„An diesem Tag wurde mir klar, dass demonstrieren alleine nicht mehr reicht“

Fünf junge Österreicher*innen erzählen, wie der „Ibiza-Skandal“ sie politisch verändert hat.
Protokolle von Simone Grössing

Foto: ORF Meins Bearbeitung: jetzt

Das Video von Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus auf Ibiza hat viele Österreicher*innen geschockt. Viele junge Menschen hat es aber auch politisiert. In der ORF-Serie „Generation Ibiza“ erzählen junge Österreicher*innen, wie sie die „Ibiza-Affäre“ politisch verändert hat.

„Ich unterstütze die FPÖ jetzt erst recht“

Foto: ORF Meins

„Ich habe mir lange überlegt, ob ich mich politisch sichtbar machen soll. Ich hatte große Angst davor“, sagt Nino. Er ist 17 Jahre alt und besucht ein Gymnasium in Tirol. Im Januar ist er, nach langem Überlegen, der FPÖ-Jugend (RFJ) beigetreten. Als FPÖ-Wähler werde man oft angefeindet, sagt Nino, sowohl von den Medien, als auch in der Schule. Deshalb habe er sich davor gefürchtet, seine politische Haltung offen nach außen zu zeigen „Wenn man im Unterricht sitzt und Lehrer ziehen über die FPÖ her und wissen aber nicht, dass man selbst diese Partei bevorzugt – das ist dann schon verletzend“, sagt er.

„Ich bin zwar schon im Januar der FPÖ beigetreten, richtig engagiert und bei der Partei aktiv eingebracht habe ich mich aber nach dem Ibiza-Video“, so Nino. „Ich unterstütze die FPÖ jetzt erst recht“, fügt er hinzu.

Seitdem besucht er regelmäßig Politik-Stammtische der Parteijugend und diskutiert dort mit anderen jungen Menschen über Politik.

Motiviert dazu hat ihn nach eigenen Angaben die Ibiza-Affäre und der mediale und öffentliche Umgang mit der FPÖ danach. „Die Aussagen von HC Strache im Video sind absolut verwerflich, das muss man wirklich sagen, aber er hat ja nichts davon in die Tat umgesetzt“, sagt der Schüler. Deshalb kann er die Aufregung rund um das Video nicht verstehen. „Ich habe es ungerecht gefunden, dass die ÖVP die Koalition beendet hat.“ Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache erkennt er im Video nicht wieder. „Man sieht, dass er da unter Substanzen steht“, sagt Nino. So sei er der Ex-Parteichef der FPÖ normalerweise nicht. „Ich wünsche mir, dass es die FPÖ nach der kommenden Nationalratswahl wieder in die

Regierung schafft“, so Nino.

„Wir waren so froh, dass endlich ans Tageslicht kommt, wie die FPÖ wirklich ist“

Foto: ORF Meins

„Wenn meine Mutter mich gefragt hat, ob ich mit auf eine Demo gehen will, hatte ich nie Bock“, erzählt die 17-jährige Lea. Die Schülerin aus Wien

interessierte sich bis vor kurzem nicht für Politik. Obwohl ihre Mutter seit Jahren Demos gegen rechts besucht, verbrachte Lea immer lieber Zeit mit ihren Freunden. Dann kam der Ibiza-Skandal und Leas Blick auf Politik änderte sich schlagartig. Lea war zu dieser Zeit gerade auf Klassenfahrt in Spanien. „Ich war zuerst schockiert, aber dann habe ich mich richtig gefreut“, erzählt Lea über den Moment, als sie zum ersten Mal das Video sah. „Wir haben dann die ganze Zeit ‚We‘re going to Ibiza‘ von den Vengaboys gehört. Wir waren alle in Partylaune. Wir waren so froh, dass endlich ans Tageslicht kommt, wie die FPÖ wirklich ist“, sagt Lea.

Das Ibiza-Video findet sie „skandalös“. Am meisten stört Lea, dass die Politiker einfach österreichische Medien wie die Kronenzeitung verkaufen wollen. „Ich finde nicht, dass Politiker sich so verhalten sollten“, so Lea. „Es ist gut, dass ihnen jetzt Grenzen gesetzt werden und sie sehen, dass sie nicht alles machen können, was sie wollen.“

Lea geht seit der Ibiza-Demo wöchentlich nach der Schule zu den

regierungskritischen Donnerstags-Demos, die es seit Beginn der türkis-blauen Regierung vor zwei Jahren gibt. Ihr Ziel ist es, eine Neuauflage einer Koalition zwischen FPÖ und ÖVP zu verhindern. „Ich will einfach nicht, dass sich so etwas wie die Ibiza-Affäre noch einmal wiederholt“, sagt Lea. Gemeinsam mit Freunden diskutiert sie jetzt regelmäßig über Politik. „Ibiza war schon ein bisschen ein Hype. Ich glaube, vor allem junge Menschen interessieren sich jetzt viel mehr für Politik.“

„Ich bin zu 90 Prozent ein verlorener Wähler“

Foto: ORF Meins

Von den liberalen NEOS bis zur konservativen ÖVP – bisher ist Markus, 25, immer wählen gegangen. Zuletzt hat er sein Kreuz bei der rechtspopulistischen FPÖ gemacht. Seit der Ibiza-Affäre hat Markus aber den Glauben an die Politik verloren. Bei der kommenden Nationalratswahl will er seine Stimme nicht mehr abgeben. „Ich bin zu 90 Prozent ein verlorener Wähler“, sagt er. Schon länger hatte Markus ein mulmiges Gefühl beim Wählengehen. „Dass Politiker machtgierig und korrupt sind, habe ich mir schon vor Ibiza gedacht. Es hat sich jetzt aber für mich endgültig bestätigt.“ Es mache für ihn eigentlich keinen Unterschied mehr, ob er die ÖVP, FPÖ oder mit Abstrichen die Grünen wähle, es seien ja alle „korrupt“, so Markus.

