„Seit Corona ist jeder Tag für mich Online-Pride“

Pride und Christopher Street Day finden dieses Jahr fast nur virtuell statt. Drei Menschen aus der LGBTQ-Community erzählen, was das mit ihnen macht.
Protokolle von Matthias Kreienbrink

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

In diesem Jahr bergen Menschenansammlungen ein besonderes Risiko: die Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus. Die LGBTQ-Community möchte dieses Risiko nicht eingehen und feiert Pride und Christopher Street Day im Jahr 2020 daher ausnahmsweise nur virtuell: Im Internet finden diverse queere Events statt, die gleichzeitig Protest sein sollen und queere Künstler*innen zelebrieren wollen. Doch kann das Internet wirklich ein Ersatz sein für Straßenproteste? Gerade in einem so politisierten Jahr wie diesem? Drei queere Menschen berichten von ihren Plänen, erzählen was ihnen fehlt – und wie sie dennoch versuchen zu protestieren.

„Wir erinnern daran, dass ‚Stonewall‘ damals ein Aufstand war, kein spaßiger Protest“

Foto: privat

Franka ist 20 Jahre alt und nutzt als trans Aktivistin Instagram:

„Seit Corona ist eigentlich jeder Tag für mich Online-Pride. Als der Lockdown anfing, hatte ich 400 Follower*innen auf Instagram – jetzt sind es 2300. Ich bin sehr viel aktivistischer auf dem Kanal geworden. Als trans Frau sehe ich mich auch als Aktivistin, will aufklären und aufrütteln und da mir durch Corona die Möglichkeit fehlte, das auf der Straße zu machen, habe ich eben Instagram dafür genutzt. Deshalb werde ich wohl auch nicht aktiv an diesen Pride-Events im Internet teilnehmen – das ist für mich Alltag gerade, dafür brauche ich keinen solchen Anlass.

Seit drei Wochen gehe ich wieder auf Demos. Bin sichtbar und laut für trans Menschen, gehe aber ebenso für Black Lives Matter auf die Straße. Es hat mir sehr gefehlt, das Gefühl zu haben, unmittelbar etwas zu bewegen. Auch wenn mir Instagram in meinem Aktivismus während der Corona-Krise sehr geholfen hat, und ich es auch weiterhin nutzen möchte, merke ich doch, dass es nicht das gleiche ist. Wenn ich online einen Impuls habe, schaue ich mir erstmal Statistiken an, entscheide dadurch, welche Uhrzeit am besten für das Posting passt, denke lange über Hashtags nach, um möglichst viele Leute zu erreichen. Da fehlt mir das Greifbare, das Körperliche.

Es ist mir wichtig, dass ich mit anderen trans und intersex Menschen protestiere. Wir überlegen uns zusammen, was wir anziehen, welche Parolen wir nutzen, welche Plakate wir tragen wollen. Und dann brüllen wir uns die Lunge aus dem Leib, sind laut, zeigen Ungehorsam – erinnern daran, dass ‚Stonewall‘ damals ein Aufstand war, kein spaßiger Protest.

Am Wochenende war ich auf einem Pride-Umzug in Berlin, der am Nollendorfplatz begann. Es waren vielleicht 3000 Leute da und ich hatte das Gefühl, dass viele das einfach nur nutzen wollten, um mal wieder Party zu machen. Aber Pride ist so viel mehr als das. So viele von uns werden immer noch nicht gleich behandelt, dafür müssen wir immer wieder auf die Straße gehen. Nicht um zu feiern, sondern um zu fordern.“

„Ich finde es sehr spannend, zu sehen, wie andere Länder Pride feiern“

Foto: privat

Vivienne Lovecraft, 32 Jahre alt, ist Drag Queen und hat ihre Shows in Internet verlegt:

„Pride werde ich dieses Jahr zu Hause verbringen. Ich wohne mit meinem Freund zusammen und wir werden uns einzelne Shows aus dem Online-Programm rauspicken, um sie uns anzuschauen. Ich finde es sehr spannend, zu sehen, wie andere Länder Pride feiern – das geht sonst unter, wenn ich selbst an einem Umzug vor Ort teilnehme. Was bedeutet Pride etwa auf den Philippinen? Da komme ich her, weiß aber kaum, wie die Szene da aussieht. Denn diese Pride-Demonstrationen bringen ja in jedem Land andere Themen mit sich. In Polen sind gerade andere politische Themen wichtig als etwa bei uns.

