Warum junge Malteser*innen jede Woche demonstrieren gehen

Die massive Korruption ist nur ein Grund.
Protokolle von Eva Hoffmann
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Fotos: Maria Jou Sol Bearbeitung: jetzt

Korruption, die nur schleppend vorrangehenden Ermittlungen zum Mord an der Journalistin Daphne Caruana Galizia und eine politische Elite, die offenbar in all das verwickelt ist: Auf Malta gibt es derzeit viele Gründe, demonstrieren zu gehen. Nachdem Keith Schembri , der Stabschef und enge Vertraute des Premierministers, schwer belastet wurde, tun das auch  jede Woche Tausende Malteser*innen – sie fordern einen sofortigen Regierungswechsel. Dass Premierminister Joseph Muscat im Januar zurücktreten will, wird von den Protestierenden begrüßt. Vielen reicht das aber nicht aus, um die Korruption im Land langfristig einzudämmen.

 „Malta ist endgültig zum Mafia-Staat geworden“

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Robin hat auf Malta das Regierungsgebäude besetzt.

Bild: Maria Jou Sol

Robin, 19, demonstriert jede Woche gegen die Regierung

„Ich bin hier, weil ich wütend bin. Ich hab die Schnauze voll von dieser Unantastbarkeit der Politiker. Damit bin ich nicht allein. Die Menschen, die hier gerade demonstrieren, nehmen nicht mehr hin, dass Politiker sich alles leisten können, ohne dafür bestraft zu werden. Der Mord an Daphne ist nur der Funke im Pulverfass nach jahrelanger Korruption und Lügen, die wir ertragen haben. Mit diesem Mord ist Malta endgültig zum Mafia-Staat geworden. Sehr viel schlimmer kann es nicht mehr werden.

Ich bin mir nicht sicher, ob mein Protest konkret etwas verändert, aber es fühlt sich gut an, endlich mit all denen auf der Straße zu sein, die genauso wütend sind wie ich. Vor dem Mord habe ich auf Demonstrationen immer die gleiche Handvoll Leute getroffen. Die anderen blieben zu Hause, weil sie das Gefühl hatten, ohnehin nichts verändern zu können.

Doch jetzt sind die Menschen wirklich erschüttert. Die Wut zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten hindurch. Sogar meine Mutter, die sich nie groß politisch engagiert hat, geht jetzt auf die Straße. Letzte Woche haben wir versucht, das Regierungsgebäude zu besetzten. Meine Mutter hat draußen so lange gewartet, bis wir wieder rauskamen. 

Ich hoffe, dass unsere Stimmen gehört werden. Der Premierminister muss zurücktreten und der Mord vollständig aufgeklärt werden. Meine größte Angst ist, dass sie den Falschen verantwortlich machen und alles so weitergeht wie bisher. In Zukunft darf die Justiz nicht mehr wegschauen, egal welchen Posten ein Politiker innehat.“

„Öffentliche Gelder werden unter der Hand vergeben“

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Niels hat Nachts die Gedänkstätte für Daphne Caruana Galizia beschützt.

Bild: Maria Jou Sol

Niels, 26, Tänzer aus Frankreich, lebt seit fünf Jahren auf Malta

„Als ich hier herzog, habe ich mich nicht großartig für Politik interessiert. Damals kam die konservative Labour-Partei gerade an die Macht. Ich kannte den Blog von Daphne Caruana Galizia, in dem sie die Politik scharf angegangen ist. Aber in meinem Umfeld gab es damals auch Leute, die ihren Tonfall nicht mochten. Mittlerweile lebe ich in einer großen WG und habe ein Kind mit einer Malteserin. In der letzten Woche habe ich meine erste politische Aktion hier mit organisiert. Wir beschützten die Gedenkstätte für Daphne in der Innenstadt von Valletta. Normalerweise räumen die Reinigungskräfte jede Nacht die Kerzen und Briefe dort weg. In dieser Nacht haben wir es geschafft, um die 50 Menschen zusammenzutrommeln, sodass die Reinigungskräfte nicht durchkamen und das Denkmal unberührt blieb. Obwohl wir alle völlig übermüdet waren, war die Stimmung super als wir merkten, wie viele Menschen da mitten in der Nacht zusammenkommen.