Der „Ibiza-Skandal“ habe Markus gezeigt, dass Politiker sich „sehr proletenhaft und versoffen verhalten“. Politiker sollten sich aber anders benehmen, meint er. Obwohl er von der Politik enttäuscht ist, interessiere er sich noch immer sehr für sie, erzählt Markus. In seiner Freizeit bloggt er sogar regelmäßig darüber. In einem seiner letzten Artikel ruft er zum Nichtwählen auf. Denn der Akt des Wählens signalisiere Nachfrage. „Wenn ich wählen gehe, bestätige ich das bestehende politische System und das schaut eben aus wie Strache und Gudenus auf Ibiza – proletenhaft und versoffen.“

„Wahrscheinlich werden wir zurückblicken und sagen: Nicht mal Ibiza konnte euch stürzen“

Foto: ORF Meins

„Ich war gerade auf der Nationalbibliothek, um zu lernen. Ich habe die Leute draußen am Gang brüllen gehört und habe mich gefragt, was los ist“, erzählt Lotti über den Morgen nach der Veröffentlichung des „Ibiza-Videos“. Der damalige FP-Parteichef Heinz-Christian Strache hatte gerade seinen Rücktritt bekannt gegeben. „Ich habe dann auf Whatsapp gelesen, was passiert ist und habe angefangen vor Freude zu weinen.“

Die 16-jährige Schülerin packte daraufhin ihre Sachen zusammen und machte sich auf den Weg zum nahe gelegenen Wiener Ballhausplatz, um dort für Neuwahlen zu demonstrieren. „An diesem Tag wurde mir aber klar, dass demonstrieren alleine nicht mehr reicht. Um längerfristig die Politik zu verändern, muss ich mich bei einer Partei engagieren.“ Das „Ibiza-Video“ habe ihr klar gemacht, dass das politische System in Österreich zutiefst „zerstört“ sei und Politik hierzulande „populistisch“ und „unehrlich“ sei.

Lotti möchte nun eine Neuauflage der türkis-blauen Regierung verhindern. Deshalb hat sie sich einer Oppositionspartei angeschlossen. Ihre Wahl fiel auf die Grünen. Besonders deren Klimapolitik hat sie überzeugt. Seit Sommer nimmt Lotti an Lesekreisen der Grünen Alternativen Jugend teil. Auch im Wahlkampf möchte sie mithelfen. Trotzdem ist die Schülerin angesichts der bevorstehenden Wahl pessimistisch. „Ich glaube, dass es nach der Nationalratswahl die gleiche

Koalition wieder geben wird. Wahrscheinlich werden wir zurückblicken und sagen: Nicht mal Ibiza konnte euch stürzen.“

„Ich dachte mir: So blöd kann man nicht sein“

Foto: ORF Meins

Michael ist gelernter Maschinenbautechniker und arbeitet als Leiharbeiter im Prothesenbau. Er ist Betriebsrat und seit kurzem Mitglied bei der SPÖ. Als er vom „Ibiza-Video“ hörte, verteilte er gerade für seine Partei Flyer. „Meine erste Reaktion war eine Mischung aus Überraschung und Vorfreude“, so der 29-Jährige. „Ich dachte mir: So blöd kann man nicht sein, wenn man sich bei so etwas filmen lässt. Ich habe mich aber gleichzeitig darüber gefreut, weil ich wusste: Das wird die türkis-blaue Regierung nicht überleben.“

„Ich habe mir schon gedacht, dass viele Leute gerne in die eigene Tasche

arbeiten. Aber dass Politiker so brutal ehrlich und ohne Scham diskutieren, österreichische Medien einfach zu verkaufen, das war schon heftig.“ Nach der Euphorie über die Fehler der anderen kam bei SPÖ-Wähler Michael schnell der Schock: „Zu diesem Zeitpunkt war unsere Öffentlichkeitsarbeit nicht dafür bekannt, die beste zu sein.“

Michaels Sorge bestätigte sich kurz darauf. Bei der EU-Wahl schaffte es die SPÖ nicht, von der Ibiza-Affäre zu profitieren und erreichte mit 23,3 Prozent ihr historisch schlechtestes Ergebnis auf Bundesebene. Schuld daran ist laut Michael der schlechte mediale Auftritt. „Vor allem das lange Hinauszögern, wie man sich beim Misstrauensantrag entscheiden würde, finde ich falsch.“ Trotzdem möchte Michael sich weiterhin für die SPÖ engagieren: „Ich weiß, wir haben viele Fehler gemacht. Aber es ist die einzige Partei, die sich für Arbeiter einsetzt.“

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