Diese digitalen Einblicke sind also sehr wertvoll. Trotzdem vermisse ich die großen Umzüge und die vielen Aktionen rund um Pride und CSD. Gerade als Drag Queen bin ich da eigentlich sehr involviert. Ich tänzle im Fummel durch die Straßen, treffe zufällig Bekannte – bin für einige Menschen sicherlich die erste Drag Queen, die sie in echt sehen. Diese Sichtbarkeit geht nun größtenteils verloren. Sonst kommen viele Tausend Menschen aus den kleineren Orten, um in den Großstädten zu feiern, zu zeigen, wer sie sind. Das alles muss nun online passieren.

Auf der Streaming-Seite Twitch habe ich schon bei einer Online-Drag-Show mitgemacht. Das Motto war die Rollenspiel-Reihe ,Dungeons and Dragons‘ und daran angelehnt haben sich alle Teilnehmenden aufgedraggt. Für mich hat das bedeutet, um die Ecke zu denken. Ich habe schon Drag-Shows für die Bühne konzipiert, konnte mit lauter Musik und Scheinwerfern arbeiten und hatte immer ein Publikum, dessen Energie beeinflusst hat, wie die Show verläuft. Online fehlt das alles, da musste ich überlegen, wie das alles zweidimensional, über einen Screen funktionieren kann. Ich musste also wieder kreativ werden.

Nach der Show saß ich dann im Fummel und geschminkt da. Keine Party, keine anderen Queens. Ich habe mich abgeschminkt und gemerkt, dass mir der ganze Zirkus drumherum fehlt. Eine Drag Show, gerade zum Pride, ist eben auch immer Gemeinsamkeit und Spektakel. Ich hoffe, das kommt bald zurück.“

„Black Lives Matter und Pride – für mich ist das der gleiche Kampf“

Foto: privat

Cédric, 26 Jahre alt, ist Model und Tänzer und feiert Pride mit seinen Freund*innen:

„Dieses Jahr wäre wohl ein wichtiges Pride-Jahr gewesen. Die ‚Black Lives Matter‘-Bewegung politisiert derzeit viele Menschen und das hätte auch auf die Proteste um Pride und CSD überschwappen können. Ich vermisse das Feiern und Sichtbar-Sein auf der Straße sehr. Es sind ja nicht nur die Umzüge selbst, sondern auch alle Veranstaltungen, die drumherum passieren – Treffen, Ansprachen und Partys. Das habe ich die letzten Jahre immer sehr gerne gemacht, bin mit den vielen Tausend Menschen mitgelaufen und habe dann die gesamte Nacht durchgefeiert.

Vielleicht werde ich in die Online-Events reinschauen, die auch die kommenden Wochen angeboten werden. Am ‚Global Pride Day‘ habe ich aber nicht teilgenommen. Stattdessen war ich mit meinen Freund*innen draußen. Das sind auch alles queere Menschen und das ist meine Wahlfamilie. Wenn wir alle zusammen sind, sind wir zu acht und alle davon sind mir sehr wichtig – wichtiger als ein Pride-Event, das ich nur vorm Bildschirm betrachten kann.

Ein wichtiger Teil von Pride ist für mich, zu zeigen, dass queere Menschen glücklich sein können. Dass wir so, wie wir sind, fröhlich sind, Freude haben, andere Menschen finden können, mit denen wir glücklich sind. Dass wir zusammenkommen und uns zeigen. Das mache ich nun mit meinen Freund*innen, wenn auch nicht auf einer großen Parade. Ich bin Schwarz und ich bin queer, für mich ist sowieso jeder Tag Pride, einfach weil ich so bin, wie ich bin. Trotzdem finde ich es schade, dass dieses Sichtbar-Sein vieler queerer Menschen dieses Jahr kaum möglich ist. Black Lives Matter und Pride – für mich ist das der gleiche Kampf. Es geht um Unterdrückung, darum, dass wir nicht so akzeptiert werden, wie wir sind. Die Proteste sind immer eine gute Möglichkeit, das der Mehrheitsgesellschaft zu zeigen. Ich hoffe, nächstes Jahr wird es darum umso lauter.“

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