Zwischen den Welten

Donald Trump will eine Mauer zwischen Mexiko und den USA errichten. Was macht das mit den Millionen Pendlern zwischen den Ländern?
Von Janin Istenits
Foto: privat / Collage: Federico Delfrati

Donald Trump hält an seinen Plänen fest und will für rund 1,5 Milliarden Dollar eine Mauer zu Mexiko bauen. Die jetzige Grenze zwischen den USA und Mexiko ist rund 3200 Kilometer lang, trennt Städte, Dörfer, Flüsse, Berge und Täler. Dort, wo die Grenzmauer bis in den Pazifischen Ozean reicht, überqueren Pauline Mainou (18) und Ken Terry (23) täglich die Grenze, um zu studieren und zu arbeiten. Wie sieht dieses Leben zwischen zwei Welten aus? Wie fühlt es sich an, als Pendler jeden Tag eine internationale Grenze zu passieren? Und was hat sich geändert, seitdem Trump den Mauerbau angekündigt hat? 

Pauline ist Studentin an der San Diego State University, studiert seit einem Jahr Psychologie. Bereits ihre Jugend hat sich zwischen Mexiko und den USA abgespielt: „Ich wurde in Mexico City geboren, lebe mit meiner Familie in Tijuana und fahre seit meinem elften Lebensjahr täglich über die Grenze, um nach San Diego zu kommen“, sagt sie. Ihre Eltern legten schon immer großen Wert auf eine gute Ausbildung, daher war das Studium an einer amerikanischen Universität der nächste logische Schritt nach Paulines Schulabschluss in San Diego. 

Als Schülerin überquerte Pauline die Grenze immer gemeinsam mit ihren Freunden. Ihre Eltern gründeten zu dieser Zeit eine Fahrgemeinschaft mit dem Auto, um ihnen den Besuch einer High School in den USA zu ermöglichen. Zu Beginn ihres Studiums im Sommer 2016 stand Pauline mit ihrem Auto das erste Mal allein an einem der verkehrsreichsten Grenzübergänge der Welt. Jährlich überqueren rund 350 Millionen Menschen die 48 Grenzübergänge zwischen den USA und Mexiko, etwa 250.000 stehen täglich an der Grenze zwischen Tijuana und San Diego, dort wartete auch Pauline in den frühen Morgenstunden, um pünktlich zum ersten Tag an der San Diego State University zu kommen: „Ich war unglaublich nervös und es hat Stunden gedauert, bis ich in San Diego war. Die Situation an der Grenze ist sehr angespannt, die Zollbeamten wollen natürlich immer deine Dokumente sehen und stellen manchmal unerwartete Fragen, wollen mehr über deinen Tagesablauf, deine Pläne wissen oder mustern dich längere Zeit einfach schweigend. Du weißt nie so genau, wann du ankommst und musst deshalb so früh wie möglich los.“

Pauline hat einen straffen Zeitplan, steht jeden Tag um 5:30 Uhr mit ihrem Auto an der Grenze und kommt abends meist nicht vor zehn Uhr zu Hause in Tijuana an, dabei legt sie täglich achtzig Kilometer zurück. Obwohl sie für die Strecke zur Universität unter Idealbedingungen nur eine Stunde bräuchte, kann es schon mal zwei bis drei Stunden dauern, bis sie am Campus ankommt.

Die meisten Studenten aus Mexiko pendeln nicht, weil sie ungern in San Diego leben wollen. Auch für Pauline wäre es um einiges leichter, in der Nähe der Universität zu wohnen, aber das kann sich ihre Familie nicht leisten. Das Leben in Tijuana ist deutlich günstiger als in San Diego. Familien bleiben aber nicht nur aus finanziellen Gründen auf der mexikanischen Seite. Häufig ist es auch so, dass eines oder mehrere Familienmitglieder keinen Aufenthaltsstatus in den USA hat. Besonders seit der Amtseinführung von Donald Trump hat sich die Situation für Mexikaner in den USA weiter verschärft. An der San Diego State University gibt es zahlreiche Studenten, die in Tijuana oder kleineren Städten entlang der Grenze leben, weil ihre Eltern abgeschoben wurden.

An der San Diego State University pendeln etwa zehn Prozent täglich über die Grenze

Das bestätigt auch Norma Iglesias-Prieto, die sich an der San Diego State University als Professorin für „Chicano Studies“ nahezu täglich mit dem Leben von Mexikanern in den USA beschäftigt. „Es gibt viele Studenten, die zunächst in San Diego leben und nach ein paar Semestern nach Mexiko ziehen, weil das Geld nicht mehr ausreicht oder ein Elternteil abgeschoben wurde.“ Andere würden drei oder vier Tage in der Woche auf einer Seite der Grenze studieren und den Rest der Woche bei ihrer Familie wohnen: „Sie sind auf beiden Seiten zu Hause, können mühelos zwischen ihrer amerikanischen und mexikanischen Identität wechseln“, erklärt Iglesias-Prieto weiter.

