Er war Schauplatz und Symbol der Revolution: der Unabhängigkeitsplatz in Kiew, der „Maidan“. Dieser Tage jährt sich die proeuropäische Protestbewegung, von Anhängern „Revolution der Würde“ genannt, zum fünften Mal. Am 21. November 2013 nahmen die Proteste ihren Ausgang, als der damalige Präsident Hirschbergstraße Viktor Janukowitsch überraschend angekündigt hatte, das geplante EU-Assoziierungsabkommen nun doch nicht zu unterschreiben.

Viele Wochen verliefen die Proteste friedlich, bis die Auseinandersetzungen zwischen den Maidan-Aktivisten und den Sicherheitskräften immer unerbittlicher wurden. Brennende Barrikaden, Molotowcocktails und schließlich Schüsse: Die Welt sah fassungslos zu, als im Februar die Gewalt am Maidan eskalierte und rund 100 Menschen erschossen wurden. Janukowitsch floh nach Russland, woraufhin Moskau die ukrainische Halbinsel Krim annektierte und einen Krieg in der Ostukraine entfesselte. Ein Krieg, der bis heute anhält.

Politisch ist die Bilanz fünf Jahre nach dem Maidan durchwachsen. Inzwischen ist das EU-Assoziierungsabkommen, an dem sich die Proteste entzündet hatten, in Kraft. Seit 2017 können die Ukrainer visumsfrei in die EU reisen. Viele Reformen wurden angestoßen, wie die Gründung einer neuen Polizei oder elektronische Vermögenserklärungen für Beamte. Doch vor allem der Kampf gegen die Korruption tritt auf der Stelle. Zuletzt wurden Anti-Korruptions-Aktivisten wieder stärker unter Druck gesetzt. Nach der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass, der bisher mehr als 10.000 Menschen das Leben gekostet hat, hat sich Kiew indes immer mehr von Moskau losgesagt und der EU angenähert.

Fünf junge Ukrainer, die damals dabei waren, blicken auf diese Zeit zurück und erklären, was sich für sie verändert hat.

Solomia Melnyk (34), Schauspielerin und Musikerin

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Foto: Tanja Stoljarowa
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Maxim Dondyuk

„Ich war praktisch die ganze Zeit auf dem Maidan, vom Anfang bis zum Ende. Als ich zum ersten Mal hier war, ist mir sofort klargeworden, dass ich unmöglich einfach so wieder weggehen kann. Es war irgendwie wie ein magischer Ort, an dem andere Gesetze herrschen. Wie ein Staat im Staat. Am Anfang hat alles auch noch wie ein großes, kreatives Kulturfest gewirkt, ein Festival der Kunst, der Freiheit und der Schönheit. Die Menschen haben sich zusammengeschlossen und gegenseitig unterstützt.

Jeder von uns hat getan, was eben zu tun war. Wir sind mit unserer Theatergruppe „Dakh Daughters“ auf der Bühne und selbst auf den Barrikaden aufgetreten, um unsere Nachtwärter (die Personen, die nachts auf dem Maidan patrouilliert haben, Anm.) zu unterhalten und von der Kälte abzulenken. Ich habe Tee und Suppe gekocht, direkt auf der Straße, habe Essen, Kleidung und Medikamente verteilt. Ich habe Journalisten mit Übersetzungen geholfen. Wir haben praktisch hier am Maidan gewohnt.

Heute ist der Maidan für mich ein Ort, schrecklich und schön zugleich. Vielleicht ist das immer so, wenn etwas so Großes wie eine Revolution passiert. Wenn ich hier bin, überwältigen mich meine Gefühle. Es gibt so viele schöne, aber auch so viele furchtbare Erinnerungen an diese Zeit. Als die Sonderpolizei Berkut die Leute auseinandergejagt hat. Als die ersten Menschen gestorben sind. Am hinteren Ende des Maidan-Platzes, haben sie die Leichen abgeladen. Das war so schrecklich. Ich konnte es einfach nicht glauben, dass es heute, im 21. Jahrhundert, möglich ist, dass eine Regierung im Zentrum einer Stadt einfach so Menschen töten kann. Es war furchtbar, als das Gewerkschaftshaus gebrannt hat, in dem eigentlich der Revolutionsstab untergebracht war. Als Schülerin hatte ich hier meinen Abschlussball.

