Wer geht heute noch zu Pegida?

Seit fünf Jahren demonstriert Pegida in Dresden. Ein Besuch bei Anhänger*innen und Gegner*innen.
Von Marcel Laskus

Foto: Maximilian Helm

Sie hält ihn für einen Idioten. Er hält sie für eine dumme Kuh. Aber nun sind das Gesicht des Idioten und das Gesicht der dummen Kuh so nah beieinander, dass sich ihre Atemwolken vermischen an diesem kalten Oktobernachmittag in Dresden. Einen Moment zuvor hat sie, ihr Name ist Birte, ihm zugerufen, ob er denn wisse, dass er hier mit Nazis demonstriert. Daraufhin baute sich der Mann, der vielleicht 60 Jahre alt ist, vor ihr auf. Und nun schaut er Birte in die Augen, aus unangenehmer Nähe. Wer daneben steht, bekommt das Gefühl: Der schlägt gleich zu.

Aber Birte, einen halben Kopf kleiner und mindestens 40 Jahre jünger, bleibt stehen. Sie geht keinen Schritt zurück. Zu oft hat sie Ähnliches erlebt, zu oft wurde sie als „Schmarotzerin“ und „Linksfaschistin“ beschimpft. Es juckt sie nicht mehr. Noch einmal tauschen die beiden zornige Blicke aus. Noch einmal sagt der Mann: „Du dumme Kuh.“ Er schlägt nicht zu. Er geht zurück, zu den anderen. Etwa tausend Menschen sind heute gekommen. Auf der Gegenseite und damit auf der Seite von Birte sind es etwa hundert. Und in wenigen Minuten beginnt sie, die 192. Demonstration von Pegida.

Bevor Birte volljährig wurde, hatte sie alles erlebt, was man auf einer Demo erleben kann

Ja, Pegida gibt es noch. Davon kann man sich vor Ort überzeugen, in der Dresdner Altstadt, an etwa jedem zweiten Montag im Monat, seit fünf Jahren schon. Am Sonntag feiert die teils rechtsextreme Bewegung ihren Geburtstag. Und deshalb gibt es auch sie noch, die Menschen, die sich montags versammeln, auf der einen und auf der anderen Seite, um dafür zu sein oder dagegen. Sie sind da, obwohl so gut wie niemand mehr zuschaut. Es ist ihr Ritual. Viele von ihnen sind alt, sehr alt sogar, mit grauen Haaren und müden Blicken. Sie stehen vor allem auf der Seite von Pegida.

Aber auch Jüngere sind unter ihnen, vereinzelt jedenfalls, wie der 22-Jährige, der einen langen, rehbraunen Mantel trägt. Sein Gesicht wirkt jungenhaft. Seit 2017 läuft er regelmäßig bei Pegida mit, wie er erzählt. Die AfD, sagt er, sei ihm nicht rechts genug. Und seit sie im Bundestag sitzt, müsse man sie genau an ihren Auftrag erinnern: rechts außen zu stehen. Seinen Namen will er nicht sagen, weil er befürchte, seinen Job zu verlieren. Die meisten anderen Pegida-Demonstranten, vor allem die wenigen Jüngeren, wollen nicht mal reden. Nähert man sich ihnen als Journalist, dann antworten sie mit Beschimpfungen und der Kamerafunktion ihres Smartphones. Auch das hat man schon oft gehört und gelesen, auch das ist Teil des Rituals.

Während viele ihrer Mitschüler*innen irgendwann das Interesse verloren, demonstriert Birte, 19, seit fünf Jahren unermüdlich gegen Pegida.

Foto: Maximilian Helm

Nun ist es 18:30 Uhr, die Pegida-Kundgebung beginnt und Birte wirkt nicht so, als habe sie die Begegnung von eben besonders beeindruckt. Dazu muss man wissen, dass Birte gerade 15 Jahre alt geworden war, als sie damit begann, auf die Straße zu gehen. Fünf Jahre ist das her. 15 war auch ihr Alter, als sie das erste Mal beschimpft wurde, von den Menschen auf der anderen Seite. Und mit 15 war es auch, als sie das erste Mal von ihren Mitschülern abschreiben musste. Weil sie bis weit in die Nacht auf der Straße gestanden und ihre Hausaufgaben nicht mehr geschafft hatte. Kurvendiskussionen waren wichtig, Diskussionen auf der Straße waren wichtiger. Im zweiten Jahr schrieb sie eine Seminararbeit darüber, wer die Menschen sind, die zu Pegida gehen.

Man könnte auch sagen: Bevor Birte volljährig wurde, hatte sie alles erlebt, was man auf einer Demo erleben kann. Dieser Montag im Oktober 2019 in Dresden ist für sie also Normalität, nicht mehr und nicht weniger.