An der San Diego State University pendeln etwa zehn Prozent täglich über die Grenze, schätzt die Professorin Iglesias-Prieto: „In meinem Kurs ‘Die Grenze zwischen den USA und Mexiko’ hat mehr als ein Viertel der Studenten einen interkulturellen Hintergrund und kennt das Leben zwischen zwei Welten aus eigener Erfahrung.“ Täglich überqueren eine Viertelmillion Menschen die Grenze zwischen Tijuana und San Diego, davon sind Iglesias-Prieto zufolge etwa siebzig Prozent Pendler. Arbeiter und Studenten, die entweder die amerikanische Staatsbürgerschaft oder eine Green Card besitzen. Oder ein F1-Visum halten. Für Studenten gibt es auch die Möglichkeit, als internationale Studierende in den USA eine Universität zu besuchen. Dies ist jedoch für die meisten Mexikaner wenig attraktiv, das bestätigt auch Iglesias-Prieto: „Studenten mit Hauptwohnsitz im Ausland müssen erheblich höhere Studiengebühren zahlen. Daher tricksen sie häufig und geben bei der Einschreibung die Adresse von Verwandten an, die in den USA leben. Das erspart ihnen hohe Gebühren und sie können sich das Studium leisten.“

 

Viele Studenten aus Mexiko möchten neben der guten Ausbildung auch nicht auf die internationale Erfahrung und die Chancen nach dem Abschluss verzichten: „Die meisten Studenten aus Mexiko sind zweisprachig aufgewachsen, beide Kulturen sind feste Bestandteile ihrer Persönlichkeit. Sie sind im Allgemeinen flexibler als amerikanische Studenten und können auf beiden Seiten der Grenze funktionieren“, beschreibt die Professorin. Für sie entstünde mit den engen Grenzbeziehungen eine „glokale“ Identität, die Studenten wie Pauline zu Personen mache, die sowohl im lokalen Bereich als auch auf globaler Ebene problemlos zurecht kämen: „Sie sind sehr kritische Studierende, die durch das Pendeln hervorragend darauf vorbereitet sind, auch im späteren Berufsleben auf alle möglichen Problematiken zu reagieren“, findet Iglesias-Prieto.

 

Der Job in San Diego ist gut bezahlt, die Mieten in Tecate sind sehr niedrig

 

Pauline weiß noch nicht genau, wie es nach ihrem Psychologie-Studium weitergehen soll: „Ich habe mein ganzes Leben in Mexiko gewohnt, aber die komplette Schul- und Studienzeit in den USA verbracht. Ich mag Amerika, weil es hier so sauber und ruhig ist. Aber genauso mag ich auch das bunte Treiben, das mich jeden Tag nach der Uni auf der anderen Seite der Grenze erwartet.“

Genau dieses bunte Treiben hat wiederum den 23-jährigen Casino-Mitarbeiter Ken Terry nach Mexiko gelockt. Im Gegensatz zu Pauline besitzt er die amerikanische Staatsbürgerschaft und wurde in Seattle im Bundesstaat Washington geboren. Seine Kindheit und Jugend war geprägt von Reisen nach Kalifornien, wo er zum ersten Mal mit der mexikanischen Kultur in Kontakt kam. Seitdem zog es ihn immer wieder in mexikanisch geprägte Bundesstaaten wie Kalifornien, New Mexico und Texas. Seit einem Jahr arbeitet er in einem Casino in San Diego und statt direkt in der Nähe seiner Arbeit zu wohnen, entschied er sich dazu, auf die mexikanische Seite zu ziehen: „Ich wohne in Tecate, einem kleinen Ort in der Nähe von Tijuana, wo es auch einen Grenzübergang gibt.“ Der Job in San Diego ist gut bezahlt, die Mieten in Tecate sind sehr niedrig, das kommt dem Amerikaner sehr entgegen. Er genießt das Leben zwischen zwei Welten: „Ich fühle mich in Mexiko zu Hause. Die Arbeit in San Diego macht mir großen Spaß, aber ich komme abends immer gerne nach Tecate – auch, wenn das mehrere Stunden dauern kann. In Mexiko gibt es immer irgendwo einen Hund, der bellt, laute Musik und den Geruch von frisch gekochtem Essen. Das macht einfach gute Laune.“

 

Pauline hat Angst, dass ihr im schlimmsten Fall das F1-Visum für das Studium aberkannt wird

 

Trotzdem wird Ken genauso wie Pauline täglich mit Nachrichten aus dem Weißen Haus konfrontiert, die auch die Stimmung an der Grenze erheblich beeinflussen: „Es ist zwar noch nichts in Richtung Mauerbau passiert, aber dennoch würden mich Trumps Pläne auch direkt betreffen und es wohl schwieriger machen, die Grenze jeden Tag problemlos zu überqueren“, vermutet Ken. Pendler stellen sich nicht nur auf längere Wartezeiten, sondern auch auf erhöhte Kontrollen und eine angespannte Stimmung an der Grenze ein, die sich durch Trumps Einstellung gegenüber Mexiko in den letzten Monaten immer weiter aufgeheizt hat.

 

Pauline hat wie viele andere Angst davor, dass ihr im schlimmsten Fall das F1-Visum für das Studium aberkannt wird: „Ich habe nicht die amerikanische Staatsbürgerschaft, und ohne mein Studentenvisum könnte ich nicht weiter in den USA studieren.“

 

Auch Norma Iglesias-Prieto beobachtet wachsam die tägliche Berichterstattung: „Die Grenzbeziehungen sind momentan sehr angespannt. Pendler sind vorsichtiger geworden, befürchten längere Wartezeiten oder neue Probleme beim Überqueren. Die Thematik rund um die Grenze wird mit dem neuen US-Präsidenten leider immer stärker mit Problemen und Sicherheitsmaßnahmen verknüpft. Dabei ist und bleibt sie für so viele Menschen eine Chance, die mit dem Mauerbau nun auf dem Spiel stehen könnte.”

 

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