür, die Wahlen zu gewinnen. Eine grüne Partei in Indien wäre ein großer Schritt! Aber es dürfte schwer werden, eine zu gründen. Wenn du sagst, dass du dich für Umweltschutz interessierst, sagen dir die Erwachsenen, dass du dich um deine Karriere kümmern sollst. Sie verstehen nicht, dass der Klimawandel auch für sie Konsequenzen haben wird. Indien muss aufwachen.

Am wichtigsten ist jetzt, dass wir uns vernetzen. Wenn zum Beispiel Deutschland uns unterstützt, könnten wir etwas verändern. Erhebt eure Stimme, denn diese Stimme kann etwas bewirken!“

Uganda

Foto: privat

Nakabuye Hilda Flavia, 22, studiert Logistik an der Internationalen Universität Kampala und ist Campaignerin für „Green Climate Campaign Africa“.

„Ich war die erste Klima-Streikende in Kampala, nach und nach haben sich mir etwa zehn Leute angeschlossen. Mittlerweile waren wir an zwölf Highschools, zwei Unis und in Umweltclubs, um mit den Schülern und Studierenden dort über ,Fridays for Future‘ zu sprechen.

Jetzt sind in Uganda Ferien, aber wir haben versucht, vorher noch möglichst viele Menschen für den Streik am 24. Mai zu mobilisieren. Wenn alles klappt, rechnen wir mit mehr als 300 Teilnehmern. Die Demo soll vom Stadtzentrum in Kampala bis zum Parlament führen. Wir haben Briefe an den Sprecher des Parlaments geschrieben, damit er sie dem Präsidenten überbringt, und die Polizei um Erlaubnis für den Protest gebeten.

„Dadurch ist unsere Ernährung nicht gesichert und Menschen verhungern“

In Uganda steigen die Temperaturen, es ist oft sehr heiß und die Ernten vertrocknen. Dadurch ist unsere Ernährung nicht gesichert und Menschen verhungern. Entweder es regnet nicht oder es regnet zu viel: Kürzlich hatten wir extreme Regenfälle, Ausläufer der Zyklone an der afrikanischen Ostküste haben auch unser Land getroffen. Teilweise wurden Plantagen und Häuser zerstört und Menschen mussten ihre Heimat verlassen. In Uganda ist auch die Umweltzerstörung für die Industrie ein großes Problem: Es wird extrem viel abgeholzt und die Gebiete werden an Investoren verkauft.

Bisher hat die Regierung auf unsere Forderungen nicht reagiert. Aber wir werden nicht aufhören zu protestieren und hoffen, dass sie uns irgendwann zuhören. Ich wünsche mir außerdem, dass das Wahlalter von 18 auf 16 heruntergesetzt wird, damit die junge Generation sich politisch stärker einbringen kann.

Die Leser in Deutschland möchte ich bitten, Verantwortung zu übernehmen. Reduziert euren CO2-Fußabdruck, so viel ihr könnt! Und wir müssen gemeinsam unsere Stimme erheben und unsere Regierungen dazu bewegen, den Klimanotstand auszurufen, so wie das Großbritannien bereits getan hat.“

Philippinen

Foto: privat

Jefferson Estela, 21, ist Architekturstudent an der Polytechnic University of the Philippines und Umweltaktivist.

„Die ersten Klimaschutz-Demos der Philippinen gab es auf der Insel Negros. Die dortige Regionalregierung hatte den Bau eines Kohlekraftwerks geplant und junge Umweltaktivisten haben dagegen demonstriert. Sie haben erreicht, dass der Bau abgesagt wurde und die Regierung die Insel zur ,kohlefreien Provinz‘ erklärt hat. Danach hat mich ein Freund angerufen und vorgeschlagen, dass wir den Schulstreik fürs Klima auch auf den Philippinen starten, um die Regierung noch weiter unter Druck zu setzen.

Am 15. März fand der erste Schulstreik fürs Klima statt, sieben Provinzen und Städte haben mitgemacht, darunter Manila, Negros und General Santos City. Mittlerweile gibt es regelmäßige Streiks an unterschiedlichen Orten, mit denen die jeweilige Lokalregierung aufgefordert wird, Gesetze für den Umweltschutz zu verabschieden. Am 24. Mai werden 15 Städte und Provinzen auf den Philippinen am Streik teilnehmen.

Die Philippinen waren schon immer besonders durch Extremwetter gefährdet. Aber in der jüngsten Vergangenheit hat unser Land unter besonders schlimmen Stürmen gelitten, wie zum Beispiel Taifun Haiyan 2013, einer der stärksten und zerstörerischsten Wirbelstürme, den wir hier je hatten. Ungefähr 20 tropische Wirbelstürme gibt es jährlich in philippinischen Gewässern, davon treffen acht oder neun aufs Land. Im vergangenen Jahrzehnt haben diese Stürme uns häufiger und schwerer getroffen.

„Glaubt mir, die Jugendlichen wissen, was sie tun“

Laut dem ,Global Climate Risk Index‘ gelten die Philippinen als eines der Länder, die besonders vom Klimawandel betroffen sind. Das Wasser des West-Pazifiks wird sich weiter erwärmen, der Meeresspiegel wird weiter steigen und unser Land hat so gut wie keine natürlichen Barrieren gegen das Wasser. Der beste Schutz sind die Mangrovenwälder, die sich allerdings durch Abholzung seit 1918 fast halbiert haben – aber das ist eine andere Geschichte.

Politisch passiert auf den Philippinen einiges. Umweltschutz steht in der Verfassung von 1987 und schon 1991 haben die Philippinen angefangen, das Thema Klimawandel auf die politische Agenda zu setzen. Darüber hinaus engagieren sich viele Jugendliche und Studierende in NGOs und anderen Organisationen, um über die Umwelt und den Klimawandel aufzuklären.

Die Philippinen und Deutschland sind sehr unterschiedlich, aber sie haben gemeinsam, dass die Jugendlichen beider Länder für ihre Zukunft kämpfen. Ich möchte die ältere Generation ermutigen, sie dabei zu unterstützen. Glaubt mir, die Jugendlichen wissen, was sie tun. Der deutschen Regierung würde ich gerne sagen, dass sie ihre Emissionsziele einhalten sollen. Wir alle wissen, dass die Industrienationen am meisten CO2 ausstoßen und dass Länder wie meines sehr stark unter dem Klimawandel leiden, obwohl unsere Emissionen viel geringer sind. Trotzdem leugnen die Industrienationen weiterhin, dass sie an vielen weltweiten Katastrophen Mitschuld tragen. Ich hoffe, dass sie in Zukunft nicht nur ihre eigene Bevölkerung schützen, sondern die der gesamten Welt.“

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