„Abschieben, abschieben“, rufen ein paar Menschen vor der Bühne

Und so steht Birte auch heute wieder hier, den Reißverschluss der Jacke fast bis zum Kinn hochgezogen. Die letzten Sonnenstrahlen flackern über die prachtvollen Altstadtplätze, es weht ein kühler Wind. Ob es Birtes 100. Demonstration gegen Pegida ist oder schon die 150.? „Ich weiß es nicht“, sagt sie. Auch heute hat sie keine Plakate und keine Poster dabei. Sie hat nur sich und ihre Stimme. Und sie hat ihre Mutter, die neben ihr herläuft und sie so oft begleitet. Früher habe sie „Nationalismus raus aus den Köpfen“ gerufen und solche Sachen. Im Hintergrund wummert „Raven gegen Deutschland“ von Egotronic aus den Boxen. Mittlerweile sei sie ruhiger geworden, sagt Birte. Mit 19 Jahren ist sie ein Routinier.

Auf der Pegida-Seite stehen vor allem ältere, auf der „No Pegida“-Seite vor allem jüngere Demonstranten. Wie diese drei Studenten.

Foto: Maximilian Helm

Drüben, auf der anderen Seite, gleich vor der Dresdner Frauenkirche, wird es nun lauter. „Abschieben, abschieben“, rufen ein paar Menschen vor der Bühne. Und auf der Bühne sieht man die alten Pegida-Frontmänner Lutz Bachmann und Siegfried Däbritz. 2014 haben sie den Pegida-Verein gegründet und auch heute noch halten sie Reden, deren Inhalt so bösartig und bekannt ist, dass wohl kaum jemand etwas davon hätte, ihn an dieser Stelle zu lesen. Alles also wie immer bei Pegida. Nur dass sich heute kaum ein Mensch mehr für dafür interessiert.

Heute ist Birte 19 und keine Schülerin mehr, sondern Studentin. Sie lebt in Dresden, immer noch, und immer noch geht sie jeden Montag auf die Straße. „Meine Freundinnen wissen, dass ich montags nichts mit ihnen unternehmen kann“, sagt sie. Nur als es im vergangenen Jahr im ersten Semester an der Uni besonders viel zu tun gab, habe sie für einige Wochen gefehlt. So beharrlich und jung, wie sie ist, denkt man dieser Tage zwangsläufig an Greta Thunberg. Wie Greta begann sie ihren Protest als Teenager. Und wie Greta kam sie immer wieder zu den Gegendemonstrationen, auch wenn die meisten anderen schon nicht mehr da waren und wieder zur Schule gingen. Doch einen entscheidenden Unterschied gibt es zwischen Birte und Greta Thunberg: Birte, die Dresdner Chemiestudentin, kennt so gut wie kein Mensch.

Der Montag in Dresden ist wie ein Theaterstück, bei dem jeder seine Rolle kennt

Warum also ist sie noch hier, wenn doch niemand es mitbekommt? Fühlt es sich manchmal so an, als sei ihr Einsatz egal? „Ja“, sagt Birte und dann macht sie eine Pause. „Vielleicht ist das so. Aber auch nach fünf Jahren Pegida will ich zeigen, dass dieses Gedankengut nicht akzeptiert werden darf.“

Die Pegida-Demos sind in Dresden zu einem Ritual geworden, zu dem es auch gehört, das Gespräch mit der Presse zu verweigern.

Foto: Maximilian Helm

Foto: Maximilian Helm

Foto: Maximilian Helm

Foto: Maximilian Helm

Foto: Maximilian Helm

Vor vier Jahren noch hat Pegida die Debatten im Land geprägt. Montags reisten Fernsehteams aus aller Welt nach Dresden. Sonntags saß Pegida bei Günther Jauch auf der Couch – und fünf Millionen Deutsche schauten zu. Spricht man heute mit Journalisten, die in Dresden leben und seit Jahren über die Stadt berichten, können nicht einmal sie sofort sagen, ob es Pegida überhaupt noch gibt. Andere Themen sind wichtiger. Der politische Diskurs wird längst anderswo bestimmt als auf den Straßen von Dresden. Längst sitzt die Alternative für Deutschland im ganzen Land in den lokalen und nationalen Parlamenten. Auf linker Seite hat sich mit „Fridays for Future“ und „Extinction Rebellion“ ein neuer progressiver Geist formiert. Und Pegida? Ziemlich 2015. Und damit irgendwie auch egal.

Der Montag in Dresden ist wie ein Theaterstück, bei dem jeder seine Rolle kennt und das man einfach nicht aus dem Programm streichen will. Jede Kritikerin und jeder Kritiker hat seine Einschätzung längst verfasst. Schon seit einer Weile kommen nicht mehr so viele Menschen wie früher. Und doch sind es noch genug, um die Vorstellung nicht ganz abblasen zu müssen.

