Es ist nicht so, als bräuchte jeder Protest ein Symbol oder eine Ikone. Er braucht ja vor allem eine Masse. Laute Menschen mit einer Botschaft, Überzeugung, Mut und Durchhaltevermögen. Aber wenn sich dann aus dieser Masse zufällig doch eine Ikone erhebt, kann das dem Protest helfen, sich auch medial zu verbreiten. Wiedererkannt  zu werden. Und der Masse etwas – oder jemanden – zu geben, an dem sie sich festhalten und orientieren kann.  

Ist genau das in Iran gerade passiert? Das Bild einer jungen Frau, die ihr weißes Kopftuch an einer Stange hin und her schwingt wie eine Flagge, geht gerade um die Welt. Und könnte Symbol der aktuellen Proteste in ihrem Land werden. Ein Symbol für Freiheit und Frieden.

In Iran gehen seit vergangenem Donnerstag im ganzen Land Menschen auf die Straße, um gegen das Regime zu demonstrieren. Ihre Wut entzündete sich zunächst vor allem an der Wirtschafts- und Außenpolitik (vor allem der Nahost-Politik), richtete sich aber nach und nach gegen das herrschende System an sich (mehr dazu auf sz.de). Seither ist es zu zahlreichen Verhaftungen und Ausschreitungen gekommen. Zwölf Menschen wurden getötet.

Ein Video und ein Foto der jungen Frau, die auf einem Stromkasten steht, ihr Kopftuch abgenommen und zur Flagge umfunktioniert hat, wurde vergangene Woche, nach Beginn der Proteste, auf Twitter und Facebook geteilt. Tatsächlich entstand es aber wohl davor: Die bisher nicht identifiziere Frau nahm am 27. Dezember am sogenannten „Weißen Mittwoch“ in Teheran teil, einer Demonstration gegen die Zwangsverschleierung in Iran. 

Deren strenge Durchsetzung wurde zeitgleich etwas gelockert, sodass Frauen, die ihr Kopftuch abnehmen, nicht mehr verhaftet, sondern nur noch „belehrt“ werden sollen. Die Frau mit der Kopftuch-Flagge sei dennoch festgenommen worden, berichtete die iranische Aktivistin Masih Alinejad der New York Times.

Alinejad ist Gründerin der Facebookseite „My Stealthy Freedom“ (auf deutsch etwa „Meine heimliche Freiheit“), mit der sie Protest gegen die Zwangsverschleierung organisiert. Das offene, wehende Haare einer Frau taucht dort immer wieder als Symbol der Freiheit auf – und auch das Bild der Frau mit Kopftuch-Flagge wurde von „My Stealthy Freedom“ weiter verbreitet.

Mittlerweile ist aus dem Foto eine schlichte, einprägsame Grafik entstanden: die junge Frau in gewaltfreier Pose mit leicht wehendem Haar und dem weißen Kopftuch, das sie in die Höhe reckt, vor einem leuchtend blauen Hintergrund. Stil und Farbgebung erinnern stark an das Emblem der Friedenstaube.

Nach und nach findet diese Grafik nun Verbreitung in den sozialen Netzwerken, auch in Deutschland. Unter anderem hat der Grünen-Politiker Volker Beck sie getwittert. Sie taugt in jedem Fall als Symbol für den Kampf der iranischen Frauen für Freiheit und Selbstbestimmung – und gleichzeitig wohl auch für den Kampf gegen das herrschende System. Denn am Ende kann man das sowieso nicht voneinander trennen.

nasch

Wieso werden Frauen eigentlich so häufig zu Protest-Ikonen?