Weil Malta so klein ist, habe ich hier im Gegensatz zu Frankreich das Gefühl, dass ich wirklich etwas verändern kann. Wenn man die Nachrichten liest und mit informierten Menschen spricht, blickt man hier schneller durch als in größeren europäischen Ländern. Andererseits ist die Insel auch eine Blase. Als professioneller Tänzer hoffe ich auch, dass sich mit dem Regierungswechsel in der Kulturbranche etwas verändert. Bisher wurden selbst öffentliche Gelder oft unter der Hand vergeben - als Ausländer hat man da kaum Chancen, eigene Projekte gefördert zu bekommen. Diejenigen, die ähnlich ticken, hängen die ganze Zeit zusammen rum, aber es kommen nicht viele Impulse von außen. Vielleicht ändert sich das jetzt mit der Aufmerksamkeit, die Malta gerade international auf sich zieht.“  

„Ich gehe nicht demonstrieren, weil ich Angst vor den Konsequenzen habe“

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Maria glaubt nicht, dass die Proteste etwas bringen.

Bild: Maria Jou Sol

Maria, 17, Schülerin, schaut sich die Demos lieber von außen an

„Jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern, solange die Proteste friedlich ablaufen – das finde ich gut. Ich finde auch, dass die Proteste richtig sind, aber ich gehe selbst nicht hin, obwohl ich diesen Wunsch nach Gerechtigkeit verstehe. In meinem Umfeld gibt es niemanden, der mitdemonstriert. Ich bewundere diejenigen, die so mutig sind, ich traue mich selbst nicht.

Auf Malta kennen sich einfach alle, die Insel ist sehr klein. Ich mache gerade eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau. Da ist es sehr wahrscheinlich, dass ich irgendwann mal einen Job in der Regierung haben werde, weil dort Menschen mit meiner Ausbildung gebraucht werden. Es würde sich schnell rumsprechen, wenn mich jemand auf der Demo sieht und dieses Risiko will ich nicht eingehen. Außerdem glaube ich ohnehin nicht, dass die Proteste irgendetwas erreichen werden. Der Rückhalt der Labour Partei ist innerhalb der Bevölkerung immer noch sehr stark, egal wie groß der Skandal jetzt gerade ist.“

„Meine Generation hat sowas noch nie erlebt“

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Florinda ist es nicht gewohnt, auf die Straße zu gehen.

Bild: Maria Jou Sol

Florinda, 33, Apothekerin, macht erste Erfahrungen auf Demonstrationen

„Ich habe mich nie von irgendeiner politischen Gruppe repräsentiert gefühlt, weshalb ich früher selten zu Demonstrationen gegangen bin. Wir sind es nicht gewohnt, auf die Straße zu gehen. Wir sind immer ruhig und zuvorkommend. Das ist mittlerweile anders: Die Menschen gehen einfach so auf die Straße, als Einzelpersonen, die für sich selbst sprechen. Der Protest ist nicht nur größer, sondern auch vielfältiger geworden. Anfangs waren es eher ältere Menschen im Alter meiner Eltern. Mittlerweile sieht man auf der Straße einen Querschnitt der Gesellschaft. Das Gefühl in der Menge ist jetzt ein ganz anderes.

Ich musste selbst erst mal lernen, wie man sich auf so einer Demonstration verhält. Soll ich schreien? Will ich meine Faust heben? Was mache ich mit meinem Körper? Die letzten Demonstrationen dieser Größe hatten wir in den 80er Jahren, da war ich noch ein Baby. Meine Generation hat sowas wie jetzt noch nie erlebt. Mit dem Mord an Daphne hat unsere Frustration einen Höhepunkt erreicht. Sie wird immer ein Teil von diesem Protest sein. Ihre Recherchen haben die Beweislage geprägt, ihr Mord hat die Leute aufgeschreckt. Endlich. Daphne ist zum Symbol für die Suche nach der Wahrheit geworden. Endlich werden die Menschen wütend. Das Ausmaß der Korruption in unserer Regierung wird mit jedem Verhandlungstag deutlicher. Und wenn wir uns in der Welt umschauen, finden wir viele Vorbilder: Überall geraten gerade politische Systeme ins Wanken, die schon lange nicht mehr den Menschen dienen. Meine Hoffnung ist, dass eine neue Generation aus Politiker*innen aus diesen Protesten hervorgeht.“

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