Das Schönste am Wählen ist das Wahllokal

Oder fast das Schönste. Und noch ein Grund mehr, am Sonntag seine Stimme abzugeben.
Von Nadja Schlüter
Illustration: Daniela Rudolf

Ich habe schon drei Mal den Bundestag gewählt und wie oft ich an Landtags- und Kommunalwahlen teilgenommen habe, weiß ich wegen diverser Umzüge schon gar nicht mehr. Was ich allerdings noch weiß: Die letzten zwei oder drei Mal habe ich Briefwahl beantragt. Weil ich am Wahltag nicht vor Ort war. Oder vorsorglich, für den Fall, dass ich am Wahltag spontan nicht vor Ort gewesen wäre. Aber dieses Jahr habe ich mir schon sehr früh und ganz fest vorgenommen, am 24. September zuhause zu sein. Denn auf meiner Wahlbenachrichtigung steht als Wahllokal eine Schule in meiner Nachbarschaft. Und ich will da unbedingt hin.

Die Gebäude, die an Wahltagen zu Wahllokalen werden, sind meistens solche, die man sonst nicht betritt. Oder nicht mal wahrnimmt, obwohl man jeden Tag mit dem Fahrrad daran vorbeisaust. Zumindest nicht, wenn man mit der Schule fertig ist, aber noch keine eigenen, schulpflichtigen Kinder hat. Denn in den allermeisten Fällen sind es eben Schulgebäude. Die einen werden zum Wählen in ein Gymnasium geschickt, die anderen in eine Grund-, Gesamt- oder Berufsschule. Und das ist großartig. Es gibt sowieso schon tausend gute Gründe, wählen zu gehen – aber wer gerade trotzdem denkt, er will lieber nicht, dem sei gesagt: Tu’s! Damit du ins Wahllokal gehen kannst.

An einem Sonntag eine Schule zu betreten, allein das ist was Besonderes. Das war früher schon toll, als man unter der Woche noch zum Unterricht musste. Die gleichen Wände und Decken und Böden und trotzdem ganz anders, weil sich dazwischen keine Schüler bewegen. So ähnlich ist es auch wieder, wenn man wählen geht, nur, dass noch dazu der Ort fremd ist.

Wenn dann alles ganz ruhig ist und die Schritte auf dem Flur hallen, dann wabern die Schüler, die vor zwei Tagen noch da waren und morgen wiederkommen werden, trotzdem wie Geister in den Gängen, einfach, weil man weiß, dass sie hierher gehören. Manchmal kann man sie sogar riechen, in der Luft liegt dann etwas leicht Säuerliches, der Geruch verschwitzter Achselhöhlen und mit Sportschuhen und -hosen vollgestopfter Turnbeutel. An den Wänden sind vielleicht Malereien der 8a aus dem Jahr 2012, die mit ihrer Kunstlehrerin damals die Flure verschönern durften. Oder da hängen Zeichnungen von Grundschülern, mit unten grünen und oben blauen Balken, die für Erde und Himmel stehen. Oder: Klassenfotos. Grinsende Kinder und Jugendliche und junge Erwachsene, die einem den Weg geleiten in den Raum, in dem man gleich seine Bürgerpflicht tun wird.

Denn das Ganze ist ja nicht nur ein Sonntagsmoment in einer Schule, sondern auch so besonders, weil die Schule für diesen einen Tag zweckentfremdet wird. Am Pult in der 6c sitzt kein Mathelehrer im Norwegerpulli, sondern eine freundliche, ältere Wahlhelferin mit buntem Halstuch, die man noch nie gesehen hat, obwohl sie vermutlich irgendwo in der Nähe und damit auch in der eigenen erweiterten Nachbarschaft wohnt. Sie kontrolliert den Ausweis und macht ein Häkchen und man fühlt sich, wie man sich sonst selten in Klassenzimmern fühlt: ziemlich wichtig und irgendwie mächtig.  Man darf jetzt wählen.

Dafür tritt man in eine lustige Schultisch-Pappaufsteller-Wahlkabine, während an der Wand gegenüber auf einem Whiteboard noch die Tafeldienste der vergangenen Woche stehen. Freitag, als die Schule noch eine Schule war und kein Wahllokal, da haben Jonas und Samira die Tafel geputzt und vielleicht hat der Mathelehrer im Norwegerpulli ihnen gesagt, sie sollen bitte besonders gründlich sein, weil hier am Sonntag gewählt werde. In ein paar Jahren dürfen sie selbst wählen und eigentlich ist es da doch völlig logisch, dass die Wahl dort durchgeführt wird, wo diese beiden im besten Falle zu Menschen heranwachsen, die dann eine kluge Entscheidung treffen. Vielleicht hängt die Aura der Demokratie ja in den kommenden Wochen hier noch in der Luft, so wie der Geruch benutzter Sportschuhe, und infiziert die Schüler ein bisschen. 

Die Schule bringt uns  zusammen, denn wir müssen alle hin. Und die Wahl bringt uns zusammen, denn wir dürfen alle hin

Leider ist man nur so kurz dort. Hallo sagen, Kreuzchen machen, Zettel in die Urne werfen, gehen. Dabei wäre es eigentlich schön, noch ein bisschen zu bleiben und die Wähler anzuschauen. Denn auch die Kombination aus dem Ort und den Menschen ist an diesem Tag eine besondere. Am tollsten sind die Senioren, die ganz traditionell im Sontagsstaat zur Wahl schreiten und in den Schulräumen des 21. Jahrhunderts, in denen vielleicht sogar ein Beamer hängt, irgendwie aus der Zeit gefallen aussehen. Aber fehl am Platz wirken sie trotzdem nicht. Denn heute ist die Schule eben ein Wahllokal und sie sind Wähler und der 18-Jährige, der hier vor ein paar Jahren selbst noch Tafeldienst hatte, der auch. 

Und da treffen sich Schule und Wahllokal, die eigentlich zwei verschiedene Orte und trotzdem der gleiche Ort sind, auch in ihrer Funktion. Die Schule bringt uns alle zusammen, denn wir müssen alle hin. Und die Wahl bringt uns alle zusammen, denn wir dürfen alle hin. Darum wird in der Schule in meiner Nachbarschaft, in einem Klassenraum, in dem vielleicht noch zerknüllte Briefchen im Mülleimer liegen, die unter den Tischen herumgegeben wurden, und hinten auf dem Sideboard ein Stapel Bio-Bücher, die gespaltene Gesellschaft wieder ein kleines bisschen zusammengeführt. Und in all den anderen Klassenräumen, Turnhallen oder Vereinsheimen dieses Landes auch, die sich am Sonntag in Wahllokale verwandeln.

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