Martin Schulz ist die Anti-These zur AfD

Deshalb mögen ihn junge Menschen – obwohl er nach einer ähnlichen Logik funktioniert.
Kommentar von Patrick Wehner
Foto: dpa / Michael Kappeler

Martin Schulz weckt gerade bei jungen Menschen Hoffnung. Wir haben dazu aber keine Forsa-Umfrage in Auftrag gegeben, wir sind nicht durch Deutschlands Innenstädte gelaufen und haben junge Menschen befragt. Das hier ist also ein sehr subjektiver Text. Der sich aber auf ein Gefühl stützt, das sich zumindest in meiner Bubble als Nicht-Trump-Anhänger, Nicht-AfDler (auch wenn ich deren Facebook-Seite aus beruflichen Gründen like) immer wieder bestätigt. Bei Facebook, bei Freunden, in Kneipen. Ich habe bislang niemanden getroffen, der Schulz scheiße fand. Im Gegenteil.

Martin Schulz ist 60 Jahre alt, hat eine Glatze, kommt aus einer Arbeiterfamilie und gerade junge Menschen scheinen ihm zu vertrauen. Sie scheinen eine diffuse und schwer greifbare Hoffnung zu haben –durch wenig mehr begründet als reine Emotion – dass Schulz auch zu dem stehen könnte, was er sagt. Dass er Probleme junger Menschen nicht nur auf dem Schirm hat, sondern deren Lösung zu seinem persönlichen Anliegen macht. 

Schulz nutzt seine Position in der EU seit Jahren dazu, „die dramatische soziale Ungerechtigkeit“ in Europa anzuprangern, Banken und Unternehmen für riskante Geschäftsmodelle und Steuerhinterziehung zu kritisieren. Als EU-Parlamentspräsident sagte er: „Wenn wir die Jugendarbeitslosigkeit nicht bekämpfen, weiß ich nicht, was aus der EU wird.“ Das könnte eigentlich auch ein Phrase sein – und klingt bei Schulz doch ehrlich besorgt. Weil man bei Schulz Kampfgeist raushören kann, wenn er solche Sachen sagt: „Was wir als handelnde Politikergeneration diesen jungen Menschen schulden, sind kluge Ideen, Mut und rasches Handeln.“

Es klingt nach Wut auf ein System, das junge und nicht-reiche Menschen benachteiligt. Und Wut ist ja etwas, das bislang leider nur Rechte glaubhaft für sich in Anspruch nehmen. 

Denn Martin Schulz ist eine Art Anti-These zur AfD, ihr Negativ. Basierend aber auf einer nicht unähnlichen Logik. Denn genauso wenig wie die Rechtspopulisten musste er sich bislang mit Realpolitik rumschlagen. Auch er ist eine Projektionsfläche für die Hoffnungen aller jener, die spüren, dass etwas nicht stimmt, sich aber zu alleine fühlen, um aufzubegehren. Nur eben in weltoffen. Das macht ihn für uns so wichtig.  

In einer Zeit, in der Rechtspopulisten für viele eine vernünftige Alternative darstellen, und in der das Privileg immer mehr verschwindet, mit gleichaltrigen Menschen in anderen Ländern mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zu haben, haben seine Sätze Bedeutung. Auch wenn sie nur Worte sind.

Die SPD ist Realpolitik, Schulz ist eine Projektionsfläche

Ich habe Martin Schulz nie getroffen, bin, trotz meines Nachnamens, nicht mit der SPD verbandelt, finde sie ehrlich gesagt auch nicht besonders wählbar. In der TTIP-Diskussion, zum Beispiel, lauteten ihre Argumente lange Zeit: Vertraut uns, wir wissen schon, was mir machen. Das fand ich zu wenig. Auch Schulz unterstützte dieses Abkommen.

