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Foto: Paula Winkler; Illustration: Jessy Asmus

Roboter, Maschinen und Künstliche Intelligenz nehmen uns die Arbeit weg. Oder ab. Je nach Blickwinkel. Aber stimmt das wirklich? Die Philosophin Dr. Lisa Herzog ist in ihrem Buch „Die Rettung der Arbeit“ (Hanser) unter anderem dieser Frage nachgegangen. Doch es geht ihr um viel mehr als nur um absurde Roboter-Szenarien. Herzog versucht die wichtige Frage danach zu beantworten, wie die Arbeitsbedingungen in Zukunft fairer für alle werden könnten, wie sich Ausbeutung und Lohnungleichheit besser vermeiden ließen. Und sie fordert, dass wir Tech-Millionäre wie Mark Zuckerberg nicht größer machen sollten, als sie sind.

jetzt: Nach Kevin Kühnerts Vorschlag diskutiert Deutschland plötzlich ganz grundlegend über Lohnarbeit und Verteilung von Kapital. Wie sieht Ihrer Meinung nach ein gerechtes System aus?

Lisa Herzog: Die Frage ist zu komplex, um sie in wenigen Sätzen beantworten zu können. Wenn man die Grundsätze der Gerechtigkeit von John Rawls, einem der wichtigsten politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, ernst nimmt, sind Ungleichheiten in der Verteilung nur zulässig, wenn dadurch die am schlechtesten gestellte Gruppe in der Gesellschaft profitiert. Davon sind wir in Deutschland ziemlich weit entfernt! 

Sie fordern in Ihrem Buch „Die Rettung der Arbeit“. Was wollen Sie denn retten?

Ich möchte nicht alles an der Arbeit retten, sondern das, was an Arbeit wertvoll ist. Es könnte sein, dass in Zukunft nur noch wenige Menschen Zugang zu guter Arbeit haben werden und der Rest der Bevölkerung unter schlechten Arbeitsbedingungen leidet. Um dagegen vorzugehen, braucht es politische Steuerung.

Man muss sich in fast allen Berufen damit auseinandersetzen, dass sie sich verändern können

Was meinen Sie mit guter Arbeit?

Arbeit bedeutet, dass man gemeinsam mit anderen etwas schafft, dass man die Umgebung verändert, Ideen in die Wirklichkeit umsetzt und dadurch menschliche Bedürfnisse erfüllt. Menschen haben den Drang zu arbeiten, tätig zu sein. Das merken wir auch daran, dass viele Menschen in ihrer Freizeit Dinge tun, die man als Arbeit bezeichnen könnte, aber selbstbestimmt und nicht fremdbestimmt. Es gibt allerdings viele Formen von schlechter Arbeit, die ausbeuterisch sind, schlecht bezahlt werden, bei denen wir jetzt schon sehen, dass es großen Regulierungsbedarf gibt.

Wo zum Beispiel?

Zum Beispiel im Bereich der Pflege, darüber gibt es ja seit langem öffentliche Diskussionen. 

Die Digitalisierung wird Arbeit grundlegend verändern. Sollten sich junge Menschen frühzeitig fragen, ob ihr Traumberuf in Zukunft womöglich nicht mehr existiert?

Man muss sich in fast allen Berufen damit auseinandersetzen, dass sie sich verändern können. Das Modell, dass man zwischen 16 und 25 fürs Leben lernt und dann nur noch einen Beruf ausübt, wird es so vielleicht nicht mehr geben. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, es kann auch neue Möglichkeiten bieten. Wir werden in vielen Bereichen erleben, dass man mit neuen Dingen konfrontiert wird und sich weiterbilden muss. Auch unser Bildungssystem muss sich darauf einstellen – durch Möglichkeiten der Weiterbildung im späteren Verlauf des Lebens. Die Bologna-Reform hat hier einiges erleichtert. Es geht dann aber auch darum, ob Menschen es sich leisten können, derartige Angebote anzunehmen – ob es später im Leben Bildungskredite gibt, also eine Art BaFöG, für Leute, die sich im Berufsleben weiterbilden wollen.

Sie kritisieren in Ihrem Buch auch, dass Arbeit in Deutschland immer mit Selbstverwirklichung, Beruf mit Berufung gleichgesetzt wird. Warum?

Ich kritisiere eine gewisse Einseitigkeit, die von einem Bild ausgeht, dass wir ein „wahres Ich“ in uns hätten. Diesem Bild zufolge sollen wir herausfinden, was das ist und dann einen Beruf finden, der genau zu uns passt, anstatt darauf zu setzen, dass sich unser Ich im Verlauf des Berufslebens weiterentwickeln kann. Das ist ein sehr individualistisches Bild von Arbeit. Aber ich arbeite ja nicht nur, um mich selber zu verwirklichen, sondern auch, damit andere meine Arbeit nutzen können und ich umgekehrt die Arbeit anderer nutzen kann, durch das Geld, das ich verdiene. Es geht in der Diskussion zu selten darum, in welchem Umfeld wir arbeiten und welchen sozialen Sinn unsere Tätigkeiten machen.

Ich glaube, dass viele junge Menschen nicht viel über unterschiedliche Arbeitswelten wissen

Sie prangern auch die Überhöhung von Menschen wie Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos an. Inwiefern werden die überhöht?

Sie werden heroisiert. Es wird so getan, als hätten sie ganz alleine etwas erschaffen, ohne die Unterstützung anderer. Wenn man sich die Geschichte technischer Erfindungen anschaut, dann stellt man allerdings fest, dass viele große Durchbrüche parallel zueinander von mehreren Personen erreicht wurden. Auch bei Firmengründungen ist das wahrscheinlich so. Facebook gab es vorher als Jahrbuch in Papierform in der Harvard Universität. Wenn Mark Zuckerberg Facebook nicht gegründet hätte, hätte es vielleicht jemand anderes getan. Außerdem kann Mark Zuckerberg seinen Job nur machen, weil andere Leute damit beschäftig sind, sich um Infrastruktur zu kümmern oder Lebensmittel herzustellen.

Wie macht man Menschen bewusst, dass es genauso wichtig und richtig ist, als Elektroniker oder auf dem Bau zu arbeiten wie bei einem Digital-Startup?

Man könnte einiges erreichen, wenn man den „Helden des Alltags“ mehr Aufmerksamkeit schenkt. Also denjenigen, die die Dinge wirklich am Laufen halten. Und wir könnten uns stärker damit beschäftigen, wie der konkrete Alltag anderer Menschen aussieht, was sie wirklich Tag für Tag machen. Ich glaube, dass viele junge Menschen nicht viel über unterschiedliche Arbeitswelten wissen. Es hängt von Zufällen und vom Elternhaus ab, was sie mitbekommen. Auch viele Romane oder Fernsehserien befassen sich immer mit denselben Berufsgruppen, mit Gründern, Politikern oder Polizisten. Dadurch können falsche Bilder entstehen – und daraus dann Formen des Unglücks, weil man einem Beruf nachtrauert, den man nicht ausüben kann, der vielleicht aber gar nicht so glamourös ist, wie er dargestellt wird.

Was Zuckerberg den ganzen Tag macht, weiß auch kaum jemand.

Genau, und so ist es auch bei anderen Berufen. Wie sieht der Alltag aus? Was sind die Freuden und Leiden? Darüber bräuchte es mehr Debatten, damit mehr Menschen sehen, was ihnen liegt. Oder wann sie den Job wechseln sollten. Wir werden älter, müssen länger arbeiten. Es wird schwerer, einen linearen Lebenslauf zu haben, aber das muss nicht unbedingt schlimm sein!