Gewalt, Drohungen, Holocaust-Leugnung – alle Stufen der Eskalation ist man schon abgeschritten

In den Anfangsmonaten, als auf beiden Seiten die Teilnehmerzahlen noch höher waren, mussten etliche Polizisten die beiden Lager voneinander trennen, damit die Lage nicht eskalierte. An diesem Montag beleidigt man sich – so wie der Mann und Birte. Die großen Ausschreitungen bleiben jedoch aus. Es wirkt so, als koste es schon genug Energie, sich Montag für Montag aufzuraffen und hierher zu kommen. Gewalt, Drohungen, Holocaust-Leugnung – alle Stufen der Eskalation ist man schon abgeschritten. Pegida kann niemanden mehr erregen.

Eine, die alle Stufen der Eskalation erlebt und dokumentiert hat, ist Flo, 24 Jahre alt. Schon mehrfach drohte man damit, sie zu vergewaltigen. Deshalb arbeitet sie unter dem Pseudonym Florenturna. Seit fünf Jahren hält sie das Geschehen bei Pegida auf Twitter fest, mit Meldungen und Fotos, wie ein Fußball-Ticker. Ihre Arbeit kann man als Dokumentation der Zeitgeschichte verstehen, ihr Publikum ist überschaubar. Beiträge bekommen mal zwei Likes und mal 14. Warum sie das macht? „Ich möchte festhalten, wenn etwas vorfällt. Polizeigewalt, Übergriffe auf Gegendemonstranten und so weiter.“

Der Versuch, mit der Gegenseite zu reden, führt oft zu absurden Situationen

Bei der Begegnung von Birte und dem älteren Herrn stand sie nur zwei Meter entfernt. Jetzt hat sie dazu getwittert: „18:39 PEGIDA-Sympathisant*innen gehen aggressiv auf umstehende los und bezeichnen diese als ‚Kinderschänder‘ und ‚Brandstifter‘.“ Elf Retweets. 15 Likes. Ein Kommentator schreibt darunter „Alle bekloppt!“. Warum macht sie das, wo es doch so wenig bewirkt und sich kaum jemand dafür interessiert? „Es gibt wenig Genugtuung, das Negative überwiegt“, sagt sie und sieht dabei zerknirscht aus, um kurz darauf wieder zu lächeln. Aber dann sagt Flo noch zwei Sätze, die man zwar schon oft gehört hat, aber nur selten von ein und derselben Person. Sie sagt: „Ich möchte später nicht sagen müssen, dass ich nichts davon gewusst hätte und nichts getan habe.“ Und sie sagt auch: „Ich möchte mit den Menschen reden, auch mit denen auf der anderen Seite.“

Wenn Flo zu den Demos geht, hat sie ihre Kamera immer dabei. Sie gehört zu denjenigen, denen Pegida nicht egal ist.

Foto: Maximilian Helm

Zu welch absurden Situationen es führen kann, wenn man versucht, mit der anderen Seite zu reden, merkte Flo auf einer Demonstration im Jahr 2016 oder 2017. Damals fotografierte sie, wie so oft, das Demo-Geschehen bei Pegida, möglichst aus nächster Nähe. Doch, anders als sonst, merkte sie nicht, dass sie auf einmal mitten in einem Pulk von Demonstranten stand, die sich von der Kamera provoziert fühlten. Manche von ihnen beleidigten sie. Flo fühlte sich bedrängt. Aber dann erinnerte sie sich daran, wie man Pegida-Anhänger umschmeicheln kann. Viele Ostdeutsche mögen Russland. Und bei Pegida mag man Russland besonders. Also begann Flo damit, Russisch zu sprechen, laut und für jeden hörbar. „Entschuldigung“, habe sie dann gesagt, „ich verstehe sie leider nicht.“ Sie redete und redete und die aufgebrachten Männer um sie herum waren auf einmal still. Einer von ihnen kam sogar auf Flo zugelaufen, er bedankte sich bei ihr und gab ihr eine Umarmung. Wofür? Sie weiß es nicht.

Es ist 20 Uhr und nun kehrt der Demonstrationszug nach seinem Rundgang zurück zur Frauenkirche, dem Ausgangspunkt. Die Altstadt ist leerer als vor zwei Stunden, an den Geschäften rollt man die Postkartenständer rein. Nur wenige Touristen schlendern jetzt noch durch die Gassen, um in ihre Hotels einzubiegen. Manche schauen irritiert auf die Demonstranten, ein englischsprechender Tourist macht ein Foto mit vielen Deutschlandfahnen. Birte und Flo und all die anderen Gegendemonstranten laufen auf die linke Seite des Platzes, genau dorthin, wo sie vorhin schon standen. Der Pegida-Demonstrationszug läuft nach rechts. Als zum Abschluss, wie immer, die deutsche Nationalhymne gespielt und gesungen wird, pfeifen die Gegendemonstranten. Wie immer.

Um 20:47 Uhr tippt Flo ihren letzten Twitter-Post für diesen Abend in ihr Handy. Sie schreibt: „Auch der Gegenprotest ist beendet und damit ist für mich Feierabend.“ Vier Kommentare stehen darunter, vier Mal steht darin: „Danke“. Ja, Pegida gibt es noch. Nein, Pegida ist noch nicht allen egal.

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