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„Der weibliche Körper ist eine Repräsentationsfigur für Freiheit“

Warum gibt es derzeit so viele Fotos von Frauen, die zu Protest-Ikonen werden? Eine Professorin für Dokumentarfotografie hat es uns erklärt.
Interview von Nadja Schlüter
Tess Asplund hat sich am 1. Mai 2016 im schwedischen Borlänge ganz alleine 300 Nazis in den Weg gestellt. Das Bild ging um die Welt.

Tess Asplund hat sich am 1. Mai 2016 im schwedischen Borlänge ganz alleine 300 Nazis in den Weg gestellt. Das Bild ging um die Welt.

Foto: David Lagerl / picture alliance / Expo

In den vergangenen Monaten haben immer wieder Fotos für Aufsehen gesorgt, auf denen junge Frauen einer (vermeintlichen) Übermacht gewaltlos die Stirn bieten. Für das Bild der Krankenschwester Ieshia Evans, die bei einer Demonstration gegen Polizeigewalt in Baton Rouge ruhig und aufrecht eine Gruppe schwer bewaffneter Polizisten erwartet, hat der Fotograf Jonathan Bachman den World Press Photo Award bekommen. Auch die Fotos von Tess Asplund und Saffiyah Khan, die sich bei Demos in Schweden und England grimmigen Neonazis entgegenstellten, werden immer noch regelmäßig in den sozialen Netzwerken geteilt und als inspirierend gefeiert. Kürzlich tauchte eine Bild auf, auf dem man sieht, wie eine junge Pfadfinderin in Tschechien einem Rechten unbeeindruckt, fast spöttisch ins Gesicht schaut. Sie wurde ebenfalls sofort in den Kanon der starken Frauen aufgenommen.

Aber was genau ist das Faszinierende an diesen Fotos? Warum stehen immer Frauen im Mittelpunkt? Und gibt es auch etwas, das man daran kritisieren kann? Darüber haben wir mit Karen Fromm gesprochen, Professorin für Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover.

jetzt: Frau Fromm, wie sieht ein typisches Protest-Foto aus?

Karen Fromm: Es zeigt eine demonstrierende Menschenmenge, die Transparente hält oder Fahnen schwingt – das funktioniert als Symbol weltweit und wird überall verstanden. Aber auch der oder die Einzelne gegen eine vermeintliche Übermacht oder den mächtigen Staat ist ein ganz typisches Motiv. Berühmte Beispiele sind Stuart Franklins „Tank Man“ auf dem Platz des Himmlischen Friedens oder verschiedene Fotos von Josef Koudelka, die während des Prager Frühlings entstanden sind.

Auf den Bildern, über die wir jetzt sprechen wollen, fällt auf, dass die Einzelnen immer Frauen sind. Ist das eine neue Entwicklung?

Es ist richtig, dass es diese Bilder jetzt vermehrt gibt – trotzdem ist die Frau als Protestikone nicht neu oder revolutionär. Es gibt zum Beispiel das sehr berühmte Bild von Marc Riboud aus dem Jahr 1967, auf dem man eine Frau, Jan Rose Kasmir, mit einer Blume in der Hand bei einer Demo gegen den Vietnamkrieg sieht.  

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Foto: Jonathan Bachman / Reuters
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Foto: Joe Giddens / AP
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Foto: Vladimir Cicmanec / AP
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Foto: Brendan McDermid / Reuters

Warum eignen sich Frauen so gut als Protestikonen?

Der weibliche Körper wurde oft als Repräsentationsfigur für allgemeine Werte, wie Freiheit, Gleichheit oder Gerechtigkeit eingesetzt, das hat eine ganz lange Tradition in der Kunstgeschichte. Denken Sie zum Beispiel an Allegorien wie „La Liberté“ von Delacroix aus der Französischen Revolution. Gleichzeitig sind die Frauen auf den Protest-Fotos ein stärkerer Gegenpol zur bewaffneten Macht als ein Mann es sein könnte, weil der Körper einer Frau, gerade auch so wie er in diesen Bildern gezeigt wird, im Abendkleid mit nackter Haut, auch mit Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit verbunden wird.

Aber die Frauen auf den Bildern wirken doch gar nicht schutzlos, sondern im Gegenteil sehr stark.

Darum finden die Menschen sie auch so toll: Sie sind ein Symbol dafür, dass es jedem von uns möglich ist, ganz alleine aufzustehen und zu sagen „So geht das nicht!“

Willenskraft schlägt physische Kraft?

Genau. Die Frauen strahlen Bestimmtheit und Ruhe aus, zum Teil lächeln sie sogar – und dadurch wirken sie überlegen oder treten zumindest gleichberechtigt auf. Obwohl das, was ihnen gegenübersteht, rein körperlich betrachtet eine massive Bedrohung darstellt. 

Professorin Karen Fromm

Professorin Karen Fromm

Foto: Arne Gutknecht / HS Hannover

Als Frau kann ich mich leicht mit der Frau im Bild identifizieren. Wie ist das für männliche Betrachter?

Ich könnte mir vorstellen, dass das Bild bei vielen Männern eher einen Schutz-Impuls auslöst. Oder einen traditionellen Gedanken wie: „Wenn sogar eine Frau das kann, kann ich es erst recht.“ Außerdem befriedigen die Bilder eine extreme Schaulust, viel mehr als der „Tank Man“ im weißen Hemd.

