Männer an der Macht

Männer in der Überzahl – das wird auch im kommenden Bundestag der Fall sein.
Fotos: Kay Nietfeld/dpa / AdobeStock / Collage: jetzt

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„Frauen sollen sich zurückhalten, weil sie sehr kritisch beobachtet werden. Sie tun gut, nicht zu viel zu reden und das wenige nur im richtigen Augenblick.“ Das sagte die Bundestagsabgeordnete Marie-Elisabeth Klee 1965 einem Reporter der Wormser Zeitung. Klee, CDU, war damals eine von insgesamt 43 Frauen im Bundestag, und noch dazu die jüngste Abgeordnete. Nur 8,3 Prozent der Parlamentarier:innen waren damals keine Männer, die Strukturen dementsprechend männlich geprägt. Frauen hatten weniger Redeanteil – und weniger Freiheiten, auch was beispielsweise die Kleiderwahl betraf.  So durften weibliche Abgeordnete lange keine Hosen tragen. Erst die SPD-Politikerin Lenelotte von Bothmer hielt 1970 ihre erste Rede im Parlament in einem Hosenanzug. Sie wurde von ihren männlichen Kollegen verlacht und von zahlreichen Bürgern per Brief beschimpft – hatte aber den Weg für Hosenträgerinnen im Bundestag geebnet. 

„Frauen“, das sagt heute Cécile Weidhofer, „müssen sichtbar sein, sie brauchen Vorbilder.“ Weidhofer leitet das Helene Weber Kolleg (HWK), ein parteiübergreifendes Netzwerk, das sich für mehr Frauen in der Politik einsetzt. Sie hat auch heute noch viel zu tun. 2021, mehr als 50 Jahre nachdem die Abgeordnete Klee weiblichen Abgeordneten empfahl, sich lieber nicht zu sehr in den Vordergrund zu drängen, sitzen im 19. Deutschen Bundestag 223 Frauen und 486 Männer. Frauen machen 31 Prozent der Abgeordneten aus. Diese Quote war schon mal höher: Zwischen 2013 und 2017 lag sie bei 36,5 Prozent. Dass sie nach der Bundestagswahl am kommenden Sonntag wieder steigen wird, ist unwahrscheinlich. Ein Monitoring der Nichtregierungsorganisation EAF, zu der auch das HWK gehört, kommt zu dem Schluss, dass auch im neu zusammengestellten Parlament wohl nicht viel mehr Frauen sitzen werden als jetzt. Als „Fortschritt im Schneckentempo“ bezeichnet Weidhofer die Entwicklung im Interview. 

Zwar wurden vor dieser Bundestagswahl mehr Frauen als Kandidatinnen aufgestellt als noch 2017: Von 2077 Kandidaturen sind 858 von Frauen, das ergibt einen Frauenanteil von immerhin 41 Prozent. Doch viele dieser Frauen kandidieren auf Positionen, die aussichtslos sind, zum Beispiel auf den hinteren Listenplätzen oder in Wahlkreisen, die fest in der Hand einer anderen Partei sind. Viele von ihnen werden es also nicht ins Parlament schaffen. „Wir sind enttäuscht von den Ergebnissen“, sagt Lisa Hempe. Sie arbeitet bei der EAF und hat das Monitoring mit durchgeführt.  

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Kulturwissenschaftlerin Cécile Weidhofer will mehr Frauen in der Politik.