Die Hartz-Reformen der SPD, die den Niedriglohnsektor vergrößert haben, der sich bis in meine Lebenswirklichkeit ausdehnt, schafft auch nur bedingt Vertrauen. Befristete Verträge, Freunde, die mit 30 Jahren noch miese Praktika machen, kluge und fleißige Menschen, die Arbeitslosengeld beantragen müssen, wenn sie nicht wieder bei Mama wohnen wollen. Oder die ihren Lohn von Leiharbeitsfirmen ausgezahlt bekommen. Später als ihre Arbeitskollegen. Und oft weniger als ihre Arbeitskollegen. (Schein-)Selbständige, die wenig verdienen und immer und ständig abrufbereit sein müssen. Ohne große soziale Absicherung. 

Das ist nicht alles die Schuld der SPD, aber so sieht ein großer Teil Deutschlands 2016 aus. Das empfinden viele zu recht als würdelos. So darf die Gesellschaft bei uns nicht sein, finde ich. Und ja, ich weiß, dass es vielen Menschen hier und in anderen Ländern Europas noch schlechter geht.

Was ich sagen will: Die SPD 2016 ist für mich das Ergebnis von Realpolitik und verströmt nicht die Aura einer Partei, bei der ich persönlich mich gut aufgehoben fühle. Oder von der ich glauben könnte, dass ihr Hauptanliegen darin besteht, die gravierende soziale Ungleichheit möglichst schnell zu stoppen, deretwegen immer mehr Menschen unsere Gesellschaftsordnung hinterfragen.

Und hier wird Martin Schulz wichtig. Weil er – noch – über der Realpolitik steht. Weil er – hochgehängt, aber das ist mir jetzt egal – eine ähnliche Agenda hat und ähnlich funktioniert wie Bernie Sanders in den USA. Junge Menschen können ihre Hoffnungen in ihn setzen. Vielleicht auch wegen seiner Vita: 

Schulz war mit Mitte 20 alkoholabhängig, verspielte seinen Job als Buchhändler, verlor fast seine Wohnung. Ein paar Jahre später wurde er zum jüngsten Bürgermeister in der Geschichte seiner Heimatstadt. Jetzt ist er EU-Parlamentspräsident. Kommendes Jahr vielleicht sogar Kanzlerkandidat. Schulz kennt die schwarzen Löcher des Lebens persönlich – und hat offenbar seine Konsequenzen daraus gezogen. Er geht damit aber nicht hausieren. Das alles macht ihn glaubwürdig. Das macht ihn normal. Das macht ihn: nachvollziehbar.

Und es setzt sich fort: Als ein griechischer Abgeordneter der neonazistischen Partei "Goldene Morgenröte" Türken pauschal, derb und rassistisch beleidigte, warf Schulz ihn aus dem Parlament. Nicht aus Parteitaktik. Einfach aus gesundem Menschenverstand. Fand ich gut. Fanden Hundertausende Menschen auf Facebook auch gut.

Als der Populist Nigel Farage nach dem Brexit-Referendum seine Häme im EU-Parlament versprühte und von anderen Abgeordneten dafür ausgebuht und ausgepfiffen wurde, schützte Schulz aber wiederum auch ihn. Wieder ohne Parteitaktik. Ohne Kalkül. Damit zeigte Schulz Größe – und bewies, wie wahre Demokratie aussehen muss, auch wenn es wehtut.

Das sind bislang in erster Linie nur Worte. Was von denen übrig bleibt, wenn er konkrete Politik machen muss, weiß niemand. Aber was alleine mit Worten alles möglich ist, sieht man sehr gut am steilen Aufstieg der AfD. Es tut gut, da ein Gegenmodell zu haben. Es tut gut, Signale zu sehen, die in Menschen Hoffnung wecken. Gerade auch in jungen Menschen.

 

In Brüssel musste er bislang keinen Mindestlohn-Kompromiss aushandeln, oder den Deutschen erklären, warum das Land so viele Flüchtlinge aufnimmt. Ob er in Berlin, als Kanzler oder Minister, dann immer noch Menschen überzeugen kann – keine Ahnung. Ober er mehr sein kann als eine Projektionsfläche – ich würde es jedenfalls gerne glauben.  

 

 

So erklärte uns Martin Schulz, was in Europa schief läuft:

  • teilen
  • schließen