Grüne und FDP, enttäuscht jetzt unser Vertrauen nicht!

Die Menschen unter 30 erteilten der Union mit ihren Stimmen eine deutliche Absage.
Collage: jetzt / Fotos: unsplash/rayul / Michael Kappeler/dpa / Chris Emil Janssen/imago-images / Steffi Loos/AP Photo

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Was wollen wir denn, wir Jungen? Selten ist darüber so viel gesprochen worden wie in den vergangenen Wochen: in der Zeit nach der Bundestagswahl, als viele plötzlich mit geweiteten Augen auf uns, die jüngste Wähler:innengruppe, starrten. Nicht wegen der 23 Prozent der unter 30-Jährigen, die die Grünen gewählt hatten. Sondern wegen der 20 Prozent der Wahlberechtigten zwischen 18 und 29, die ihre Stimme der FDP gegeben hatten. Dabei sollte es nicht überraschen, dass junge Leute keine homogene, grün wählende Masse sind. Junge Menschen – das sind Studierende, Arbeitslose, Angestellte, Selbstständige. Wir wohnen bei unseren Eltern auf dem Dorf genauso wie in einer WG in Halle oder in der ersten eigenen Eigentumswohnung. Wir kaufen unsere Kleidung Secondhand oder am liebsten bei Zara, wir träumen von einer Karriere oder vom Mutter-Sein oder sind ganz einfach nur damit beschäftigt, überhaupt einen Job zu finden, der unsere Miete zahlt. 

Aber fast alle von uns haben etwas gemeinsam: Uns eint ein Bewusstsein dafür, dass das Klima besser geschützt werden muss – egal, ob wir mit „Fridays for Future“ auf die Straße gehen oder uns mit 18 den Traum vom eigenen Auto erfüllen. Uns eint auch, dass wir digital unterwegs sein wollen – und wenig Verständnis haben für langsame Bürokratie. Und am Wichtigsten? Wir alle wollen unsere Zukunft gestalten, die Welt besser machen – wir wollen den Aufbruch, den eben vor allem FDP und Grüne im Wahlkampf immer wieder versprochen haben, auf ganz unterschiedlichen Ebenen.

Die Stimmen der Jungen sind eine deutliche Absage an die Union

Dieser Aufbruch soll jetzt unter dem Schlagwort „Fortschrittskoalition“ realisiert werden, wie Grüne, FDP und SPD am Freitagmittag verkündet haben. Nach dem Abschluss der Sondierungsgespräche wollen die Unterhändlerinnen und Unterhändler ihren Parteien vorschlagen, in Koalitionsgespräche zu gehen. Kommt die Ampel danach wirklich zustande, ist das eine große Chance für uns. Nicht alle von uns haben sich vor der Wahl eine Ampelkoalition gewünscht, nicht alle von uns tun es jetzt. Aber für viele von uns ist eine Ampel das bestmögliche Resultat aus dem Wahlergebnis. Grüne, FDP und SPD waren die stärksten Parteien bei den unter 30-Jährigen. Nun ist es an den Parteien, sich für das Vertrauen zu revanchieren – und kein „Weiter so“ zuzulassen. Nicht wegen der einen oder anderen Unstimmigkeit die Verhandlungen platzen lassen – und am Ende doch noch eine Regierungsbeteiligung der Union zuzulassen. 

Denn die Stimmen der Jungen dürfen ruhig als eine deutliche Absage an das Vorher verstanden werden. Eine Absage an die große Koalition unter Führung der Union. Nur elf Prozent der Menschen unter 30 hatte die bisherige Regierungspartei überzeugt. Die Gewinner-Parteien Grüne und FDP tragen dieses Wahlergebnis wie eine Trophäe vor sich her. Mit dem Wissen, bei den unter 30-Jährigen gut anzukommen und so auch für die Zukunft des Landes zu stehen, gingen sie selbstbewusst in die Sondierungen. Und bei dieser Einstellung muss es bleiben.

Nur so wird das Versprechen einzuhalten sein, das sie am Freitag mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen und eine etwaige Ampel-Regierung anklingen ließen: Nicht weniger als ein „Jahrzehnt der Erneuerung“ beschwor Co-Grünen-Chefin Annalena Baerbock herauf. Lange Zeit habe es „keine vergleichbare Chance gegeben, Gesellschaft, Wirtschaft und Staat zu modernisieren“, sagte FDP-Chef Christian Lindner. Und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz nannte die angestrebte Koalition „das größte industrielle Modernisierungsprojekt“, das Deutschland seit mehr als 100 Jahren angepackt habe. 

Vieles, was im Sondierungspapier steht, ist für uns Junge extrem wichtig: weniger Kinderarmut, mehr bezahlbarer Wohnraum, Bildungsgerechtigkeit und reale Aufstiegschancen für alle, eine sichere und stabile Rente, bessere und tarifgebundene Bezahlung, Klimagerechtigkeit und ein Mindestlohn von zwölf Euro zum Beispiel. Das Wahlalter für Bundestags- und Europawahl wollen die drei Parteien auf 16 Jahre senken. Weiter nennt Scholz als Ziele: eine schnellere und digitale Verwaltung, eine kluge industrielle Modernisierung und einen massiven Ausbau der erneuerbarer Energien in Deutschland. Queere Menschen können auf die Abschaffung des sogenannten „Transsexuellengesetzes“ und ein vereinfachtes Adoptionsrecht für schwule und lesbische Paare hoffen, ungewollt Schwangere auf das Streichen des Paragraphen 219a zum sogenannten Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche.

Die Ampel könnte dabei nicht nur für eine moderne Politik stehen, sondern auch für einen neuen Stil: „Vertrauensvoll und konstruktiv“ seien die Gespräche gewesen, das betonten alle sechs Politikerinnen und Politiker am Freitag – Das ist auch eine Spitze gegen die Partei, die wir mit-abgewählt haben: die Union, deren Mitglieder in der Vergangenheit immer wieder Inhalte aus eigentlich vertraulichen Gesprächen an die Presse durchgestochen hatten. 

Es wäre für die Demokratie ein „niederschmetternder Befund“, wenn Grüne, FDP und SPD nicht zusammenkommen würde, schrieb Daniel Brössler in der SZ. Das wäre es. Es wäre vor allem aber auch ein niederschmetternder Befund für uns – die Jungen. Diejenigen, die in diesem Fall gerade knapp daran vorbeigeschlittert wären, ihre Zukunft in Händen zu wissen, in die sie sie selbst auch legen wollten.  

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