„Die CDU ist eine Volkspartei und Transpersonen wie ich gehören zum Volk“

Laura, 19, ist Transfrau, kandidiert für die Junge Union – und wurde dafür im Netz angefeindet. Wir haben mit ihr gesprochen.
Interview von Franziska Setare Koohestani
laura patricia kasprowski cdu cover

Foto: Privat

„Wir nehmen Hass und Hetze nicht einfach so hin“, schrieb die Junge Union in Mülheim an der Ruhr am Donnerstag auf Twitter und dass man rechtliche Schritte erwäge. Einen Tag zuvor wurden auf dem Account ein Foto und ein Video von der Schülerin Laura Patricia Kasprowski, 19, gepostet. Laura Patricia kandidiert für die Bezirksvertretung 1 bei der Kommunalwahl. Ihr Slogan: „Für eine vielfältige, weltoffene und zukunftsorientierte Stadt“. Laura ist eine Transfrau, die für eine konservative Partei kandidiert. Und das löste heftige Reaktionen – Hass und Beleidigungen – in den Kommentarspalten aus.  

„Ein Mann soll keine Frauenkleider anziehen“, hieß es, „Das ist absolute Degeneration“ und: „Ist das noch CDU?“ Die Junge Union in Mülheim an der Ruhr ließ das nicht auf sich sitzen. „Euch sagen wir von Herzen: Und wie wir CDU sind!“ schrieben sie, und: „Laura, wir stehen hinter dir!“

Wir haben mit Laura darüber gesprochen.

jetzt: Die CDU ist ja nicht unbedingt bekannt dafür, die LGBTQ*-offenste Partei zu sein. 2017 haben zum Beispiel mehr als drei Viertel der Abgeordneten gegen die Ehe für alle gestimmt. Warum bist du als Transfrau denn ausgerechnet in der Jungen Union?

Laura Patricia Kasprowski: Ich bin auf dem Land in NRW aufgewachsen und dort sehr konservativ sozialisiert worden. Mitglied der Jungen Union und der CDU war ich schon vor meinem Coming-Out als Transfrau. Erst im vergangenen März, also schon nach meiner angekündigten Kandidatur, habe ich mich öffentlich geoutet. Im Prozess des Coming-Outs – der ja länger ist als nur ein Stichtag – habe ich mir dann die Frage gestellt: Geht das? Und schnell gedacht: Natürlich geht das! Gerade in diesen Zeiten, wo immerhin 75 Abgeordnete der Union 2017 für die „Ehe für alle“ gestimmt haben – darunter auch der Paten-Bundestagsabgeordnete für unseren Wahlkreis, Matthias Hauer. Ich habe bislang in der Partei keine negativen Reaktionen darauf bekommen und bin auch Mitglied der LSU [Anm. der Redaktion: Bundesverband Lesben und Schwule in der Union] geworden. Die CDU ist eine Volkspartei und Transpersonen wie ich gehören zum Volk. Wer das bestreitet, muss sich eben anders umschauen – das entsprechende Angebot anderer Parteien gibt es ja mittlerweile leider.

Nachdem deine Kandidatur auf der Seite der Jungen Union in Mülheim an der Ruhr öffentlich gepostet wurde, kamen zahlreiche Hasskommentare. Hattest du so etwas schon befürchtet?

Wenn ich bei Facebook oder bei Instagram Dinge poste, bekomme ich immer wieder Hasskommentare. Auf manche reagiere ich, wenn es um eine bestimmte Thematik geht, die meisten ignoriere ich aber. Ich hatte es bei dem konkreten Posting auch schon erwartet. Aber auch deshalb, weil bei uns als Jugendorganisation oft Reaktionen kommen wie: ‚Das ist doch nicht mehr CDU!‘ oder ‚Früher war alles besser!‘. Dass es jetzt in dieser Ballung kam – es waren ja sehr viele Hasskommentare – damit hatte ich dann doch nicht gerechnet. Die Kommentare waren teilweise auch noch heftiger als das, was die Junge Union Mülheim danach in dem Statement geteilt hat.

Dass man Hasskommentare postet, nur weil ich transgender bin, finde ich beunruhigend

Wie bist du damit umgegangen?

Von Gelächter bis hin zur Sorge, dass sich manches gegen mich als Person richtet und nicht gegen meine politische Überzeugung, war alles dabei. Letzteres kann ich durchaus ertragen. Dass man Hasskommentare postet, nur weil ich transgender bin, finde ich beunruhigend. Aber insgesamt würde ich sagen: Ich lasse mich davon nicht beirren!

Konntet ihr identifizieren, ob auch Hasskommentare aus euren eigenen Reihen kamen?

Ganz genau nicht. Wir gehen davon aus, dass es sich um eine Gruppe handelt, die sich über andere Netzwerke kennt und Postings von einzelnen Parteien gezielt raussucht und kommentiert. Trolle, die sich immer wieder auf so etwas einschießen. Bei dem einen oder anderen liest man den Begriff „Altparteien“, der von der AfD geprägt ist.

Die Junge Union in Mülheim hat sich ja schnell solidarisch mit dir erklärt. War diese Solidarität für dich schon immer selbstverständlich dort?

