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Nike van Dinther will Jens Spahn stoppen.

Foto: Privat

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will fünf Millionen Euro für eine Studie zu den psychischen Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs ausgeben. Viele Menschen empfinden das als Geldverschwendung, da es bereits viele Studien zu dem Thema gibt. Andere macht es vor allem: wütend. So auch die Bloggerin Nike van Dinther („This is Jane Wayne“), die vor zwei Jahren selbst abgetrieben hat, die Folgen und Stigmatisierungen also nur allzu gut kennt. Deshalb startete sie die Petition #WasfürnSpahn, in der sie fordert, das Geld lieber in Hilfen für Frauen zu investieren. Ihr Vorhaben hat viele Unterstützerinnen und Unterstützer: Mittlerweile haben bereits mehr als 39 000 Menschen unterschrieben (Stand: Donnerstagmorgen).

jetzt: Nike, du hast selbst auch abgetrieben. Wie stehst du vor diesem Hintergrund persönlich zu Spahns Plänen? 

Nike van Dinther: Ich könnte jetzt behaupten, durch Aussagen und Pläne wie die von Spahn persönlich verletzt zu werden. Dazu müsste ich ihn jedoch als Stimme im Namen der Frauengesundheit ernst nehmen. Stattdessen kann ich mich nur fragen, was das alles eigentlich soll. Und feststellen, dass er keinen blassen Schimmer davon hat, worüber er da redet. Es geht mir dabei also tatsächlich weniger um mich als gefühliges Individuum als vielmehr um die möglicherweise schwindenden Rechte aller Menschen mit Uterus in einer Gesellschaft, die droht, eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit anzutreten.

Aus welchen Gründen hast du damals abgetrieben? War es rückblickend für dich die richtige Entscheidung? 

Ich habe aus persönlichen Gründen abgetrieben, aber auch aus gesundheitlichen. Und es war die richtige Entscheidung. Eine, die ich zwar viel beweint habe, vor allem aufgrund der herrschenden gesellschaftlichen Stigmatisierung, aber nie bereut. Ich bin ja kein Stein. Bloß tun die Beweggründe eigentlich nichts zur Sache. Es muss in dieser Debatte vor allem um Selbstbestimmung gehen. Es gibt Frauen, die treiben ohne schlechtes Gewissen ab. Aber ganz sicher nicht leichtfertig, sondern gerade deshalb sehr überlegt und bewusst.

Wie empfindest du die Vorstellung, dass eine Abtreibung wie deine damals nicht möglich gewesen wäre? 

Beklemmend. Ich glaube, eine Depression aufgrund der Nicht-Abtreibung wäre in meinem Fall schon während der ungewollten Schwangerschaft sehr wahrscheinlich gewesen. Vorstellen brauche ich mir dieses Gefühl aber ja gar nicht – es gibt genügend Frauen, die wir fragen können, wie sie sich damit fühlen, nicht abtreiben zu dürfen. Und es gibt auch jene, die wir gar nicht mehr fragen können. Weil sie es nicht überlebt haben, keinen Zugang zu legalen Schwangerschaftsabbrüchen zu haben.

Wieso hast du dich für eine Petition entschieden?

Es reicht mir persönlich nicht mehr, gegen Menschen wie Spahn anzuschreiben. Oder besser: über sie zu schreiben. Selbstverständlich ist der Diskurs unendlich wichtig, aber wir bleiben in diesen „Unterhaltungen“ ja tendenziell unter uns, unter Ähnlichdenkenden. Der Gesundheitsminister ist jedoch sehr beharrlich, wenn es darum geht, sich jeder öffentlichen Diskussion zu verwehren. Ich musste ihn also persönlich adressieren. Und das geht heute wohl am besten über Plattformen wie Change.org. Ich sehe uns, also die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner, darüber hinaus als eine Art wichtige Opposition an, die durch die Kraft der Solidarität miteinander irgendwann hoffentlich nicht mehr überhört werden kann. Und darf.

Du schreibst in der Petition, dass Spahn Frauen nicht ernst nimmt. Ist es vor allem das, was dich so wütend macht? 

Ja und nein. Nicht ernst genommen zu werden, das fühlt sich schon als Kind schrecklich an und macht traurig. Als erwachsener Mensch aufgrund des eigenen Geschlechts nicht ernst genommen zu werden, das macht wütend. Vor allem aber, weil dieses „nicht ernst genommen werden“ nur ein Symptom von etwas Größerem ist. Von Diskriminierung etwa. Oder der Infragestellung von Menschen-, bzw. Frauenrechten. Wut ist für mich nicht zwingend negativ belegt; sie funktioniert schließlich auch als Motor.

Wie könnten die fünf Millionen für die Studie deiner Meinung nach besser investiert werden? 

Ich bin da ganz offen. Wenn es bei diesen Geldern ohnehin schon um das Thema Frauengesundheit geht, dann wäre es nur logisch, sich einfach an das Credo zu halten: In irgendein Vorhaben, das Frauen in Konfliktsituationen tatsächlich hilft.

Was erhoffst du dir von der Petition?

Gegenwind ist in diesem Fall grundsätzlich gut. Kampagnen entfalten dann eine Wirkung, wenn es gelingt, Druck auf die jeweiligen Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen auszuüben. Es wäre schön, könnten wir eine erneute Debatte anstoßen, indem wir das Thema irgendwie in den Medien halten und nicht versiegen lassen. Im besten Fall erreichen wir, dass die Studie abgeblasen wird. Es gibt solche Studien längst, nur passen Spahn die Ergebnisse nicht in den Kram. Ich bin mir sicher, dass wir etwas bewirken können – zusammen. Und mithilfe von Politikern und Politikerinnen, die unsere Petition unterstützen.