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Der Rechtsruck macht mein Wien kaputt

dpa/ Bearbeitung: Daniela Rudolf

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Ich erinnere mich an eine Situation aus der Abi-Zeit: Jemand hatte der gesamten Stufe die Prüfungsaufgaben im Vorfeld besorgt, aber irgendwie haben die Lehrer davon mitbekommen und am Ende wurden wir kollektiv bestraft. Wer uns damals verpetzt hat, haben wir bis heute nicht herausgefunden. Aber von diesem Moment an lag ein Gefühl der Beklemmung in der Luft. Die unangenehme Gewissheit, dass jemand unter uns ist, der uns verraten hat.

Eine ähnliche Beklemmung spüre ich seit den Präsidentschaftsvorwahlen vor ein paar Wochen, die der rechtspopulistische FPÖ Kandidat Norbert Hofer mit mehr als 35 Prozent weit vor allen anderen Kandidaten gewann. Auch auf Grafiken zu den Wiener Ergebnissen waren fast die Hälfte aller Bezirke nach den Wahlen blau eingefärbt. Der zweite Stichkandidat Alexander Van der Bellen erreichte gerade mal 21 Prozent. Obwohl ich in meinem direkten Umfeld niemanden kenne, der eine rechte Stimme abgeben würde, bleibt da doch dieses Gefühl: Irgendwer muss den doch gewählt haben. Laut Wahlanalyse hauptsächlich Männer. Aber eben aus allen Bevölkerungsschichten. Keine Chance also mehr, die Ergebnisse mit dem Klischee vom rechtskonservativen, verbitterten Dorfdeppen zu erklären.

Seitdem begleitet mich dieses schleichende Verdachtsgefühl, wenn ich mich durch die Stadt bewege. Wo hat die Supermarktverkäuferin, die immer so nett noch mal losflitzt, wenn ich mal wieder vergessen habe, das Gemüse abzuwiegen, wohl ihr Kreuz gemacht? Wählt der Nachbar, der immer freundlich die Tür aufhält und sich dann doch über zu laute Musik beschwert, einen ehemaligen Burschenschaftler? Wie viele in diesem Hörsaal werden dieses Wochenende ihre Stimme der FPÖ geben?  

Was mich daran so wütend macht, ist nicht das Talent der FPÖ, ihre früheren Abtimmungen gegen die Mindestsicherung, die Erhöhung des Pflegegeldes oder den Schutz vor Lohndumping mit plakativen Slogans wie „Deine Heimat braucht dich jetzt“ zu übertönen. Wütend macht mich, dass der Rechtsruck ein Stadtgefühl versaut, das ich eigentlich so sehr schätze. Ich wollte nach Wien, weil ich die Stadt bei meinen Besuchen immer als offen, tolerant und, so überstrapaziert das Wort auch ist, multikulturell empfunden habe. Dieses sympathische Nebeneinander von Spießigkeit und Szenekneipen, Gammelranz und Schickeria, Durchreisehektik und urwienerischer Gelassenheit. Und so habe ich es bis vor kurzem auch empfunden. 

Die anstehenden Wahlen verändern ziemlich plötzlich etwas an meiner Art, die Stadt wahrzunehmen und mich in ihr zu bewegen. Kneipen und Hörsäle werden zu Orten, an denen ich unfreiwillig alle unter Generalverdacht stelle. In der U-Bahn werde ich hellhörig, wenn über Politik gesprochen wird und muss mir oft genug auf die Zunge beißen, mich nicht einzumischen, wenn ältere Frauen sich freuen, dass „endlich bald mal wieder aufgeräumt wird.“ Und auch optisch ist es schwer, die Präsenz der Rechten einfach auszublenden.

Es sind kurze und einprägsame Slogans, die sich über riesige Werbetafeln in die Netzhaut brennen. Als „Stimme der Vernunft“ tituliert sich Hofer darauf selbst. „Das Recht geht vom Volk aus“ steht auf einem anderen Plakat. Wer genau dieses Volk sein soll und um welche Rechte es da geht, bleibt erst mal unklar. Ich als Zugezogene gehöre sicher nicht dazu und die Hälfte aller Wiener dem Pass zufolge auch nicht. Abgesehen von der Inhaltslosigkeit dieser Sprüche stört mich aber vor allem, dass sie die Stadt spalten. In Volk und Nicht-Volk. In Vernünftige und Unvernünftige. In die, die sich bei „Heimat“ und der Österreichflagge im Hintergrund angesprochen fühlen sollen und jene, die laut FPÖ nicht dazugehören. Die scheinbar völlig normale Überpräsenz dieser impliziten Ausschlüsse versucht genau in das Miteinander einen Keil zu treiben, das jede Großstadt überhaupt erst so gut macht. 

Natürlich gibt es Versuche von Gegenstrategien: Abgerissene Plakate, Stickerfluten, Farbbomben. Aber ob der obligatorische Edding-Hitlerbart über der Hoferschen Oberlippe am Ende die Supermarktverkäuferin (und das ist jetzt auch wieder eine gemeine Unterstellung) zu einem anderen Kreuzchen bewegen wird, ist fraglich. Vielleicht sind es die notorischen Nichtwähler aus meinem Freundeskreis, die am Sonntag doch zur Wahl gehen werden „weil es echt um was geht“, oder die letzten Unentschlossenen, die in der Vorrunde noch für die drei anderen Kandidaten gestimmt haben.

 

In der Schule hat sich dieses Gefühl der Beklemmung damals erst aufgelöst, als endlich alle ihr Abi in der Tasche hatten. Am Ende war es egal, wer uns verraten hat, weil eh alles noch mal gut gegangen ist. Vielleicht mache ich am Sonntag der Stichwahl einen großen Stadtspaziergang, lasse mein Handy zu Hause, spreche mit niemandem und hoffe, dass einfach alles wieder gut ist, wenn ich am Abend auf dem Sofa liege und mir die Nachrichten anschaue.

 

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