Zugleich hat es aber auch viel Schönes gegeben. Wie sich die Leute zusammengeschlossen und einander geholfen haben. Welche Kunstwerke hier entstanden sind. Dieses Gefühl des Zusammenhalts, der Liebe und der Freude – das sind Gefühle und Erinnerungen, die man eigentlich nicht beschreiben kann und die ich nie vergessen werde. Wie eine große, ukrainische Familie, die das Bewusstsein vereint, dass wir etwas in diesem Land verändern wollen und auch können.

Für die Ukraine war das keine Revolution, sondern eine Evolution, ein Entwicklungsschritt. Die Revolution ist danach zu einem Krieg angewachsen. Wir müssen weiterhin für die Freiheit und Integrität unseres Landes kämpfen.“

Andrij Senkiw (23), Sportjournalist

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Foto: Tanja Stoljarowa
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Foto: privat

„Zur Zeit des Maidan habe ich in Lwiw (Lemberg) gelebt. Ich bin zwei Mal nach Kiew gefahren, um die Proteste zu unterstützen. Dabei habe ich mich mit einem Freund und Kollegen in meiner Sportredaktion abgelöst. Wir konnten nie gemeinsam nach Kiew fahren, weil einer von uns in der Redaktion bleiben musste. Das letzte Mal war ich am Maidan, kurz bevor geschossen wurde. Als ich wieder zurück nach Lwiw gekommen bin, ist wiederum mein Freund auf den Maidan hingefahren. Er war sehr mutig und hat sich vor nichts gefürchtet. Hier war er in seinem Element. Er ist aber nicht mehr zurückgekommen. Er wurde hier ermordet.

Natürlich ist es furchtbar, dass der Krieg im Donbass bis heute anhält, unser Land in einer Krise steckt und noch immer niemand für die Morde auf dem Maidan verurteilt wurde. Die neue Regierung und der Präsident sind an die Macht gekommen, weil die „Himmlische Hundertschaft“ (die mehr als 100 getöteten Maidan-Aktivisten, Anm. der Redaktion) gestorben ist. Trotzdem haben sie kein Interesse daran, die Morde aufzuklären? Aber der Vater meines Freundes macht weiter, obwohl er seinen Sohn verloren hat. Er ist Aktivist und fährt in die Ostukraine, um unsere Soldaten an der Front zu unterstützen. Wenn er nicht enttäuscht ist, haben auch wir kein Recht, enttäuscht zu sein. Wir sollten uns ein Beispiel an ihm nehmen. Sein Sohn ist gestorben, damit wir die Chance auf ein besseres Leben haben.

Heute denke ich, dass es das größte Problem der Revolution war, dass sie sich nur gegen etwas – den Präsidenten Viktor Janukowitsch – gerichtet hat. Und nicht für etwas. Damals war es natürlich wichtig, einen gemeinsamen Feind zu haben, nur so konnten so viele Menschen in ihrem Kampf vereint werden. Aber wir haben geglaubt, dass Janukowitsch die Macht abgibt und alles gut wird. Das war vielleicht naiv. Ich bin auch heute noch gegen Janukowitsch, aber ich bin der Meinung, dass wir die Revolution noch nicht bis zum Ende gebracht haben.

Das Leben in der Ukraine ist schwieriger geworden, mit dem Krieg und der Wirtschaftskrise. Aber die Politik heute ist trotzdem besser als vor 2014. Es hat konkrete Reformen gegeben, wie bei Medizin oder der Polizei. Die Korruption kann nicht einfach so, von einem Tag auf den anderen, beendet werden. Vor 2013/14 habe ich mir eigentlich nicht viel aus Politik und Reformen gemacht – im Gegenteil: Ich dachte, dass wir ohnehin keinen Einfluss haben. Das hat sich mit dem Maidan geändert.“

 

Jaroslaw Kutscher (31), IT-Unternehmer

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Foto: Tanja Stoljarowa
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Foto: privat

„Ich bin schon seit der Jugend politisch aktiv. Als Student habe ich an der Orangfarbenen Revolution teilgenommen, später habe ich die Jugendorganisation des „Blocks Julia Timoschenko“ geleitet.

