„Diese Notlage gerät in Vergessenheit“

Im Flüchtlingscamp Moria brennt es immer wieder. Politiker und Aktivist Erik Marquardt fordert, dass endlich gehandelt wird.
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Foto: MISSION LIFELINE / @SEENOTRETTUNG / twitter

Aus dem Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos steigt eine große Rauchsäule in die Luft, Menschen beobachten das Geschehen fassungslos aus der Ferne. Das kann man in einem Video vom Donnerstag auf Twitter sehen. Geteilt hat die Szene die Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline, auch der grüne EU-Politiker Erik Marquardt teilte das Video auf Twitter und Instagram. Aktivist*innen und Betroffene vor Ort vermuten, dass das Feuer von einem rechten Mob gelegt wurde, um den Geflüchteten zu schaden und sie im schlimmsten Fall zu verbrennen. Bisher konnte das nicht bewiesen werden.

Das Video sei schockierend, ja, sagt Erik Marquardt am Freitag am Telefon gegenüber jetzt. Aber es sei nicht das erste Mal, das so etwas passiere. Gerade ist Marquardt zwar nicht vor Ort, doch er kennt sich gut aus auf Lesbos, ist regelmäßig dort, zuletzt Anfang August. „Schon im März gab es ja große Ausschreitungen von rechten Mobs gegen die Geflüchteten und die Helfenden – und man hatte nicht das Gefühl, sich in einem Rechtsstaat zu bewegen. Man fühlt sich verloren“, sagt er am Telefon. „Man ist in Europa, in einer Demokratie. Und wenn man die Polizei ruft, passiert nichts. Das hat Spuren hinterlassen. Ich bin sehr skeptisch, was die Polizei in Griechenland angeht.“

Das Video werde gerade viel geteilt, doch es ist nicht das erste Mal, dass ein Flüchtlingscamp auf einer griechischen Insel brennt. „Das Video zeigt einen Dauerzustand. Wenn man sich intensiv mit der Situation vor Ort beschäftigt, dann weiß man um die menschenunwürdigen Lebensbedingungen. Und die EU findet seit Monaten keine Antwort darauf.“ Auch die Freiwilligen vor Ort seien in einer schwierigen Lage: „Ich bekomme immer wieder mit, dass Menschen bedroht werden von Rechten, dass Demos gegen Migration stattfinden.“ Er könne den Unmut der Bevölkerung verstehen. Diese fühle sich von Europa alleine gelassen. „Aber das darf sich doch nicht in Gewalt und Rassismus ausdrücken. Man muss die Menschen davor schützen und die Täter zur Rechenschaft ziehen.“ 

„Man lässt sich in Deutschland treiben von ein paar Schreihälsen. Und das ist traurig“

Im Lager Moria, das eigentlich nur für etwa 2700 Menschen gebaut ist, halten sich derzeit etwa 18 300 Menschen auf. Humanitäre Organisationen fordern schon lange die Schließung des Lagers. Doch es passiert wenig. Zuletzt hatten Thüringen und Berlin geplant, insgesamt 800 Geflüchtete aufzunehmen. Doch die Initiative wurde von Innenminister Horst Seehofer, der seine Zustimmung geben müsste, gestoppt. Er legte aus „rechtlichen Gründen“ sein Veto gegen die Aufnahme traumatisierter Flüchtlinge und geflüchteter Kinder ein. „Absurd“ nennt Marquardt das.

Zumindest die rot-rot-grüne Berliner Landesregierung überlegt, Seehofer wegen seiner Entscheidung zu verklagen. „Diese Notlage gerät in Vergessenheit. Zudem gibt es in der deutschen Bevölkerung eine breite Zustimmung, zumindest Frauen und Kindern zu helfen und sie aufzunehmen. Wenn man das nicht macht oder das blockiert, dann entkoppelt man sich von der Realität. Man lässt sich treiben von ein paar Schreihälsen. Und das ist traurig“, sagt Marquardt.

Den Geflüchteten gehe es mit dem Verlauf der Pandemie und den damit einhergehenden Beschränkungen immer schlechter. „Die Geflüchteten sind seit März im Lockdown, das merkt man ihnen an. Dazu kommt die Angst, dass doch noch Covid-19 ausbricht. Irgendwann wird das passieren. Zudem brennt es dauernd in den vergangenen Wochen.“ Er könne nicht verifizieren, wer diese Feuer gelegt hat. Doch es gebe die Vermutung, dass Menschen dieses Camp anzünden wollen. Dem müsse man nachgehen, außerdem die Geflüchteten besser behandeln: „Die Menschen dort werden wie Dreck behandelt und jahrelang gedemütigt und malträtiert“, sagt der Grünen-Politiker. Er verstehe nicht, wie „man so etwas zulassen kann“. Dennoch bedeute das nicht, dass man nicht weiter gegen die Situation ankämpfen könne. 

soas

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