Die Angst vor dem Wahlausgang ist groß

Wie die Stimmung unter jungen Österreichern ist, sieht man am besten an den vielen Anti-Hofer-Songs und -Aktionen, die gerade entstehen.
Von Simone Grössing
cover junge oesterreicher wahl fotos instagram collage daniela rudolf
Fotos: Instagram / Collage: Daniela Rudolf

Egal, wo man in den vergangenen Wochen war, in der Uni, der WG, im Club, beim Fußballspielen – es dominierte in Österreich überall immer das eine Thema: die Präsidentschaftswahl am Sonntag. Irgendwann landete man in jeder Unterhaltung bei der Frage, ob der Kandidat der rechtspopulistischen FPÖ, Norbert Hofer, oder doch der unabhängige und liberale Kandidat Alexander Van der Bellen die Stichwahl gewinnen wird. Grundton: besorgt bis erregt.

Das ist seltsam. Eigentlich hat die Bundespräsidentschaftswahl in Österreich nämlich nie irgendwen besonders interessiert. Überhaupt sinkt auch hier in Österreich bei den meisten Wahlen die Wahlbeteiligung konstant. Aber diesmal ist etwas anders. Nicht nur in den Gesprächen. Auch im Social-Web: Plötzlich sind die Timelines voller Wahlaufrufe – zumindest in meiner näheren Umgebung für Van der Bellen. Youtuber wie Michael Buchinger oder Madeleine Alizadeh rufen dort auf, den ehemaligen Vorsitzenden der Grünen zu wählen. Österreichische Musiker wie etwa Nazar posten Videos mit ihm – und nennen ihn darin „Brudi“:

Brudi Van der Bellen ✌️🇦🇹 #VanDerBellen #Bpw2016 #UnserPräsident

Ein von Nazar (@nazar10) gepostetes Video am

Andere organisieren Flashmobs, schreiben Van der Bellen-Songs oder produzieren Fanvideos, um ihren Support zu bekunden. Zum Beispiel das Video „Van der Struck“, in dem der Song „Thunderstruck“ von AC/DC eine neue Bedeutung bekommt. 

Auch einen „VDB“-Rap-Song gibt es inzwischen, wie etwa dieser von vier jungen Wiener Rappern:

Sie haben vor ein paar Tagen den Song „Alexander Van der Bellen“ auf Youtube hochgeladen. Auch hier: ein klarer Wahlaufruf. Im Track rappen sie Zeilen wie „sei kein Hofer-Wähler, denn es wär ein großer Fehler“, „mach dein Kreuz für den Frieden“, oder auch „andere währen diesen Anfängen nicht und du weißt ja, wie aggressiv und gefährlich dieser rechte Rand schon ist“ und zählen folgend die politischen Vorzüge des Kandidaten Van der Bellen auf.

„Für uns war wichtig, den Leuten klarzumachen, auf welcher Seite wir und die Hip-Hop-Community im Allgemeinen stehen“, sagt der Rapper P.tah dazu. Zwar würden sie schon lange politische Texte schreiben, normalerweise aber keine Wahlempfehlungen abgeben, da sie keiner Partei nahestehen. Aber: „Die Lage ist so brenzlig, dass wir uns diesmal verpflichtet fühlen, das zu tun.“

Die vier Rapper wollen mit dem Lied einen Sieg Hofers verhindern. Sie befürchten nicht nur, dass Kunstförderungen gestrichen und keine Hip-Hop-Jams mehr stattfinden werden. Es geht ihnen um mehr: „Wir haben Angst, dass Sozialleistungen gesenkt werden und eine menschenrechtsverletzende Flüchtlingspolitik kommt. Man muss sich nur anschauen, für was die FPÖ im Parlament abstimmt. Das ist Wahnsinn“, sagt Rapper Mirac.

Keine Wahlempfehlung für Van der Bellen,

mehr eine Nicht-Wahlempfehlung für Hofer

Ähnlich sieht das auch der 26-jährige Joachim Rigler. Joachim singt im Chor „Gesangskappelle Hermann“. Auch er hat zusammen mit jungen Musikern einen Song für Van der Bellen geschrieben, den sie bei gut besuchten Flashmobs in Wien singen. Und auch ihr Ziel ist es, Wähler für den Kandidaten zu gewinnen. „Wer die Wahl hat, hat die Qual, doch gewiss nicht dieses mal, denn was immer du auch bist, bist du doch kein Extremist und politisch ganz normal“, singen sie in ihrem Wahlkampfsong. Sie wollten auf „sanfte aber auch humorvolle Art“ vor einer Wahl Hofers warnen, so der Student.

Der Chor hat dafür den 50-jährigen „Wahlsong“ der ÖVP umgeschrieben. 1966 hatten die Konservativen diesen im Wahlkampf gegen die Sozialdemokraten gesungen: „Die Message war damals, dass die Menschen nicht die SPÖ wählen sollen, weil diese von Stalinisten unterstützt wird. Damals hatte man Angst, Österreich könnte bald kommunistisch sein. Das kann man also gut auf die aktuelle Situation umlegen“, sagt Joachim.

Auch er gibt normalerweise keine Wahlempfehlungen ab, ist bei keiner Partei und kein überzeugter Grüner: „Wir hätten auch für andere Gegenkandidaten einen Song geschrieben. Das Ganze ist eigentlich als eine Nicht-Wahlempfehlung für Hofer zu verstehen.“

Ob man mit solchen Aktionen wirklich einen Sieg der Rechtspopulisten verhindern kann? Joachim ist sich nicht sicher. „Zu sagen, wir würden damit die Wahl entscheiden, ist natürlich übertrieben. Aber einzelne Leute haben wir schon überzeugt. Und niemand weiß, wie knapp die Wahl letztendlich ausgehen wird.“

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