Auf dem Maidan war ich für die Hauptbühne verantwortlich. Bevor sich die Oppositionsparteien eingeschaltet haben, war noch alles sehr chaotisch. Das ist meine persönliche Meinung, aber ohne die Politik hätte der Maidan zu nichts geführt. Später, nach dem Maidan, wurde ich Berater der Stadtadministration und danach Berater im Sportministerium. Bei den Parlamentswahlen 2014 habe ich auf der Liste der Partei „Batkiwschtschyna“ kandidiert, aber den Einzug in das Parlament nicht geschafft. Später bin ich aus der Partei ausgetreten, weil ich nicht mit dem Kurs einverstanden bin, die Regierung um jeden Preis zu kritisieren. Sie sind demokratisch gewählt, also lasst sie ihre Arbeit machen!

Wenn ich heute über den Maidan gehe, bekomme ich immer noch eine Gänsehaut. Hier haben sich die dramatischsten Szenen abgespielt. Eines Nachts haben sie eine Leiche vor die Bühne gebracht. Ich wusste überhaupt nicht, was ich tun soll. Ich habe herumtelefoniert, aber alle haben geschlafen. Dann habe ich in einem Zelt einen Priester aufgeweckt, und wir haben ein Begräbnis organisiert. In den Tagen danach ist das dann schon zur Routine geworden. Schrecklich.

Seit 2014 hat es viele gute Veränderungen gegeben, wie das Freihandelsabkommen mit der EU oder die Visumsfreiheit. Aber an die guten Dinge gewöhnt man sich sehr schnell. Und Reformen verlaufen nie schmerzlos. Aber abgesehen davon sind wir auf dem Maidan nicht für die Visumsfreiheit, sondern für unsere Würde gestanden. Ich werde niemals zulassen, dass das Andenken an den Maidan und an die Menschen, die dort gestorben sind, beschmutzt wird. Es gibt keinen Weg zurück, solange wir leben. Ich denke, die Mehrheit der Ukrainer denkt so, wie ich.

Ich bin stolz, dass wir es gemeinsam geschafft haben, diesen Sieg zu erringen. Wir sind für die richtigen Werte eingetreten. Es war keinesfalls umsonst. Unsere politische Kultur muss sich ändern und ich schätze, 30 Prozent der politischen Kultur hat sich bereits geändert. Aber es ist eine Generationenfrage, in zehn Jahren werden wir schon wieder viel weiter sein. Als ich noch Student war, hat mich die Friedrich-Naumann-Stiftung nach Deutschland eingeladen, damit ich sehen kann, wie die Parteien in Deutschland funktionieren. Ich möchte betonen: Die EU hat nicht umsonst in uns investiert. Die Ukraine macht Fortschritte und kehrt dorthin zurück, wo sie hingehört: zur europäischen Familie.“

Tamara Schewtschuk (23), Künstlerin

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Foto: Tanja Stoljarowa
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F

„Ich habe schon in den Jahren vor dem Maidan immer wieder an Studentenprotesten teilgenommen. Damals war ich im zweiten Studienjahr auf der Kunst-Uni. Als die Studenten (in der Nacht von 29. auf 30.November, Anm. der Red.) von der Polizei zusammengeschlagen wurden, war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Auch für mich. Am nächsten Tag war ich dann auf dem Maidan. Irgendwie haben wir gewusst, dass es diesmal nicht mit Studentenprotesten alleine getan sein wird. Die Unzufriedenheit im Land war einfach zu groß.

Auf dem Maidan habe ich mich um ganz alltägliche Dinge gekümmert. Ich habe Brote geschnitten und Tee verteilt. Ich habe auch Plakate gemalt. Als es die ersten brutalen Zusammenstöße gab, ist mir klargeworden, dass Brote und Plakate alleine nicht mehr reichen werden. Deswegen habe ich mich dann um die medizinische Versorgung gekümmert und einen Schnellkurs zur Krankenschwester gemacht. Ich habe angefangen, Verletzte zu versorgen und anderen beizubringen, wie man diese Hilfe leisten kann. Bis heute trage ich immer eine kleine Apotheke mit mir herum: Verbandszeug und Desinfektionsmittel.