Wir sind in der Jungen Union ein sehr eingeschworener Haufen. Ich weiß, dass ich da enge Freunde habe. Ich habe mir schon gedacht, dass sie antworten werden und auch, dass sie alle dahinterstehen. Nicht nur der Vorsitzende, sondern das gesamte Vorstandsteam. Aber auch über die Parteigrenzen hinaus habe ich viel Solidarität erfahren – trotz des hitzigen Wahlkampfes gerade. Das hat mich nicht verwundert, aber es hat mich beeindruckt.

Das klingt aber sehr harmonisch. Waren die Rückmeldungen aus euer Mutterpartei, der CDU, auch so?

Ich hatte gestern erst noch eine Vorstandssitzung mit der CDU Mülheim-Stadtmitte, wo ich Mitglieder-Beauftragte bin – die erste Frau in diesem Amt. Da haben wir auch über den Vorfall gesprochen und ich habe absolute Rückendeckung bekommen.

Ich messe die CDU-Politiker und Politikerinnen nicht nur an dem was sie sagen, sondern daran, was sie tun

Wie wichtig sind dir denn überhaupt LGBTQ*-Themen für dein politisches Engagement? 

Allgemein ist das natürlich ein wichtiges Thema für mich. Ich gehe immer bei den CSDs mit, bin auch in der LSU aktiv und vertrete die entsprechende Meinung innerhalb der Partei. Im jetzigen Kommunalwahlkampf muss ich aber sagen: Mülheim ist eine insgesamt LGBTQ*-freundliche Stadt – nimmt man einzelne Wohngegenden mal raus, aber die gibt es überall. Wir haben auch ein queeres Jugendzentrum, in dem ich immer mal wieder zu Gast bin. Zur Kommunalwahl an sich habe ich nicht noch extra ein queeres Programm für notwendig erachtet. Für Bundestagswahlen, für Europawahlen ist es meiner Ansicht nach aber natürlich ein enorm wichtiges Thema. Gerade mit Blick auf Polen, Ungarn oder Rumänien. Oder auch was die Unterschiede hier zwischen Land und Stadt angeht. Ich selbst traute mich auch erst, mich zu outen, als ich in einer großen Stadt wohnte.

Der Chef der Jungen Union Tilman Kuban hat sich beim Deutschlandtag der Jungen Union im vergangenen Jahr über nicht-binäre und intergeschlechtliche Menschen lustig gemacht. Wie gehst du mit so etwas innerhalb deiner Partei um?

Das war ja im Rahmen seiner Kandidatur damals für den Vorsitz. Da stand ich hinter Tilman Kuban. Einfach auch, weil er in meinen Augen in Niedersachsen eine eher LGBTQ*-freundliche Politik betrieben hat. In Hannover hat er während eines Wahlkampfes selbst ein queeres Jugendzentrum gefordert. Aus LGBTQ*-Sicht war die Äußerung nicht gelungen, aber ich kann die Intention dahinter verstehen. Das muss man dann innerhalb der Partei diskutieren und notfalls den Streit auch aushalten. Ähnlich war das bei Annegret Kramp-Karrenbauer, die beim Karneval gesagt hat: „Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen.“ Auch ein LGBTQ*-unfreundlicher Spruch. Aber als Kramp-Karrenbauer im Saarland Ministerpräsidentin war, hat sie die Rechte der LSU immer gestärkt. Da sollte man Menschen nicht nur an einzelnen Zitaten festmachen. Ich messe die CDU-Politiker und Politikerinnen nicht nur an dem was sie sagen, sondern daran, was sie tun.

Ich glaube, dass wir schon ein paar Jahre hinterherhinken

Tatsächlich gab es in letzter Zeit häufiger Bestrebungen bei der CDU, für LGBTQ* attraktiver zu werden. Es gab einen Werbespot mit einem schwulen Paar, in dem es hieß: „Wir wissen: Wir haben die Zeichen der Zeit nicht immer gleich erkannt“. 

Ich glaube, dass wir schon ein paar Jahre hinterherhinken. Das Thema war in der CDU sehr lange umstritten. Aber ich denke: es hängt einiges mit dem 30. Juni 2017 zusammen – dem Beschluss für die Ehe für alle. Viele hatten die Befürchtungen, die Ehe selbst würde dadurch einen minderen Wert bekommen. Das hat sie aber nicht und das haben viele kapiert. Wir modernisieren uns.

Angenommen, du bleibst langfristig in der CDU politisch aktiv, auch um im LGBTQ*-Bereich Pionierarbeit zu leisten. Wie siehst du da deine Zukunft?

Für den Zeitraum der nächsten 20, 30 Jahre will ich tatsächlich in der Union bleiben. Und mich selbst auch nach und nach politisch entwickeln. Aber ich persönlich bin dabei auch eher harmonie- statt streitsuchend. Ich wünsche mir, dass ich meine politischen Aufgaben gut mit meinem Prozess der Transition vereinbaren kann. Ich möchte die Sichtbarkeit von LGBTQ*-Personen in der Partei stärken. Um zu zeigen, dass wir eine Volkspartei sind und als solche die Breite des Volkes abbilden – und nicht nur einen Teil davon. 

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