Foto: Verena Brüning

Fünf Monate lang wühlte sich das Team für das Monitoring durch Daten, las auf den Websites der Parteien nach, recherchierte in der Lokalpresse, telefonierte. Denn nirgends ist übersichtlich aufgeschlüsselt, wer für welche Partei ins Rennen geschickt wird, sodass sich auf einen Blick erkennen ließe, wie viele Frauen und Männer nominiert wurden. Hempe und Weidhofer finden dennoch, dass die Arbeit sich gelohnt hat. Das Monitoring macht sichtbar, was sonst niemand schwarz auf weiß sehen könnte: dass noch immer weit weniger Frauen als Männer überhaupt gewählt werden können. Das Ergebnis soll nun denjenigen als Argumentationsgrundlage dienen, die für mehr Frauen im Parlament streiten. Zum Beispiel eben Hempe und Weidhofer. Sie sehen bei der Umsetzung deutlich die Parteien in der Verantwortung: „Die Parteien sind Gatekeeper. Sie entscheiden: Möchte ich eine Frau aufstellen, und auf welchem Platz tue ich das?“, sagt Hempe. Parteien mit internen Quotenregelungen schneiden im Monitoring deutlich besser ab als solche, die keine Quote haben. 

Wie weiblich der nächste Bundestag wird, hängt eng damit zusammen, welche Parteien gewählt werden

Wie weiblich der nächste Bundestag wird, hängt also auch eng damit zusammen, welche Parteien gewählt werden. Die Grünen, die Linke und die SPD haben mehr Frauen nominiert. Je mehr Menschen dagegen die AfD oder die FDP wählen, desto weniger Frauen werden im Bundestag vertreten sein. Die AfD etwa stellte in drei Bundesländern gar keine Frauen auf. Die Union ist ein Sonderfall: „Auf ihren Landeslisten stehen recht viele Frauen. Doch bei der Union sind die Direktmandate viel wichtiger. Und wenn man sich diese anschaut, kommt die Partei auf einen Bundesdurchschnitt von 25 Prozent Frauen“, erklärt Hempe. 

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Lisa Hempe ist von den Ergebnissen des Monitorings enttäuscht. „Wir hatten uns mehr erwartet“, sagt sie.

Foto: Verena Brüning

Auch Filiz Polat, die für die Grünen im Bundestag sitzt, sieht die Parteien in der Pflicht: „Es muss der Anspruch an unsere plurale Demokratie sein, dass Bevölkerungsgruppen, die an den Schaltstellen unserer Gesellschaft unterrepräsentiert sind, in die Politik gehen.“ Und das seien eben junge Frauen, vor allem Frauen zwischen Mitte 20 und 40, also diejenigen, die sich mit Familienplanung beschäftigen und ins Berufsleben einsteigen, insbesondere auch Frauen mit Migrationsgeschichte. „Diese Frauen werden bei uns mit offenen Armen empfangen. In vielen anderen Parteien scheitern sie oft an den verkrusteten Strukturen“, sagt Polat. Sie meint das als Seitenhieb auf CDU und FDP. 

Bei der Analyse des Monitorings fällt abseits der Unterschiede zwischen den Parteien vor allem eines auf: Die Direktkandidat:innen, also die Personen, die die Wahlberechtigten direkt für ihren Wahlkreis wählen können, sind noch immer hauptsächlich Männer. Die Frauenquote liegt bei allen Parteien zusammengerechnet bundesweit bei 30 Prozent. In keinem der 299 Wahlkreisen in Deutschland schicken alle sechs großen Parteien jeweils eine Frau als Direktkandidatin ins Rennen. Dagegen gibt es ganze 24 Wahlkreise, in denen keine Frau gewählt werden kann, weil alle sechs Parteien einen Mann aufgestellt haben. Die meisten Direktkandidatinnen gibt es mit einer Quote von 48,2 Prozent bei den Grünen, am wenigsten Frauen die AfD: Nur 13 Prozent ihrer Direktkandidat:innen sind weiblich. 

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Grünen-Politikerin und Bundestagsabgeordnete Filiz Polat fördert junge Frauen, die sich engagieren wollen.