Die Protestbewegung hat sich nicht gegen Russland gerichtet, sondern dagegen, dass die Ukraine zu einem Land wie Russland wird. In Russland ist die Freiheit der Menschen sehr eingeschränkt. Aber ich möchte in einem freien Land leben. Seit der Revolution hat es sehr wohl Veränderungen gegeben. Vielleicht nicht in der umfassenden Form, wie wir es uns vielleicht wünschen würden, aber es gibt sie. Es kann nun mal nicht alles an einem Tag verändert werden. Die Bildung ist besser und transparenter geworden. Die Behörden reagieren jetzt auf Beschwerden der Bürger. Die Menschen fordern jetzt mehr vom Staat ein. Das ist wohl das größte Verdienst des Maidan. Zugleich hat der Maidan mit dem Krieg im Donbass eine neue Ebene erreicht. Mein Bruder und mein Vater sind als Freiwillige in den Krieg gezogen.

                                                                                             

Ehrlich gesagt, meide ich heute den Maidan. Wenn ich im Kiewer Stadtzentrum bin, versuche ich, den Platz zu umfahren. Es ist immer noch so schwer für mich. Zwei meiner Freunde sind hier umgekommen. Ich habe selbst immer wieder Psychotherapien begonnen, aber ukrainische Psychologen sind nicht für derartige Situationen geschult. Deswegen versuche ich neben meinem regulären Job als Künstlerin im Nationalen Museum für ukrainische Geschichte auch noch, Soldaten und Menschen, die am Maidan waren und posttraumatische Belastungsstörungen haben, mit Kunsttherapien zu unterstützen.“

Wladyslaw Samoylenko (28), Projektmanager

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Foto: Tanja Stoljarowa
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Foto: privat

„Wir sind gegen die russische Unterwerfung aufgestanden. Jetzt sind wir auf dem Weg, wirklich unabhängig zu werden. Auf dem Papier ist die Ukraine zwar schon 1991 unabhängig geworden, aber wir stecken immer noch in einer schwierigen Transformationsphase. Bis 2014 hingen einfach viele politische Entscheidungen direkt vom Kreml ab. In unserem Parlament sitzen heute noch immer nicht die allerbesten Leute, aber mit der Unterstützung der EU, der USA, Kanada und vielen anderen Ländern ist es uns gelungen, Druck auf den Präsidenten, das Parlament und die Regierung auszuüben und Reformen anzunehmen. Ich glaube an die Zukunft der Ukraine in Europa.

Am Anfang habe ich auf dem Maidan geholfen, Essen und Medikamente zu verteilen. Manchmal habe ich auch dort übernachtet. Mich hat diese Atmosphäre der Freiheit, des Vertrauens und der Hilfsbereitschaft fasziniert. In den schwersten Tagen, als wir angegriffen wurden – zuerst mit Wasserwerfern, später dann mit Schusswaffen –, hatten wir natürlich Angst, aber wir waren überzeugt, dass wir für die richtige Sache einstehen und nicht aufgeben dürfen. Und dass wir siegen werden. Es klingt vielleicht seltsam, aber für viele war es wohl schwerer, die Ereignisse im Fernseher zu sehen, als selbst vor Ort zu sein, als die Polizisten einzelne Aktivisten geschlagen und getötet haben. Am Ende habe ich auch nicht mehr Essen und Medikamente verteilt, sondern Autoreifen für die Barrikaden. Und ich habe geholfen, die Verletzten abzutransportieren.

Nach dem Maidan haben sich viele junge Aktivisten weiter politisch engagiert. Ich habe begonnen, in der Kiewer Stadtadministration für die städtische Investitionsagentur zu arbeiten. Zuerst als Jurist, dann als Projektmanager. Seit 2017 arbeite ich für ein Kommunikationsprojekt über die Zusammenarbeit zwischen der EU und der Ukraine. Andere wiederum sind in die Ostukraine gegangen, um gegen die russischen Soldaten und die prorussischen Separatisten zu kämpfen.

Bis zu einem besseren Leben und Wohlstand ist es noch ein weiter Weg. Aber das Land und die Gesellschaft verändern sich. Die Menschen sind sich darüber klargeworden, dass sie selbst für ihr Leben verantwortlich sind und nicht darauf hoffen können, dass sich der Staat um alles kümmert. Viele haben verstanden, wie wichtig es ist, aktiv zu sein und eine eigene kritische Position zu vertreten. Sie werden sich vielleicht wundern, aber die Mehrheit dieser einfachen, grundlegenden Dinge hat es vor dem Maidan nicht gegeben. Ich habe nie bereut, dass ich Teil dieser historischen Ereignisse gewesen bin. Der Maidan hat uns die Augen geöffnet, damit wir verantwortungsvolle Bürger werden.“

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