Klingt nicht gerade, als seien die Fotos Symbole der Emanzipation…

Auf den ersten Blick schwingt die Idee mit, dass die Emanzipation dazu geführt haben mag, dass weibliche Figuren vermehrt als Akteurinnen, die mit einer gewissen Macht ausgestattet sind, im Bild auftreten. Doch auf den zweiten Blick funktionieren die weiblichen Körper im Bild immer noch als Repräsentationsfiguren, die eingesetzt werden, um einen bestimmten Sachverhalt zu symbolisieren, so wie es traditionell etabliert wurde. Gerade das traditionelle Bild von der „eigentlich schwachen Frau“ ist dabei wichtig und macht den Kontrast zur Macht erst so stark.

Ist das Motiv gerade im Trend? Achten Fotografen bei Protesten jetzt besonders auf Frauen?

Das mag sein. Aber die Fotografen sind natürlich auch extrem geprägt von den Bildern, die es schon gibt. Das ist eine Art Zirkelschluss: Wir alle haben so viele Bilder im Hinterkopf, dass die Grenze zwischen „Bild von der Welt“ und „die Welt als Bild“ verwischt. Ein vertrautes Motiv auf einem Foto gibt uns das Gefühl, dass es mit der Realität übereinstimmen muss, dementsprechend wird es auch in der Realität eher wahrgenommen und dann wieder als Foto produziert. Ein Zeichen für einen Trend ist allerdings die Pepsi-Werbung, mit der der Konzern dann ja ziemlich baden gegangen ist. Die bezieht sich auch eindeutig auf diese Ikonografie und versucht, sie sich zunutze zu machen. 

Die Statue des „Fearless Girl“, die an der Wall Street dem Bullen gegenübersteht, greift das Motiv ebenfalls auf. Allerdings ist es hier sogar ein Kind, das der Übermacht die Stirn bietet. Das verstärkt den Kontrast noch mal, oder?

Das ist zwar eine Kunstaktion, aber ja, die bedient ein ähnliches Muster. Kinder kennen wir sonst vor allem als Opfer von Krieg und Gewalt, wie Omran aus Aleppo oder Aylan Kurdi am Strand von Bodrum. Kinder rufen ein Höchstmaß an Empathie und Identifikation hervor und wirken am schutzlosesten und unschuldigsten. Wenn so ein Kind auf einmal zum Akteur wird, aufsteht und sich als Gegenpol positioniert, dann ist das ein sehr starkes Symbol.

Verbindet die Protest-Bilder noch etwas, außer, dass Frauen darauf die Heldinnen sind?

Sie alle betonen ganz stark den fotojournalistischen Mythos des „entscheidenden Augenblicks“.

Was ist das?

Das bedeutet, dass das Bild den Moment kurz vor einer zentralen Wende des Geschehens oder am Punkt der Konfrontation zeigt. Der Begriff wurde von Henri Cartier-Bresson geprägt, der in Paris das Bild vom „Pfützenspinger“ gemacht hat: Ein Mensch springt über eine große Pfütze und die eine Hacke schwebt ganz knapp über dem Wasser. So entsteht ein Narrativ: Wir denken mit, was vorher passiert ist – der Absprung – und antizipieren, was als nächstes passieren wird – der Mann landet im Wasser und es spritzt.

Aber bei den Protestfotos wissen wir nicht, was als nächstes passiert. Ob es zur Eskalation kommt oder nicht.

Das macht das Spannungsmoment aus, aber letztlich haben wir kulturell gelernt, dass das Bilder sein müssen, bei denen alles gut ausgegangen ist. Wenn etwas passiert wäre, würde man uns vermutlich ein ganz anderes Bild zeigen.

Wie inszeniert sind diese Bilder eigentlich?

Wir wissen ja, dass diese Proteste tatsächlich stattgefunden haben, da wurde also ziemlich sicher kein Model hingestellt. Aber jede Form des Protests ist immer auch auf die Bildmedien ausgerichtet. Wenn Aktionen geplant werden, versuchen die Akteure, die Bilder schon ein Stück weit vorwegzunehmen.

Hat das Internet das verstärkt?

Das nicht unbedingt, dafür etwas anderes: Ich glaube, dass die Fülle an Bildern viele von uns noch überfordert. Wir müssen eine sehr viel stärkere „Visual Literacy“ ausbilden. Also genau darüber nachdenken, was wir auf einem Bild sehen, wie es funktioniert, was es bedeutet, was es vielleicht bewusst nicht zeigt.

Wir sollen Bilder also immer kritisch betrachten. Was muss man bei den „die Einzelne gegen die Übermacht“-Bildern besonders bedenken?

Dass sie zwar einen bestimmten Sachverhalt sehr gut auf den Punkt bringen – aber natürlich auch extrem vereinfachen und das Ausblenden von Kontexten erleichtern. Der Hintergrund, die kulturellen und politischen Zusammenhänge, die zu der Situation geführt haben, werden von dem starken Motiv überlagert, und für uns bleibt nur die Idee des Protests übrig. Ob das letztlich zu mehr Verständnis führt, ist fraglich. Was aber nicht heißt, dass man diese Bilder nicht mehr zeigen sollte.

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