Foto: Holger Hollemann/dpa

Dieser Vergleich ist wichtig, da gewählte Direktkandidat:innen auf jeden Fall in den Bundestag einziehen. Deshalb sind diese Kandidaturen oft aussichtsreicher als Listenplätze – vor allem, wenn die Partei in diesem Feld traditionell stark ist. Beispiel CSU: Zwar ist die Liste der bayerischen Konservativen zu gleichen Teilen mit Männern und Frauen besetzt. CSU-Generalsekretär Markus Blume hatte das im Juni als „ganz klares Zeichen“ auch für die nächsten Jahre bewertet. Es gehöre zur DNA der CSU, Parität herzustellen, wo immer das möglich sei. Doch bei der vergangenen Bundestagswahl im Jahr 2017 war die Anzahl der CSU-Politiker:innen, die über die Liste in den Bundestag eingezogen sind, exakt: null. Alle 46 Abgeordneten schafften es über Direktmandate. Die Direktkandidierenden sind bei der CSU aktuell jedoch in der Mehrzahl Männer, nur 21,7 Prozent sind Frauen. Filiz Polat bezeichnet die paritätisch besetzte CSU-Liste deswegen als „Selbsttäuschung“ und appelliert an die konservativen Frauen, sich zu wehren. „Das schadet der Partei und der eigenen Modernisierung“, so Polat. Auch Weidhofer sagt dazu nur: „Symbolpolitik“.

„Ich lebe in einem kleinen Dorf in Brandenburg und um mich herum sind nur Männer plakatiert“

Der Tatsache, dass Frauen aber zumindest auf den hinteren Listenplätzen Platz finden, kann Weidhofer dennoch etwas Gutes abgewinnen – Sichtbarkeit. Denn auch, wenn viele Kandidatinnen schon während des Wahlkampfes wissen, dass sie keine oder kaum Chancen auf ein Mandat haben, seien sie als Vorbilder sichtbar – als Frauen, die Politik machen wollen und Lust auf Macht haben. „Ich lebe in einem kleinen Dorf in Brandenburg und um mich herum sind nur Männer plakatiert. Was ist das für ein Bild, das wir der Gesellschaft da vermitteln wollen?“, sagt Weidhofer. Frauengesichter auf Plakaten hätten auch eine Signalwirkung, genauso wie Frauen an Wahlkampfständen oder in Talkrunden. 

Also die Frauenquote für alle? „Quoten sind ein wirkungsvolles Instrument, um den Frauenanteil zu erhöhen. Doch wenn man die Direktmandate nicht angeht, dann sind die Wirkungen deutlich abgeschwächt“, sagt Weidhofer. Sie wünsche sich kreativere und innovativere Lösungen. Zum Beispiel, dass Parteien sich frühzeitig nach geeigneten und willigen Kandidatinnen umschauen, Frauen ermutigen und unterstützen, ein Netzwerk aufbauen – und nicht verlangen, dass täglich 24 Stunden in den Wahlkampf investiert werden. 

Auch Polat fordert größere Unterstützung und mehr Verständnis für Frauen: „Wenn man eh schon an so vielen Fronten kämpfen muss im Alltag, wieso sollte man nach Feierabend auch noch ehrenamtlich Politik machen?“ Dieses Problem müsse überwunden werden. Plakate kleben, Flyer verteilen, Infoveranstaltungen: Wahlkampf ist anstrengend und zeitraubend. Für viele Frauen, die traditionell noch immer mehr mehr Zeit als Männer in Kindererziehung, Pflege der Eltern und Care-Arbeit stecken, sei es unmöglich, an sieben Tagen die Woche für die eigene Partei da zu sein. Die Grünen-Politikerin weiß, wovon sie spricht, mehr als 20 Jahre war sie in der Kommunalpolitik: 2004 bis 2017 als Mitglied des Landtags Niedersachsen, 2006 bis 2016 als Mitglied des Stadtrates Bramsche, 2011 bis 2016 als Mitglied des Kreistages Osnabrück. Dann zog sie in den Bundestag ein. 

Gespannt blicken Weidhofer und Hempe jetzt auf den Wahlsonntag, danach wollen sie analysieren, wie viele Frauen es wirklich ins Parlament geschafft haben. Ihr Ziel: Dass der Bundestag bald mit der gleichen Selbstverständlichkeit zur Hälfte aus Frauen besteht mit der Angela Merkel am liebsten ein Sakko trägt – und eine Hose. 

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